Die Welt im Rücken: Ausgezeichnet mit dem mit dem Literaturpreis des Landes Sachsen-Anhalt 2017
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Gegenwartsliteratur EAN 9783499272943

Die Welt im Rücken: Ausgezeichnet mit dem mit dem Literaturpreis des Landes Sachsen-Anhalt 2017

Hersteller: Rowohlt  ·  MPN: 1063181
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Rowohlt
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9783499272943
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Gegenwartsliteratur
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Produktbeschreibung

«Wenn Sie bipolar sind, hat Ihr Leben keine Kontinuität mehr. Die Krankheit hat Ihre Vergangenheit zerschossen, und in noch stärkerem Maße bedroht sie Ihre Zukunft. Mit jeder manischen Episode wird Ihr Leben, wie Sie es kannten, weiter verunmöglicht. Die Person, die Sie zu sein und kennen glaubten, besitzt kein festes Fundament mehr. Sie können sich Ihrer selbst nicht mehr sicher sein. Und Sie wissen nicht mehr, wer Sie waren. Was sonst vielleicht als Gedanke kurz aufleuchtet, um sofort verworfen zu werden, wird im manischen Kurzschluss zur Tat. Jeder Mensch birgt wohl einen Abgrund in sich, i

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Redaktion 11.05.2026 testmonster.de · Redaktion
Wichtig!
Heino Bosselmann 15.05.2024 amazon.de
„Wie erzählt man von sich als einem Idioten?“, fragt Thomas Melle, und es gelingt ihm mit dem Versuch, das tatsächlich zu tun, ein ausgezeichnetes Buch – für jene, die selbst genug Unwucht im eigenen Leben kennen, wie für die, denen das ein Rätsel ist. – Einer, der den eigenen Wahn überblickt, also von einer Meta-Ebene aus protokolliert, ist per se so interessant wie selten; und der Selbstbeschreiber Melle erscheint als echter Literat, schonungslos in der Schilderung und Analyse und sehr beschreibungspotent, ohne dabei ins Affektierte oder Sentimentale abzudriften. Das unterscheidet ihn von der schier unübersichtlichen Menge der Befindlichkeitsblogger, von denen es in der sogenannten „urbanen Literatur“ nur so wimmelt. Melle kann es, und er schreibt aus echtem Leidensdruck, den er sich nicht erst inszeniert, sondern den er in schlimmen Facetten erlebt. Er hat ein echtes Problem, ein Lebensthema, für das „bipolare Störung“ ein medizinischer Begriff sein mag, der, wie alle Begriffe, mehr verdeckt als enthüllt. Der Mann steht unter Hochspannung, aus der Blitze auszacken, die ihn oft genug umhauen. Und natürlich pflanzt sich das in unser Lesekribbeln hinein fort – wohlig, denn wir sehen und hören gern zu, aus der Gnade heraus, selbst vom Wahn noch verschont zu sein.Über alle Klinikerfahrung hinaus versucht Melle, sich immer wieder selbst zu fassen, denn dabei hilft die Klinik eben nicht – das Rätsel, das man sich selbst ist, zu lösen und solcherart Sicherheit im Bewusstsein zu schaffen. Offenbar das Dilemma all dieser Anstalten, die ein Seelenleid einhegen, also medikamentieren und verwalten, aber letztlich nicht kurieren, nicht klären können. Klären kann wieder mal nur die Sprache, Melles Instrumentarium, letztlich inmitten allen Ungemachs sein Glück! Was sagbar, beschreibbar, benennbar ist, das dürfte die Angst mindern, zumal jene vorm Dynamit im eigenen Selbst. Klingt ja – mit Nietzsche – enorm schick, wenn man noch Chaos in sich haben sollte, um einen tanzenden Stern gebären zu können, nur erlebt das der Chaot selbst als so tragisch wie schmerzhaft.Im Ansatz können wir die Stauungen nachvollziehen: „Eine interessante These, auf die ich stieß und die mir sofort einleuchtete, verbindet den Ausbruch der Bipolarität mit einer sonstigen Tendenz der Persönlichkeit zur Überspannung. Die starken inneren Impulse, die eine solche Disposition mit sich