Zu entscheidender Erschütterung eines Herzens bedarf das Schicksal nicht immer wuchtigen Ausholens. Aus flüchtiger Ursache Vernichtung zu entfalten, reizt aber eine unbändige Schreibelust. Diese in Anlehnung an Stefan Zweig an den Anfang gestellte Vermutung beschreibt den nunmehr 91 jährigen Martin Walser (1927-) in vielfältiger Weise.Sein letzten Veröffentlichungen sind nahezu eine Kumulation von Gedanken an Erotik, Liebe und Glaube. In ihnen steckt eine Art Hoffnung, Unsterblichkeit durch das Wort zu erfahren. So lang ich lebe, schreibe ich, sagte Walser mal über sich. Und dieses macht er wahr. Unerbittlich.Dieses als Blog getarnten und dann doch explizit als Roman beschriebene Buch macht deutlich, dass Walser nunmehr sich ent-innert. Sein Leben bedarf einer Äußerung, einer dem Leser zumutbaren Betrachtung des Autors, immer in der Frage eines Grates des Möglichen. Dieser Grat ist es, der Menschen zu Waler-Lesern macht oder eben nicht.Auch hier ist diese Form auf die Spitze getrieben. Ein Brief an eine Unbekannte in mail-/blog Form ist nicht neu. Auch Zweig hat diese Form für sich gewählt. Nur wird hier bei Walser moderne Medientechnik gewählt, obwohl Walser nichts mit dem "neumodischen Kram" (Aussage gegenüber dem Rezensenten bei einer Lesung) anzufangen weiß. Dennoch macht diese Form genau aus, was vielleicht heute in dem menschlichen Einsamkeiten vorgeht. Die Gesprächslosigkeit in vivo wird einer virtuellen in vitro weichen und wird so zu einem Selbstgespräch.Reflektion ist die Gunst dieser Lesezeit, für den Leser eine Begleitung der Fragen des Lebens. Wer bin bin? Was will ich sein? Werde ich geliebt? Was ist Liebe?"Ich bin lieber, was ich wäre, wenn ich nicht zu sein hätte." Walser braucht in den Alterswerken keine Herleitung. Der Sache, dem Gefühl, den Fragen zu dienen und darin eine Lösung anzustreben, sind seine Momente. Und darin wächst er, wie man an den Unterschriften sieht. Er ist derjenige, der nicht aufhört sich mitzuteilen, sei es als Absender, als Verehrer oder nur als mutlos Hoffender.Und egal, welche Situation zur Wahl der Unterschrift führt: das Vorhergesagte wird zu einer Offenbarung, die in biblischer Assoziation apokalyptische Züge annimmt. Und natürlich Erklärungen für die Spontanität bereithält, die ihm Nietzsche u.a. "zuflüstert". Sei bereit, dem Genius der Sprache zu folgen. Sich nur auszudrücken ist das, was das Leben meint.Und was macht Walser? Er drückt sich aus über das was ist und das, was schmerzlich vermisst ist. Sein Leben bedarf einer Vollendung durch einen Anderen. Den zu finden, ein Lebenswerk. Sein Schreiben kreist hier um das Bedürfnis, Platons Kugelmensch zu werden, was nur geht, wenn die zweite Hälfte Wirklichkeit wird. (siehe Platon, Gastmahl)Darum bleibt nur der Schluss bis zu diesem Moment: Die öffentliche Klage ist das Antidot zum eigenen Absturz.Der Rezensent empfiehlt, Walser auch dieses Mal zu lesen.~~
Der deutsche Schriftseller Martin Walser wurde für sein literarisches Werk mit Preisen überhäuft. Der Autor, er wurde 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren, hat nun mit „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte“ einen neuen Roman vorgelegt. Im Zentrum der Geschichte steht der alternde Justus Mall. Der kopflastige Antiheld ist uneins mit sich und der Welt. Vor allem die Frauen machen dem Schwerenöter das Leben schwer. Er liebt zuviel. In einem Blog schreibt er schwärmerische Briefe an eine erträumte Geliebte. Es sind Selbstgespräche, der Mangel bleibt. Martin Walser schreibt in seinem Buch über Einsamkeit, Liebe, Wut und Verzweiflung. Oder über die Altersgeilheit gebrochener Männer. Der Autor ist ein brillanter Wortakrobat und ein grandioser Sprachkünstler. Nur Neues erzählt er nicht. Auch nicht über Reich-Ranicki, der kaum verfremdet, am Rande der betulichen Handlung einen kurzen Auftritt hat. Martin Walser singt die alten Lieder. Oder pfeift er aus dem letzten Loch? Entscheide das, wer will.