Kurz vor Weihnachten, im Jahr 1940, starb F. Scott Fitzgerald an einem Herzinfarkt. Sein letzter Roman, der auf Deutsch unter dem Titel „Der letzte Taikun“ erschien, blieb unvollendet. Mit nur 44 Jahren war sein von Exzessen gezeichneter Körper verschlissen. Alkohol war seine Geisel, in Hollywood kamen noch literweise Cola, Schlafmangel und Weltverdruss hinzu. Das Schreiben, in das er sich immer wieder rettete, konnte den Verfall des eins gefeierten, glamourösen Schriftstellers der Roaring Twenties nicht aufhalten. Seine Welt lag in Trümmern. „Der große Gatsby“, auf dem vor allem sein Nachruhm gründet, hatte sich nicht gut verkauft, war ein Flop gewesen. Wie ein bürgerliches Leben funktionieren könnte, hatte er, der Aufsteiger aus bürgerlichen Verhältnissen des Mittleren Westens, nie begriffen. Das Geld war Wasser in seinen Händen und er benötigte viel davon. Seine psychisch gestörte Frau Zelda, ein zwar exaltiertes, aber im Grunde kraftloses Südstaatengewächs alter Eltern mit Stammbaum und Dünkel, fristete 1937, als er sich glanzlos als Schreiberling für Hollywood verdingte, bereits ihr Leben im Sanatorium. Seine halbwüchsige Tochter Scottie war auf einer teuren Privatschule. Für beide kam er auf, beiden konnte er nicht mehr gerecht werden. Als Ehemann nicht und als Vater auch nicht.Es sind diese letzten rund drei Jahre, in der sich Fitzgerald wie viele andere auch, für Hollywoods Traumfabrik aus Geldmangel als Drehbuchschreiber verdingte, die Steward O’Nan, dieser vielseitige Seelensezierer, in seinem neuen Roman unter die Lupe nimmt. In seiner so ruhigen wie sparsamen, aber immer akribischen Weise nähert er sich einem verehrten Kollegen, dessen Kontrast in der Art wie er lebte zu dem seinen kaum größer sein könnte. Verhalten, fast schon durchweg distanziert, ist sein Blick, den er nicht nur auf den gescheiterten Mann, sondern auch auf das Hollywood der 1930er Jahre wirft. Illusionslose Geschichten über die Traumfabrik gibt es zuhauf, aber bei O’Nan wird sie endgültig zur kalten Kulisse, ein Ort, in der überwiegend alte, gierige Männer mit Stars und Schriftstellern wie mit angeschlagener und immer wieder aufpolierter Ware handeln, den Profit stets im Auge, auch wenn ab und zu nackte Frauen aus ihren Schränken purzeln und weibliche Stars, wie O’Nan beiläufig die scharfzüngige Dorothy Parker erwähnen lässt, mit allen, außer Rin Tin Tin, geschlafen haben und dabei mitschwingen lässt, dass auch dies nicht ganz auszuschließen ist. Aber das ist nur Ablenkung und belangloses Beiwerk. Es geht immer um den nächsten Film inklusive Heuchelei, Selbstzensur, vordergründige Moral und welchen Ertrag er bringen wird. O’Nan: „… dass die kleinste Mehrheit sich auf die breiteste Wirkung einigte, um das größte Publikum zufriedenzustellen.“ (Was vielleicht der Grund ist, warum bis zum heutigen Tag so viele seichte Filme ins Kino kommen: Massenkonfektion, da nur die Masse Geld bringt und nur die finanziell ertragreichsten Streifen mehrfach aufgebrüht werden, bis auch noch der letzte Dollar herausgequetscht und die Substanz endgültig brüchig und farblos geworden ist.)Obwohl sich eine Menge Stars in diesem Buch wie beiläufig tummeln, bleibt der Grundton trist, melancholisch und hoffnungslos, eine Welt, gesehen durch die Augen eines Mannes, der ganz unten angekommen ist und sich so verzweifelt wie illusionslos zu berappeln versucht, einer der immer noch über seine Verhältnisse lebt, wenn sich auch nur eine winzige Chance dazu bietet, auch in emotionalen Dingen. Denn natürlich gibt es da eine frische, schöne und einigermaßen erfolgreiche Frau, Emporkömmling wie er, die ihn trotz besseren Wissens, was gut für sie wäre, immer wieder unter ihre Röcke kriechen lässt. Er wird ihr genauso wenig gerecht wie seiner Ehefrau und spürt, dass es eine Chance zum Neuanfang in dieser fragilen Beziehung zu Sheilah Graham, einer Klatschkolumnistin, nicht mehr geben wird. Aber nicht die Frauen, weder die verflossene und ewige noch die neue, junge, höchstwillkommene, sind das starke Zentrum des Romans, sondern die intensiven Passagen über das kreative Schreiben um des Überleben willens. Der widerwärtigen Mühe, nichts anderes ist die Arbeit in der trivialen Schreibfabrik, durch Versagen endgültig entronnen, schreibt Fitzgerald buchstäblich im Wettlauf mit seinem sich zu Ende neigenden Leben. Sein schwaches Herz ist, wie das seiner Lichtgestalt Stahr, der Feind, der jederzeit zuschlagen kann und das auch schon getan hat, wenn auch vorläufig noch nicht final. Im sehr