bringt, werden in gesunden Zeiten zugunsten des sozialen Funktionierens rigide unterdrückt. Mehr noch, man will es den Mitmenschen allzu recht machen, grenzt sich nicht genügend ab, spürt Irritationen auch da, wo kein anderer sie wahrnimmt, will die Aufgaben und Pflichten allesamt perfekt erfüllen, bis, wie ein Experte es ausdrückte, man ‚erschlagen’ wird ‚von allen Ansprüchen, den fremden wie den eigenen’. dann ist das Maß voll, und die ehedem so erbitterte Selbstdisziplin zerspringt in tausend Fetzen Selbstverlust.Das Gefühl, jetzt erstmals wirklich zu leben, jetzt erstmals wirklich die eigene Stimme zu erkennen und zu erheben, begleitet die Manie. Bisher war ich still, jetzt rede ich. Bisher wurde ich um alles betrogen, jetzt nehme ich, was mir zusteht. Und sei es durch Klauen, Krakeelen, durch Ausraster, deren Intensität sich von Mal zu Mal steigert. Angelegte, kaum vorhandene Eigenschaften, bisher nur Nuancen der Persönlichkeit, wachsen sich ins grotesk Verzerrte aus. Das innere Korsett explodiert. (…) Durch Medikamente und Alkohol hatte sich das Denken in ein dauerhaftes, nicht mehr aufzulösendes Delirium zurückgezogen. Manchmal noch, wenn es sein musste, gelang es mir, wie ein Schauspieler zu gieren, der irgendeine Rolle spielte, um seine Umwelt hin und wieder zu bedeuten, dass er im Grunde noch funktionierte. Aber innen war die Hölle los. Und außen war kaum mehr jemand übrig.“Melle denkt – so wörtlich – darüber nach, ob die Romantik des Irren, etwas Besonderes zu sein, als Wunsch allen Irrsinns gelten kann. Aber davon bleibt auf den dantesken Fluren der geschlossenen Abteilungen psychiatrischer Kliniken und in den traurigen Raucherecken der Psycho-Stationen nicht viel übrig. Jedenfalls nichts Romantisches. Vielmehr wird der Abstand zur Welt und zum eigenen Selbst immer größer. Und kälter. Mag sein, der Autor baute – publikationswild, wie er nun mal ist – zuviel inneren Druck auf, wähnt sich elitär bis genial, sieht sich zudem in Konkurrenz zur platten Pop-Literatur, will es denen zeigen, plant den absoluten Roman, mag und kann aber nicht geduldig oder maßvoll verfahren. Zudem studiert er irre intensiv, sorgt für Input, Input, Input und überfrachtet sich. Der nächste Schub Manie beginnt, und zwar stets so, dass er meint, alle Welt, alle Beziehungen, alle Geschichte, alle Persönlichkeiten ordnen sich wie in einem Gravitationsfeld auf ihn selbst hin. Alles, selbst die lächerlichsten Kleinigkeiten, Alltäglichkeiten werden plötzlich mit höchster, aber irrer Bedeutung aufgeladen, im Sinne einer totalen Zentralperspektive, in der alles, aber auch wirklich alles auf das Ich zuläuft. Ergebnis ist eine alles verzehrende Paranoia. Mag darin nicht zuletzt die Hybris des zu Ende gelebten westlichen Individualismus zum Ausdruck kommen, der jedem suggeriert, er wäre unschätzbar wesentlich und wichtig?„Ich vermutete eine heimliche Weltgeschichte, eine geheime Überlieferung seit Urzeiten, eine Wahrheit die so werden durfte, dass ich selbst auf sie kommen, den Bewusstseinssprung alleine vollführen musste. Wann genau es passiert war, könnte keiner wissen. Über die Jahrhunderte hätte sich aber, so meine Erklärung, eine Messiaserwartung ganz ähnlich der jüdischen aufgebaut, ohne sich auf eine Religion oder einen bestimmten Kulturkreis zu beschränken. Flüsternd und in Metaphern wurde weitergegeben, dass da einer kommen würde, und zwar um den Jahrtausendwechsel herum. Diese geheime Eschatologie, so stellte ich es mir vor, durchzog schon seit Jahrhunderten alle Texte, Lieder und Bilder. Es war eine vieldeutige Art des Sprechens, genau wie die, mit der ich erst kürzlich im Internet Bekanntschaft gemacht hatte. Es war genau diese Art des Sprechens, denn sie durchzog mehr oder weniger alle