„ ‚Der Steppenwolf‘ hat mich seit langem zum erstenmal wieder gelehrt, was Lesen heißt“, schrieb Thomas Mann in einem Brief vom 3. Januar 1928 an Hermann Hesse, nur wenige Monate nach dem Ersterscheinen des bis heute wohl berühmtesten Romans des 1877 in Calw geborenen und 1962 Montagnola in der Schweiz gestorbenen Jahrhundertschriftstellers. Die Begeisterung von Thomas Mann, die sich nicht nur auf den Steppwolf begrenzt, sondern eigentlich das gesamte Werk Hesses umfasst, blieb allerdings schon seinerzeit nicht unumstritten. „So viel wie die langweilige Limonade Hermann Hesse bin ich schon lange“, soll Alfred Döblin beispielsweise gesagt haben. Einen etwas umfangreicheren Verriss lieferte Marcel Reich-Ranicki im Rückblick auf seine langjährige Hesse-Lektüre:„Ich habe den ‚Steppenwolf‘ dreimal im Leben gelesen, nicht ganz freiwillig. In meiner Jugend zunächst, da war ich entzückt. Nach dem Krieg, als ich an einer größeren Sache über deutsche Literatur arbeitete, da habe ich ihn nochmals gelesen, da war ich enttäuscht. Und dann habe ich ihn, in Amerika, als ich Professor in St. Louis war (…) zum dritten Mal gelesen. Und jetzt war ich nicht entzückt, nicht enttäuscht, sondern entsetzt.“Zeugnisse von Thomas Mann und Reich-Ranicki sind nur Schlaglichter, die paradigmatisch stehen für einen Diskurs über Hermann Hesse und seinen Roman, der über die beiden sich in ihrem Leseeindruck gegenüberstehenden Stimmen. Vor allem in der Jugend gefeiert und geliebt, war der Steppenwolf der zentrale Roman, der dazu beitrug, dass Hesse – über die 1930er und 1940er Jahre in Vergessenheit geraten – gerade in den 1960er Jahren wieder zu einem literarischen Held der Jugend wurde. Seine klaren Gedanken über die Freiheit des Geistes, die Freiheit der Liebe, waren in den 1968er Jahren Vorbild für die aufrührerische Generation, die gegen den Mief der Elterngeneration und der konservativen Bundesrepublik ankämpfte. Allein die Tatsache, dass es in den 1910er und 1920er Jahren einen Autor gab, der so offen über seine Gefühle, so offen über seine Ängste und Zweifel an der bürgerlichen Gesellschaft geschrieben hat und gerade die religiös dominierte Moral der damaligen Zeit infrage stellte, reichte aus, Hesse als eine Art Skandalautor im besten Sinne zu erheben. Einen Schriftsteller, der gegen die Konventionen anschreibt und deshalb ein Außenseiter ist, der zum neuen mainstream werden könnte.Mainstream war Hesse allerdings nie; auch nicht nach den 1960er Jahren. Wenn man seine Romane, insbesondere den Steppenwolf heute liest, hat er nichts von seiner emotionalen Kraft, nichts von seinem freien Geist und der Wirkung, die er auf Heranwachsende haben kann, verloren. Sehr wohl aber ist man durch verschiedene andere „Skandalromane“ gerade was die angeblich zügellose Schilderung von Sexualität im Steppenwolf angeht doch ein wenig gehärtet. Hesse scheint, was die erotischen Stellen in seinem Roman angeht, nahezu prüde im Vergleich zu anderem, was man in den Jahrzehnten nach ihm lesen wird. Den Steppenwolf zu verstehen und ihn als Lektüre auch für die heutige Zeit zu beurteilen, bedeutet aber, sich von den zeitgenössischen Diskursen und den vielen Instrumentalisierungen des Romans für eine bestimmte gesellschaftspolitische Sache zu trennen und ihn auf den Kern seiner eigentlichen Aussage herunterzubrechen. Dazu bedarf es einer genauen Beobachtung der inhaltlichen Entwicklung des Romans, der Handlungsabfolge, in der der Protagonist Harry Haller mehr und mehr zur Reflexion seines eigenen Ichs gezwungen wird und schließlich – am Ende des Romans – zu einer Art Freiheit findet.Hermann Hesse beginnt den Roman mit einem „Vorwort des Herausgebers“. In diesem erfahren wir, dass die eigentliche Erzählung im Roman von einem gewissen Harry Haller geschrieben wurde, dem Ich-Erzähler des Buches. Der Herausgeber selbst ist der Neffe jener Frau, die Haller ein Zimmer vermietete und die ihn trotz seines eigenbrötlerischen, fast wölfischen Verhaltens im Umgang mit Menschen mehr geschätzt hat als alle Vormieter. Haller soll dem Neffen nach seinem Auszug aus dem Zimmer seine Schriften hinterlassen haben, mit dem Hinweis darauf, dass er damit machen könne was er wolle. Der Neffe entscheidet sich, die Lebensgeschichte Hallers aus der Zeit, in der er in dem Zimmer lebte, zu veröffentlichen; selbst mit dem Hinweis darauf, dass er sich nicht sicher ist, was von dem, das da geschrieben steht, wirklich ernst zu nehmen ist, oder was der bloßen Fantasie eines in sich gekehrten Mannes entspringt, den einzuschätzen niemand wirklich in der Lage gewesen war.Die Geschichte Harry Hallers trägt sich, aufgrund autobiografischer Parallelen mit Hermann Hesse und Rekonstruktionen einzelner Orte sagbar, in Basel zu, obwohl der Name der Stadt selbst nie erwähnt wird. Haller ist kurz vor seinem fünfzigsten Geburtstag, als wir ihn kennenlernen, und erfahren, dass er seit kurzem eine Trennung von seiner langjährigen Frau hinter sich hat, mit der er unter anderem auch ein Kind hat, das nichts mehr von ihm wissen will. Früher einmal ein angesehener Schriftsteller, gehörte er dennoch immer zu den berühmten Außenseitern – ganz so, wie Hesse. Während man beim Herstellen von autobiografischen Parallelen gerade in einem hochgradig fiktionalen Werk wie dem Steppenwolf stets vorsichtig sein sollte, kann man doch festhalten, dass – was die Lebensstationen und –abschnitte angeht – Harry und Hermann, Haller und Hesse, gewisse Ähnlichkeiten aufweisen.So thematisiert Haller in seiner Ich-Erzählung z.B. auch seine politische Positionierung gegen den Ersten Weltkrieg, die damals – in einem streng patriotisch-militärisch geprägten Kaiserreich – alles andere als populär war. Hesse selbst hatte seine Anti-Kriegs-Erzählung Demian einst nur unter Pseudonym veröffentlicht, weil er sich der Konsequenzen, die seine Stellungnahme für ihn haben könnte, bewusst war. Die bildungsbürgerliche Biografie Hallers, die Überschneidungen mit der Vita Hesses aufweist, zeigt sich auch in der abgöttischen Liebe des Ich-Erzählers zu künstlerischen Urgesteinen wie Goethe und Mozart. Den Meister der Sprache, den Meister der Musik – tut man ihnen und ihrer Kunst Unrecht, tut man den „Unsterblichen“ Unrecht und beleidigt Haller fast mehr, als würde man ihn selbst angreifen.Auch was die tiefe Depression, in der sich Harry Haller befindet, angeht, kann man aufgrund von Tagebucheinträgen Hesses rückschließen, dass sich der Autor des Steppenwolf in einer ganz ähnlichen Lage befunden haben muss; wie sonst auch sollten die Selbstmordgedanken, die Harry Haller umtreiben, auch auf so authentische Art und Weise dargestellt werden können wie im ersten Teil der Aufzeichnungen. Bei seinen nächtlichen Spaziergängen durch das verregnete Basel fällt ihm an einem Haus eine Leuchtreklame auf, die die Worte „Magisches Theater – Eintritt nicht für jedermann – nur für Verrückte“ propagiert. Die Schrift verschwindet kurz darauf und zu der sich einstellenden Verwirrung Harrys bekommt der Ich-Erzähler auch noch von einem vorbeilaufenden Mann ein Jahrmarktsbüchlein in die Hand gedrückt, das den Titel „Tractat vom Steppenwolf“ trägt.Das „Tractat“, das Harry in seiner Wohnung in einem Zug zu lesen beginnt, handelt von einem einsamen Mann namens Harry, der seine Existenz als gespalten betrachtet – sowohl in eine menschliche, als auch in eine wölfische. Der Konflikt zwischen der Sehnsucht nach einem behüteten, bürgerlichen Leben und der Liebe zur Bildung und der Triebhaftigkeit seiner wölfischen Hälfte, die auszubrechen sucht aus eben dieser beengenden Atmosphäre, ist sein eigener Konflikt. Als Ausweg wird in dem „Tractat“ nur der Selbstmord skizziert – die Tötung eines der beiden Wesen, das auf unterschiedlichste Weise geschehen kann. Der echte Harry Haller überlegt sofort darauf, seinem traurigen und tristen Leben ein Ende zu setzen – allein der Gedanke ein Skandal in der Gesellschaft der 1920er Jahre. Zum Selbstmord kommt es nicht. Haller strandet in einer Kneipe, wo er die Prostituierte Hermine kennenlernt, die ihn sofort ihn ihren Bann zieht. Sie nimmt sich vor, ihn zu lehren, wie man die Freuden des Lebens genießen kann – den Tanz, die Liebe, das Lachen. Gemeinsam mit einer anderen Prostituierten namens Maria und dem Jazzmusiker Pablo macht Hermine aus dem bürgerlichen und wölfischen Harry einen Mann, der sich den ungebändigten Freuden des Menschseins hingeben und es genießen kann.Hermines Öffnung allerdings hat einen Preis. Die Tatsache, dass sie Haller das Lieben lernt und bereit ist, ihn in sich selbst verliebt zu machen, fordert, dass er sich bereit erklärt, sie umzubringen. Diese hochkontroverse Stelle im Roman kann bedeuten, dass Hermine davon überzeugt ist, dass Haller sein Leben erst dann lieben kann, wenn er bereit ist, sich von der gewonnenen Liebe loszusagen und somit zu sich selbst zu stehen. Sie bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass sie ach so glückliche Hermine, die mit Haller in Tanzbars geht und ihn zu allen möglichen Freuden verführt, im Kern mit ihrem eigenen Leben nicht allzu glücklich ist, was im Roman psychologisch allerdings nicht weiter entwickelt wird. Nach einem Maskenball lädt Pablo Maria, Hermine und Harry Haller in sein „Magisches Theater“ ein; Harry scheint inzwischen verrückt genug, um es betreten zu können. Haller muss sich zum Betreten verschiedener Türen entscheiden. Immer wieder begegnet er in der Betrachtung diverser Spiegel der Aufspaltung seines eigenen Ichs in verschiedene Teile.Sowohl die Dressur seines Wolfsseins als auch seine vielen Lieben in seinem langen Leben begegnen ihm. Und er nimmt Kontakt mit den „Unsterblichen“ auf, mit Mozart und Goethe, die zu seinem Erschrecken nichts tun als zu lachen und entgegen des Ernstes, mit dem Harry Haller sie studiert hat, geradezu banale Figuren zu sein scheinen. Im letzten Raum sieht Haller Hermine und Pablo nackt beieinanderliegen und ersticht Hermine, so, wie sie es ihm aufgetragen hat. Ob ihr Tod metaphorisch zu sehen ist, genauso wie das gesamte Magische Theater, lässt Hermann Hesse offen. Der Roman endet mit dem schönen Ausblick, dass das Magische Theater selbst ein Spiel gewesen ist, das, was es mit Haller gemacht hat, allerdings nicht:„Oh, ich begriff alles, begriff Pablo, begriff Mozart, hörte irgendwo hinter mir sein furchtbares lachen, wusste alle hunderttausend Figuren des Lebensspiels in m einer Tasche, ahnte erschüttert den Sinn, war gewillt, das Spiel nochmals zu beginnen, seine Qualen nochmals zu kosten, vor seinem Ursinn nochmals zu schauern, die Hölle meines Innern nochmals und noch oft zu durchwandern. Einmal würde ich das Figurenspiel besser spielen. Einmal würde ich das Lachen lernen. Pablo wartete auf mich. Mozart wartete auf mich.