fernen Hintergrundrauschen tobt der 2. Weltkrieg, dem schon so viele Menschen zum Opfer gefallen sind und während dessen Verlaufs noch viel mehr verrecken werden. Aus dem Blickwinkel dieser Unglücklichen wäre selbst Fitzgeralds Lebenssituation ein Stück vom Paradies, aber so funktioniert das Leben nicht. Man steckt immer nur im eigenen und was anderen zustößt, kann man letztendlich nicht ermessen und gut ertragen.Unter den noch frischen Eindrücken dieses Buches liest sich Fitzgeralds „letzter Taikun“ mit anderen Augen. Das rücksichtslose Verschleißen von durchaus talentierten Schreibern durch die Studiobosse wird in beiden Werken zentral thematisiert. In willkürlichen, die Konkurrenz befeuernden Teams wurde an oft nur allzu matten Drehbüchern gearbeitet, Dialoge aufpoliert und Handlungen aufgepeppt, meist für die Tonne. Dann kam das nächste Team zum Einsatz. Nennungen im Abspann tatsächlich realisierter Filme waren jedoch erforderlich, um prekäre, wenn auch relativ gut bezahlte Jobs zu behalten. Und Fitzgerald brauchte das Geld dringend. So kam es dazu, dass er sich als einer von vielen auch an das Drehbuch von zu „Vom Winde verweht“ setzen ließ. Vergeblich. Erst als alle Studiotüren endgültig vor ihm verschlossen blieben, hatte er Zeit, sich seinem eigenen Überlebensroman zu widmen, aber die war schon fast für ihn abgelaufen. Freunde gab es kaum noch. Parker und Bogart hatten ihre eigenen Probleme, hingen ebenfalls ständig an der Flasche, und Hemingway hatte sich schon lange vor seinem großen Erfolg zurückgezogen, da er Zelda nicht ausstehen konnte und ihr die Hauptschuld am Niedergang der einstigen Lichtgestalt der damaligen Literaturszene gab. Die Fitzgeralds waren ein klassisches Beispiel dafür, dass manche Menschen sich besser nicht begegnen und wenn doch, sich keinesfalls zusammentun sollten. Taten sie aber, lebten auf der Überholspur, badeten im Scheinwerferlicht, wollten stets von allem zu viel und am Ende taugte ihr Leben nur noch für einen Plot in einer tieftraurigen Geschichte. O’Nan hat diese nur gestreift, ihm ging es vor allem um den letzten Akt im Leben von F. Scott Fitzgerald und er hat sich ihm fürsorglich, aber auch verhalten genähert. Nicht alle werden mit seinem Schreibstil, der zuweilen dem seines Protagonisten ähnelt, zufrieden sein. Da schwingt viel Unausgesprochenes, Angedeutetes mit, auch eine Art von unbedingter Verlorenheit, die ebenfalls Fitzgeralds Werk charakterisiert. In einem amerikanischen Leben, so Fitzgerald, gibt es nur einen einzigen Akt. Da hat er sich geirrt. Im Leben eines jeden Menschen, wenn er nur lange genug lebt, gibt es mehrere. Und durch alle muss er durch, bis zum zuweilen bitteren Ende.Helga Kurz7. April 2016
Ich liebe Schriftsteller. Diese blassen Langweiler, die man auf der Straße völlig übersieht, aber wehe, man gibt ihnen zu trinken und fängt an, über Bücher, Filme oder Insekten zu diskutieren ... Stewart O Nan führt uns F. Scott Fitzgerald in seinen letzten 3 Lebensjahren vor, wie er versucht, fleißig zu arbeiten und wenig zu trinken. Aber Zelda sagt es schon - ^wir beide konnten noch nie gut Maß halten^. Das machte sie aus, das Glamourpaar der späten 20er. Sie müssen interessant gewesen sein. Nun, in den Jahren vor Ausbruch des 2. Weltkriegs, sind beide nur noch Schatten ihrer selbst. Zelda ist in der Irrenanstalt, dick und schlecht gekleidet. Scott schlägt sich tapfer als Drehbuchautor in Hollywood, wo man ihn immer wieder von Projekten abzieht und ihn Geldnöte plagen. Man will es nicht glauben, der Autor vom ^Gatsby^ und pleite, aber das ist die Realität des großartigen Künstlerbohemelebens, gestern wie heute.O Nan kann natürlich schreiben, ich wette, er hat genug creative writing Kurse besucht. Man schaue sich nur seine Dialoge an! Die sitzen. Ich kann aber nicht sagen, dass mich das Buch vom Hocker reißt. Zum Beispiel verstehe ich die Persönlichkeit von Sheila nicht. Was macht ihre Beziehung aus? Für meinen Geschmack bleibt sie als Figur zu vage. Außerdem gibt es wenig Beschreibungen von locations. Einmal heißt es, die Straße wäre breit wie ein Fluss. Naja, Flüsse gibt es aber doch in allen möglichen Breiten. Breit wie die Lenne oder wie der Mississippi?Am Ende geht der Abstieg sehr schnell. Gerade als er an seinem neuen Roman arbeitet, sich die Sache mit Sheila eingerenkt hat und er tatsächlich kaum noch raucht und trinkt. Das ist unfair, aber nicht viel anders als bei Dylan Thomas, Ingeborg Bachmann, Sylvia Plath usw. Verrückt, überhaupt Schriftsteller zu werden ...