Äußerungen, vom arglosen Kauf von Zigaretten am Kiosk bis zu Goethes zweitem Faust, und deshalb konnte ich nun auch in Texten, Filmen, Bildern, aus Zeiten weit vor meiner Geburt Hinweise auf den dunklen verworrenen Komplex finden. Messiaserwartungen hatte es immer wieder gegeben, aber dieses Flüstern, dieses Einer-wird-kommen, das die Mütter schon ihren Kindern ins Ohr sangen, es hatte sich viel zäher als die bisherigen Prophezeiungen über die ganze Welt verbreitet. Träge war eine Hysterie angewachsen, deren wahres Ausmaß man erst in einem inneren Zeitraffer würde erkennen können. So trage war der Prozess, dass die Leute gar nicht mehr wussten, welche Hysterie im Kern aller Dinge schlief.“Nur wird der Maniker Melle in seinen Vorstellungen selbst zum Kern all dieser Dinge und damit zum tragikonisch, gleichsam aber verzweifelnden Helden des eigenen fatal-bizarren Messias-Wahns. Und wenn man sich erst als Erlöser für alle und alles ansieht, dann ist es einem egal, welche Kollateralschäden man im eigenen Leben anrichtet und wieviel Existenzmittel man im Vollrausch seiner selbst verballert, zumal ja das Goldenen Zeitalter sogleich eintreten wird. – Ob Patrick Lindner, ob Adolf Hitler, ob Sex-Exzesse oder einfach nur der Suff – all das ist mit Zeichen behaftet und mit einer Bedeutung aufgeladen, die den Maniker surrend hochtransformiert, bis er es dann knallen lässt und zwangsläufig ein Zusammenbruch folgt, der eben nicht in die Erlösung, sondern ins triste Tal der Depression mündet, in dem, erschüttert von der Einsicht in den eben endenden, oft wochenlangen Wahn, das eigene Schamgefühl in einer Weise regiert, wie es vor Stunden noch die Gewissheit der eigenen Omnipotent tat. Das geht bis zum Suizid oder zur Inszenierung des eigenen Todes mit den Mitteln des Internets.Alles in allem ein verschleißendes Doppelleben, so energetisch, dass man Gefahr läuft, nicht nur das eigene Talent, sondern gleich noch das Dasein insgesamt zu verschleißen. Melle hält sogar den Armgips von Ulla Unseld-Berkéwicz, der eitlen Suhrkamp-Verlagsleiterin, für „Fake“ und verdirbt es sich, als er das testet, mit dem Renommier-Verlag, zu dem als Autor zu gehören er sich ja glücklich schätzen konnte. Aber darüber hinaus wird mit pathologischer Konsequenz überhaupt alles an elementar-existentiellen Lebensgrundlagen unterminiert und schließlich in die Luft gejagt, auch die eigene Wohnung, so dass nur mehr wieder die Psychiatrie als letztes Obdach und Nachtasyl bleibt. Zu Unseld-Berkéwicz: „Sie hat meine Entschuldigung angenommen, zwei Jahre später.“ – Dieser Mann muss sich oft entschuldigen. Mit Thomas Bernhard zu sprechen: Naturgemäß.Parallelen ließen sich zu Wolfgang Herrndorfs Sterbetagebuch „Arbeit und Struktur“ ziehen, einem Band, der ebenso authentisch und dabei mit schonungsloser Offenheit das eigenen Leid thematisiert, ohne es zu ästhetisieren, sondern konzentriert dem Motiv folgend, damit irgendwie doch gedanklich fertigzuwerden, indem dafür eine Sprache zu finden wäre. Obwohl Herrndorfs Sterben – von außen betrachtet – so diszipliniert erfolgt, wie Melles Leben liederlich erscheint. Wiederum von außen. Beide stehen innerlich mitten im schlimmsten Drama, bei dem es um nicht weniger als alles geht – der eine den Tumortod vor Augen, der andere von Manie geritten oder von der Depression niedergebeugt. Sie finden dafür Ausdrücke, die uns vermeintlich Normale lebensphilosophisch hoch bereichern! Und sie haben sogar die Kraft zu intelligent bitterem Witz und Humor. Letztlich: Beide schließen nicht nur das Lamento aus, sondern in ihrem geradezu naturalistischem Ansatz ebenso metaphysische, religiöse oder esoterische Betrachtungen, mithin Blickwinkel, die oft genug ins Lamento führen. Starke Literatur!
