Bei Literatur denken wir an Goethe, Hesse, Böll, Grass, wir unterscheiden zwischen Dichtern und Schriftstellern. Deshalb erwarten wir beim Nobelpreis für Literatur literarische, dichterische Qualität. Wer mit diesem Denken an das Werk von Swetlana Alexijewitsch herangeht, wird enttäuscht werden. Die Kriterien für den Literatur-Nobelpreis sind andere, bei ihm geht es darum, wer ‚das Vorzüglichste in idealistischer Richtung geschaffen‘ hat. Sucht man den Vergleich mit ähnlichen Preisträgern, fällt einem Churchill ein. Beide Preisträger setzten sich mit der Geschichte ihrer Zeit auseinander. Alexijewitschs Werk ‚Secondhand-Zeit gliedert sich in vier Teile: jeweils einem kurzen Kapitel ‚Aus Straßenlärm und Küchengesprächen‘, denen jeweils zehn Geschichten folgen. Die einleitenden Kurzkapitel gleichen Ouvertüren, in denen bunt gemischt die einzelnen Hauptthemen anklingen. Die nachfolgenden 10 Geschichten sind vor allem Einzelinterviews. Beim ersten Teil geht es vorwiegend um die stalinistische Zeit, beim zweiten Teil gehören die Gesprächspartner vorwiegend den nachfolgenden Generationen an. Die Menschen der Sowjetunion und der Zeit nach dem Zerfall der UdSSR sind uns ein Rätsel. Warum verehrt man oft noch den Massenmörder Stalin, warum verachtet man vielfach den Befreier vom Kommunismus Gorbatchow, warum wehrt man sich nicht gegen die Missachtung der Menschenrechte und den Rückfall in undemokratische Zeiten unter Putin? Eine Antwort zu finden, ist nicht leicht. Wie sind diese Menschen in der UdSSR und den Nachfolge- Staaten. Die einleitenden Kurzkapitel warnen vor Verallgemeinerungen, denn die Menschen, die da zu Wort kommen, geben absolut uneinheitliche Meinungen von sich. Trotzdem findet der Leser eine Antwort. Zur Vereinfachung nennen wir die ehemaligen Bürger der UdSSR einfach mal, wenn auch verfälschend, Russen. Schon unter den Zaren waren sie unterdrückt, rechtlos, ausgebeutet, wurden verbannt und zum Tode verurteilt. Wer überleben wollte, musste sich anpassen, konform verhalten, sich durch Verrat anderer etwas mehr Sicherheit erkaufen. An die Stelle der Zaren traten Lenin, Stalin, Breschnew und ihre vielen Helfer. Aus diesem Elend rettete man sich in die Traumwelt der Literatur, der Gedichte. Auffallend ist, welch geringe Bedeutung das Individuum hatte und wie begeistert man von Idealen war. Stalins Morde wurden bedeutungslos gegenüber dem Faktum des Sieges über den Faschismus. Dieser Kommunist gab den Russen das ‚Vaterland‘ wieder, auf das man stolz war. Gagarins Weltraumflug löste eine Euphorie aus, die wir nicht einmal erreichen, wenn wir ‚Fußballweltmeister‘ oder ‚Papst‘ werden. Etliche Interviews enthalten Grausamkeiten, Entsetzlichkeiten, die selbst zu lesen schwer fällt. Eigentlich gleichen wir Menschen uns doch, wir lieben, wir trauern, wir freuen uns. Marx erklärte, ‚Das Sein bestimmt das Bewusstsein‘, das bedeutet, dass das individuelle Bewusstsein von äußeren Lebensumständen des Einzelnen geprägt sei. Historiker gehen nur von Fakten aus, die Gefühle der Menschen spielen für sie kaum eine Rolle. Diese Lücke schließt Alexijewitsch. Denn das, was sie beschreibt, finden wir als Parallelen auch bei uns. Auch wir haben leider eine furchtbare Vergangenheit hinter uns mit entsetzlichen Verbrechen. Vermutlich gibt es kaum ein Volk, das nicht solche Perioden erlebt hatte oder leider noch erlebt. Man ist entsetzt, dass die Täter abgesehen von ihrer Tat ganz normale Menschen waren. Auch bei uns gab es im Krieg nur die Alternative vor dem Feind zu sterben oder durch die Gestapo. Auch wir erlebten die Lebensgefahr, wenn es darum ging, Verfolgte zu retten. Auch bei uns wurde der Idealismus der Jugend missbraucht, auch bei uns folgte man verbrecherischen Befehlen aus Gebundenheit an den Eid oder aus Angst, aus der Reihe zu tanzen. Auch wir erleben die Verständnislosigkeit der Jugend im Hinblick auf die Vergangenheit. So bringt die Autorin den Leser zum Nachdenken über den Menschen. ‚Homo homini lupus- Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf‘-der gefährlichste Feind des Menschen ist der Mensch selbst. Alexejiwitschs Buch informiert wunderbar über die Sowjetunion, hilft, das Russland unter Putin ein bisschen besser zu verstehen. Aber die Parallelen zu unserer eigenen Geschichte zwingen dazu, darüber nachzudenken, was geschehen muss, was wir tun müssen, um das Böse, das im Menschen auch steckt, nicht hervorkommen zu lassen,