“Hermann Hesses Roman kreist um zwei zentrale Elemente: Liebe und Leben. Was wir aus unserem Leben machen kann man als die dominierende erste Hälfte des Romans beschreiben. Harry in seiner Einsamkeit, Harry in seinem Wolfsdasein in Abkehr von der Gesellschaft und gleichzeitiger Sehnsucht nach dieser ist der Dualismus, der seine Figur ausmacht. Gleichzeitig lernen wir durch seine Brille die sich öffnende Gesellschaft der 1920er Jahre kennen. In Gesellschaft zu sein, bedeutet längst nicht mehr, bürgerlich zu sein. Mit Hermine betrinkt sich Harry, mit Pablo nimmt er Drogen, mit Maria hat er mehrere Male außerehelichen Sex - und genießt all das auf frenetische Weise, weil es ihm in seiner Lebenssituation guttut. Gleichzeitig konstatiert der Roman, dass das Leben ohne die Liebe immer glücklos ist. Erst, als für Harry in Aussicht steht, Hermine erreichen zu können, beginnt er, etwas zu wollen. Auch die Liebe zu Mozart und Goethe und sein bildungsbürgerlicher Drang, sie zu verstehen, geht über die bloße Betrachtung der Kunst hinaus. Es ist der Wunsch, die Liebe zu den Menschen, die hinter den Bildern stehen, die Haller antreiben. Nicht die Frage, warum Goethe und Mozart Kulturgut sind, sondern der Wille, sie kennenzulernen sind die wahren Triebkräfte, die ihn auf einmal beschäftigen.Hermann Hesse hat mit dem Steppenwolf einen vielschichtigen Roman geschaffen, der so ganz anders als seine schmaleren Erzählungen nicht nur eine Handlungsebene wählt, sondern zwischen dem Metaphsyischen und dem Realen springt ganz so wie Harry Haller in seiner eigenen Erfahrungswelt. Dass die Dinge manchmal übereinander- und durcheinandergehen, dass nicht alle Fragen zu allen Figuren auf Anhieb beantwortet werden können: Das ist der grundlegende Reiz dieses Romans. Denn schließt man das Buch, so hat man das Gefühl, sich in vielem erkannt zu haben. Hesse schreibt offen über das Menschsein und die Nöte, die damit einhergehen. Die Wünsche, die man an das Leben hat. Gleichzeitig schreibt er aber auch darüber, dass die Menschen in ihrem Handeln, dass das Leben in seinem Sein nicht berechenbar und auch nicht immer verstehbar ist. Das Tractat, das Magische Theater, die Figuren Pablo, Hermine und Maria an sich, bleiben in ihrem Fantastischen, in ihrem Magischen bestehen. Den Steppenwolf wird man nicht nur einmal in seinem Leben, sondern an mehreren Stellen lesen können.Das Risiko, das man damit eingeht, ist das, das Marcel Reich-Ranicki auf den Punkt gebracht hat. Ist man an einer ganz bestimmten Stelle im eigenen Leben „entzückt“ von dieser Lektüre, bedeutet es wohl, dass Hesse den Nerv getroffen hat, an dem man gerade in diesem Moment empfindlich war. War man an anderer Stelle „enttäuscht“ oder gar „entsetzt“, dann mag das Zeichen einer eigenen Entwicklung sein und Beweis dafür, das der Roman bleibt, wie er ist. Er bleibt eine Konstante, die sich nicht anpasst, sondern das Gefühl eines ganz bestimmten Lebensabschnitts mit großer Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit zu schildern vermag. Man selbst entscheidet, wann und wie man zu diesem Roman, seinen Geheimnissen und seinen magischen Figuren zurückkehrt und wie man den letzten Satz – „Pablo wartete auf mich. Mozart wartete auf mich“ – für sich selbst zu interpretieren hat. Dass Hesse der Kritik standhält, die man gegen seinen Roman aufbringen kann, ändert nichts daran, dass Thomas Mann Recht hatte, als er sagte, dass der Steppenwolf lehrt, „was Lesen heißt“.