StevenStone 15.05.2024 amazon.de
Der manisch-depressive Autor erfolgreicher Romane und Stücke blickt in seinem Memoir auf 19 Jahre seines Lebens zurück. Geprägt haben sie drei schwere Manien, 1999, 2006 und 2010. Heute, 2016, ist er unter dem Phasenprophylaktikum Valproinsäure stabil. So würden die Ärzte sagen. Auch er sieht es so. Von der Notwendigkeit, bis an sein Lebensende Medikamente einzunehmen, um eine vierte Katastrophe zu verhindern, ist er inzwischen überzeugt. Ob es gelingt, ist eine andere Frage. Geschildert werden drei Kriege, gegen sich und alle anderen. Danach war kein Frieden, sondern Waffenstillstand, d.h. die obligate langwierige Depression und verwüstete Lebenslandschaften. Wohnungskündigungen und Umzüge in Serie, gescheiterte oder manchmal mit nachtwandlerischem Dussel eben noch durchgezogene Projekte, vergiftete Freundschaften und Beziehungen, Schulden, Schadensbegrenzung. Was ist er heute ? Auch wenn Manie und Depression ihn (bisher) nicht mehr entstellen, so ist er doch ein Verwundeter, ein Versehrter. Nach der ersten Manie gegen Ende des Studiums konnte er seine Genesung noch als vollkommene Heilung begreifen, die Manie als folgenlose Episode und die Zukunft als offen und vielversprechend. Heute, nach dem zweiten Rückfall, ist er ein Gezeichneter, den die gesteigerte Selbstbeobachtung und Sensitivität seiner Künstlernatur nicht loslässt. Stärke und Schwäche zugleich, in den Phasen zum Exzess entartet, sind sie ihm jetzt Gesundheitswächter. („ Meine Psyche war so unmöbliert wie die Wohnung, war überschattet, stand sich selber skeptisch gegenüber, hegte Mißtrauen gegen zu fahrige Gedanken einerseits , gegen die Sedierung und Laschheit andererseits. Wenn ich mich freute, hielt ich mich zurück und faltete die Freude schon im Moment ihres Entstehens kleinformatig zusammen. Wenn ich tagräumte, weckte ich mich rigoros wieder auf…..Nur nicht zu glücklich sein! Nur der Trauer nicht verfallen. Es war ein Leben mit angezogener Handbremse“) Normalität ist das nicht.. Ein Zwischenbericht vom Leben mit dem manisch-depressiven Irresein – so hieß das früher. Heute spricht man von biphasischer, affektiver Störung Typ I. Wer an ihr krankt, schleppt nicht nur die Bleifesseln der Depression in immer unberechenbarer Ausprägung, Häufigkeit und Dauer durch sein Leben, sondern wird wie zum Hohn mit Manien „entschädigt“, die noch verheerender und sozial schädlicher sind als die emotionalen Erstarrungen. Melle hat alles am Hals. Nicht nur die heftige Typ I-Form der Erkrankung, sondern auch noch die psychotische Form der Manie. Schon das erste Kapitel des Prologs führt zu einer Kernfrage affektiver Erkrankungen und des Umgangs mit ihnen. Melle erzählt einer ihm schon vertrauten und sympathischen Tischnachbarin einem Impuls folgend – beide leben in der Literatur – vom Verlust seiner Bibliothek. Es hatte sich so ergeben. Andere Gäste hatten vom Anwachsen ihrer Bibliotheken gesprochen, was sie ihnen bedeuten, wie sehr sie sich darin verwirklichen und finden, wie schwer erträglich ein Verlust sein müsse. Was lag näher als zu erzählen, dass auch er einmal … aber jetzt keine mehr. Nun musste er die Erklärung liefern. ( Er hatte sie in zwei Manien fast vollständig verscherbelt ) Er outet sich also so beiläufig wie möglich. Nun ist es raus. Ein typisches Problem der Depressiven und Zyklothymen. Es zu tun, ausgewählten Menschen gegenüber, dafür spricht manches, noch mehr dagegen.