Nachdem bereits im Vorjahr (2016) der Suhrkamp-Verlag eine Aufsatzsammlung von Peter Sloterdijk aus den Jahren 2005 bis 2015 unter dem Titel WAS GESCHAH IM 20. JAHRHUNDERT? vorgelegt hatte, folgt ein Jahr später eine Sammlung aus Arbeiten von 1993 bis 2017, teils Kapitel aus bereits veröffentlichten Werken, teils Aufsätze, teils Vorträge, oder für diesen thematischen Band ein gesondert geschriebenes, als Einleitung zu verstehendes Kapitel ‚Götterdämmerung‘.Der Buchtitel NACH GOTT markiert die entscheidende Zäsur, nach der sich die Seele des Menschen nicht mehr als von Gott gegeben, als von ihm erschaffenes Pendant erfassen braucht, sondern als ein „elementwechselndes Wesen“, das sich in einem „ozeanischen Kontinuum“ in „unmarkierten Räumen“ (S.295f) zur Wirklichkeitsentfaltung bringen will. Diese exzentrische Positionalität (ein Theorem von Helmuth Plessner) lässt den Menschen zum Poetiker werden: als theopoetisches Tier (S. 24) entwirft die Menschheit in der Achsenzeit die großen Religionen als wichtige Resonanz-Stabilisatoren des Daseins jenseits von Vergänglichkeit und Nichtigkeit unter der Formel ‚in der Welt, aber nicht von der Welt‘ (Kapitel 3) und in der augustinischen Gewissheit Gottes als ‚mir näher als ich selbst‘ (Kapitel 4). Je mehr sich der Mensch bewusst wurde, wie hoch der Preis für diese Sicherheit ist, nämlich in einem permanenten Ressentiment zum eigenen Leben, zur einzigen Welt, die ich kennen und lieben kann, zu stehen, je mehr machte er sich diese einzige Welt bejahbar (s. das zentrale Kapitel 2 Ist die Welt bejahbar?) dank einer sich potentiell steigernden Kreativität: der Abenddämmerung Gottes folgt die Morgendämmerung der menschlichen Kreativität (S.28).Durch Sloterdijks Aufsatz-Sammlung weht ein verhaltener Optimismus: die „belastende vertikale Beobachtung unter dem Auge Gottes“ ist passé, aber das „massenhafte Streben nach horizontaler Aufmerksamkeit“ (S. 66) stellt unseren Körper unter hohen narzisstischen Stress. In einem Vorwort aus dem Jahr 1997 zu William James hält Sloterdijk körperfreundliche Seelen-Formatierungen bereit: Psyche „als das abenteuerliche Herz der Existenz‘ für ein experimentierendes Leben, das seine Chancen bescheiden, aber mutig auslotet. s. S. 346fDas Buch kann ich jedem empfehlen, der seinen eigenen Standpunkt im Dasein unter vielfältigen Reflexionen überprüfen möchte. Er kommt dabei mit Sloterdijk typischen Formulierungen in Berührung, aber auch in Begegnung mit Denkern wie Heidegger, Jaspers, Plessner, James und Nietzsche. Wenn manchmal noch die notwenige Vorbildung zum Lesen fehlen sollte, so kann die Aufsatzsammlung doch jeden dazu anregen, sein Seelenleben mit den großen Formaten menschlichen Nachdenkens vergleichend zu betrachten, ganz in Abwandlung des Psalms 8: Was ist der Mensch, dass er so viel an sich denkt, des Menschen Kind, dass es unsere Liebe so heftig wachruft?