Die beiden atheistischen Autoren haben sich der Bibel mit dem Vorhaben genähert, diese als ein Zeugnis der Konflikte zu lesen, welche sich zwischen den Ansprüchen der (biologischen) ersten Natur und den Notwendigkeiten des sesshaften Zusammenlebens unter moralischen Gesetzen, also der zweiten (kulturellen) Natur, im Laufe der Zivilisationsgeschichte ergeben haben. So spricht beispielsweise die Geschichte der Genesis von den Erschwernissen, welche die Sesshaftwerdung und die Akkumulation von Besitz mit sich brachten. Mit der Erfindung des Landbesitzes und des Eigentums wurde nicht nur die einst freie, sexuell weitgehend selbstbestimmt lebende Frau zur Magd des Mannes, vielmehr zerbrachen auch die Bande zwischen den zusammenlebenden männlichen Gruppenmitgliedern, die einst durch eine Ethik der Egalität innerhalb der Jäger- und Sammler-Kulturen zusammengehalten wurden.Die Autoren können von den Geschichten des alten Testamentes bis hin zu den Lehren Jesu im neuen Testament nachweisen, dass die Menschen mit der Idee des Göttlichen einerseits über ihre erste, biologische Natur verbunden waren, welche einer Moral der Vergebung und Versöhnung zugeneigt blieb, während sie andererseits die Vorstellung eines himmlischen Herrschers zu dem Zwecke bemühten, gesellschaftliche Konventionen aufrecht zu erhalten, welche für das Zusammenleben agrarisch verfasster Gesellschaften zwar notwendig waren, der ersten, biologischen Natur jedoch widersprachen. So entstanden also der Gott der Versöhnung und des Trostes, welcher die erste Natur anrührte, parallel zum richtenden Herren, welcher die zweite, sozialisierte, Natur gegen die Versuchung der eigenen Biologie stützte, wie auch schließlich der abstrakte Gott der Philosophen und Systematiker, die sich bemühten, solche Widersprüche zu glätten und andererseits die Unangreifbarkeit der Idee Gottes gegen allen Zweifel zu sichern.Fruchtbar für unsere heutige Situation, in denen der organisierte Atheismus genauso auf dem Vormarsch ist wie die Praxis der Meditation und anderer östlicher kontemplativer Methoden, ist die klare Analyse, wie der Mensch sich seinen Gott als Begriff und Vorstellung schuf, und wie er sich dadurch wichtigen Herausforderungen der "conditio humana" zu stellen suchte.Es ist nämlich tatsächlich so, dass der Mensch eine Natur besitzt, die ihn mit Neigungen und Verlangen ausstattet, und gewiss war das Durchbrechen der Menschlichen Natur durch die Einhegungen kultureller Restriktionen schon immer ein Problem. Aber ein bloßes "Befreien" dieser Natur, in einem primitiv verstandenen Reichianismus oder auf Grundlage einer schlecht verdauten Marcuse-Lektüre, verkennt die rekursive Vertracktheit der Angelegenheit. Der Mensch hat ja keine Natur im natürlichen Raum, sondern ist immer, auch schon als Jäger und Sammler, Erschaffer und Gestalter seiner Umwelt. Insofern ist er niemals an seine Umwelt angepasst, da seine evolutionäre Entwicklung schon seit Adam und Eva nicht mehr mit seiner kulturellen mithalten kann. Sein Begehren hört deshalb spätestens dann auf, harmlos zu sein, wo er beispielsweise beginnt, sich zu Tode zu fressen, weil die Natur ihm zwar eine Sättigung aber keine hinreichende Mäßigung eingebaut hat. Andere Beispiele einer in der Zivilisation fehlgehenden Biologie wären leicht zu finden, auf dem Gebiet der Sexualität oder der Aggression etwa.Andererseits kann die Kultur sich nicht ungestraft von den evolutionären Imperativen lossagen. Man nimmt Frauen nicht ungestraft die Partnerwahl, man schließt nicht ungestraft junge Männer von den Möglichkeiten der Verpaarung aus. Hier sind mächtige instinktive Kräfte am Werk, die ihre Legitimation im Überleben der ihnen zugrundeliegenden Gene haben, und die sich deshalb zurecht nicht um die Probleme der Zivilisation scheren.Es kann also der Mensch seiner Natur nicht vollständig nachgeben, während er andererseits sie auch nicht ungestraft übergeht. Er steht so zwischen zwei legitimen Instanzen, die beide immerfort gegeneinander austariert werden müssen, insbesondere durch die Gabe der Differenzierung, basierend auf einem profunden Urteilsvermögen, das in Kenntnis des eigenen Selbst und Kenntnis der gerechtfertigten moralischen Ansprüche an sich und andere wurzelt. Mit einem Wort: Der Mensch ist verdammt zur Weisheit. Ohne diese Weisheit ist er ebenfalls verdammt, nämlich entweder sich am Zerfall seiner Kultur zu beteiligen, oder sich gegen seine eigenen Gene zu wenden, sich ins eigene Fleisch zu schneiden, sich als Lebewesen zu verleugnen also.Und dort hilft uns nun, bei aller klugen Analyse der Autoren, deren Atheismus nicht weiter. Denn der Mensch muss für das geschilderte Problem eine Antwort finden, welche noch über das Wissen der Bibel hinausgeht, sie muss eine noch tiefere Weisheit auf einem weit höheren, nämlich modernen Reflexionsniveau schöpfen. Dies geht nur mit einem Maß an Selbsttransformation und disziplinierter Selbstentdeckung, wie sie in den religiösen Übungssystemen sehr wohl, bei areligiösen Weltmenschen aber leider sehr selten zu finden ist.Dennoch ist die Lektüre eine Bereicherung auch für religiöse Menschen, und zwar gerade deshalb, weil das Buch etliche unhinterfragte Begriffe sauber historisch und anthropologisch dekonstruiert, und so aus dem Weg räumt, um eine klarere Sicht auf das Problem des Menschseins zu ermöglichen.