(„Die eigene Katastrophe auszustellen, hat etwas Aufdringliches; es aber nicht auszusprechen ist noch verquerer, wenn man ohnehin schon einmal bei den Konsequenzen angelangt ist.…..Ich schätze, sie wußte das eh. Oder sie wusste irgendwas. Jeder wusste irgendwas.“ S.7/8) Zur Illustrierung der merkwürdigen Informationspolitik zwischen dem Gemütskranken und seiner nächsten Umgebung zitiert Melle die bekannte englische Wendung „the elephant in the room“. („Sie bezeichnet ein offensichtliches Problem, das ignoriert wird. Da steht also ein Elefant im Zimmer, nicht zu übersehen, und dennoch redet keiner über ihn. Vielleicht ist der Elefant peinlich, vielleicht ist seine Präsenz allzu offensichtlich, vielleicht denkt man, der Elefant werde schon wieder gehen, obwohl er die Leute fast gegen die Zimmerwände drückt. Meine Krankheit ist ein solcher Elefant.“) Jedem ernsthaft Kranken gegenüber scheut der Gesunde oder muss sich zumindest „verhalten“. Beim Depressiven und Biphasiker hat es noch einmal eine besondere Note. Da ist es nicht der erschreckende Verfall, der Schmerz und die Einschränkung des Kranken allein, mit der der Außenstehende umgehen muss. Da hantiert der Kranke mit unserem Grundkonsens, dem Wert des Lebens. („Der Kranke ist der Freak und als solcher zu meiden denn er ist ein Symbol des Nichtsinns, und solche Symbole sind gefährlich, nicht zuletzt für das fragile Sinnkonstrukt namens Alltag. Der Kranke ist, genau wie ein Terrorist, aus der Ordnung der Gesellschaft gefallen, gefallen in einen feindlichen Abgrund des Unverständnisses. Und er ist sich sogar selbst nicht verständlich , grausamerweise. Wie soll er sich den anderen verständlich machen.“S.15/16) Eine der stärksten Stellen dieses überragenden Selbstzeugnisses ist die Momentaufnahme eines manischen Abdriftens. Es zeigt die außerordentliche Hellsichtigkeit und poetisch-analytische Kraft des Autors. Informativer Erkenntnisgewinn und Berührtsein von der Kraft und Virtuosität der Sprache stehen gleichberechtigt nebeneinander. Sie konkurrieren nicht. Melle schildert den emotionalen Flush, als solcher durchaus noch vom Betroffen als gegenstandlos wahrgenommen, der sich in kürzester Zeit, denGesetzten unseres Bewußtseins folgend, an konkreten, natürlich paranoid-psychotischen Details und „Beobachtungen“ kristallisiert und gewissermaßen legitimiert. („ Es beginnt mit einem Gefühlsüberschuss. Ein Schock durchfährt die Nerven ……Das Hirn stürzt herrenlos davon. Was ist das? Doch diese Frage blitzt nur auf, kann in der Empfindungshektik nicht weiter behandelt werden. Denn schon verfängt sich der Blick in einem Detail., schon wird der Himmel zur diffusen Bedrohung. Dann kommt der erste Gedanke, dann auf ihm aufbauend der zweite, dann der dritte, und so zimmert sich das Denken schnell, Gedanke für falschen Gedanken ein Gerüst zusammen, das den Gefühlsüberschuss kurzfristig erklärbar macht. Dass dieses Gerüst schon auf völligen Fehlannahmen, auf verrückten Hypothesen beruht, wird nicht mehr erkannt. Es baut sich einfach selbsttätig weiter auf, frickelt besessen ins Haltlose, bastelt wie ein irrer Bricoleur seine brüchigen Gedankenbuden zusammen und sorgt für den Moment dafür, dass das übermäßige Gefühl in einem provisorischen, morgen längst nicht mehr gültigen Erklärungszusammenhang eingebettet wird.“) Der psychotische Wahn als morphende Horrorerscheinung, die sich ihr eigenes Haus baut. Die literarische Brillianz des Buches ist eines. Die Unaufgeregtheit und Gerechtigkeit,die Melles Text wahrt, ist gleichermaßen bemerkenswert. Fast möchte man das klischierte Bild von der „Schule des Lebens“ bemühen. So obszön diese Deutung ist, so differenziert Melle auch hier sehr fein und weicht der ontologischen Perspektive der „Verrücktheit“ nicht aus, was der Rezensent der FAZ offenbar nicht nicht sehen will. Freilich mokiert sich Melle über das billig-vorschnelle Etikett von „Genie und Wahnsinn“, vor allen Dingen wenn es von Trivialliteratur und Hollywood ausgebeutet wird. Aber die unübersehbar häufige Paarung von Künstlerambition und affektiver Störung, der unauflösliche und schwer ergründbare Zusammenhang zwischen kreativem Talent und Gemütskrankheit, die eben doch nicht nur Störung sondern auch nicht isolierbarer Charakterzug ist, das ist ihm schon viel Nachdenken wert. Die Akzeptanz einer solchen Beziehung scheint mir überhaupt Voraussetzung dafür, dass für den Autor allem Anschein nach gute Chancen bestehen, ins Reine zu kommen und damit, wie es gelaufen ist, seinen Frieden machen zu können. Für mich ist es ein weises und besonnenes Buch, so drastisch das ist, was er erlebt.Natürlich ist Melle hochintelligent und ein literarisches Spitzentalent. Das aber sind keine ausreichenden Voraussetzungen für ein solches Buch. In einer Zeit, in der Engagiertheit in Enragiertheit abdriftet und sich die meisten, denen das passiert, dabei wohl fühlen, muss man ein Buch suchen, dass solche leicht entzündliche Themen mit solcher Gerechtigkeit und quasi philosophischer Besonnenheit behandelt. Theater- und Kulturschickeria, Neuköllner Elend, Psychiatrie und Unterbringung, Pharmakotherapie, Ärzte und Therapeuten. Eine tiefe Menschlichkeit und Reife verbindet sich mit Melles frappanter Schlagfertigkeit und Stilistik. Kaltschnäuzige Stand-up-Comedy sind ihm dabei so fern wie larmoyante Sozialanklage. Der letzte Teil des Buches, 2016, ist ein Epilog. Eine Bestandsaufnahme der Bestandsaufnahme. Alle Fragen werden noch einmal ausgespannt. Was wird werden? Was darf ich hoffen? Was muss ich fürchten? Ist mit der Niederschrift des Textes etwas gewonnen? Neuer Grund oder Durchbruch ? Hat etwas Bestand? Habe ich etwas festhalten können? Einfache Antworten gibt es nicht. Zum Verhältnis Leben und Schreiben paraphrasiert er Wittgenstein, philosophisch gebildet wie er ist: ( „Aber sind die Probleme des Textes halbwegs gelöst, sind die des Lebens noch gar nicht berührt“). Ganz zum Schluss, in den letzten Zeilen, wird die titelgebende schöne Metapher von der „Welt im Rücken“ in abgewandelter Form aufgegriffen. Nun ist es die „Bibliothek im Rücken“, die er sich Zug um Zug wieder zusammenstellt. Bücher, als Teil der Welt. Es ist gut, sie im Rücken zu haben. So wie die ganze Welt. Auch von der könnte man philosophisch-melancholisch sagen, dass wir sie im Rücken haben, nicht nur in der Zyklotomie. Der Philosoph Plessner hat dem Menschen seine „exzentrische Positionalität“ vor Augen geführt. Melle stellt ihn vor und mit dem Rücken zur Welt. Das widerspricht sich nicht. Wir haben einen Hintergrund, aus dem wir kommen und in den wir zurücktreten werden. Aber Leben heißt aus ihm hervorkommen.
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