Wie vermutlich viele andere wurde ich durch die brilliante Neuverfilmung von „Dame, König, As, Spion“ von Tomas Alfredson auf John le Carre aufmerksam. Wenig später sah ich die viel ältere – gleichfalls großartige – Verfilmung von „Der Spion, der aus der Kälte kam“ mit Richard Burton in der Hauptrolle. Der Entschluss das Buch zu dem letzteren Film zu lesen, war für mich nicht selbstverständlich, weil ich mich eigentlich eher für „gehobene“ Literatur interessiere.Die besagten Filme aber schienen mir sehr viel mehr zu sein, als bloß Genreschinken für James Bond – Fans. Hier wurden offensichtlich universale Sachverhalte verhandelt. Ich fragte mich, ob sich dasselbe über die Buchvorlagen sagen ließe. Deshalb möchte ich hier auch nicht davon berichten, dass es sich um einen hochspannenden und großartig konstruierten Spionageroman handelt, bei dem „Fans des Genre auf ihre Kosten kommen.“ Natürlich gilt das für diesen Roman. Aber er ist noch mehr.„Doppelter Boden“Marcel Reich – Ranicki sagt, dass gute Literatur sich dadurch auszeichne, dass sie einen doppelten Boden habe. Dass also im Bewusstsein des Lesers mehr gelesen wird als das, was vor ihm auf dem Papier steht. Die Figur des doppelten Bodens passt natürlich für einen Agenten – Roman perfekt. Aber dieser Roman hat auch im abstrakten Sinne einen doppelten Boden.Hier wird eben nicht nur die Geschichte von einem Agenten erzählt, der als vorgeblicher Verräter im kalten Krieg gen Osten geschickt wird, um ein Komplott gegen den dort führenden Geheimdienstler zu inszenieren. Vielmehr geht es in diesem Buch um Ideologie, Politik, Loyalität, Integrität, Wahrheit, Liebe – und vor allem um den Preis, den Menschen für ihre Tätigkeit zu zahlen haben. Mit anderen Worten: Es geht ums Ganze.WahrheitDer Roman ist durchzogen von Lügen. Er basiert auf Lügen. Der Spion Alec Leamas inszeniert einen sozialen Absturz, um dem östlichen Geheimdienst das Gefühl zu vermitteln, gegen Geld werde er sein Wissen offenbaren. Leamas belügt seine gesamte Umgebung. Er wird eine junge Frau mit schrecklichen Folgen in die Intrige hineinziehen. Mehr als das: Er belügt sich selbst. Um seine Tarnung aufrecht erhalten zu können, muss er in seiner Rolle ganz und gar aufgehen. Er darf nicht einen Moment sein Gesicht verlieren – und also darf er nicht einmal mehr er selbst sein, wenn er allein mit sich ist.Und noch mehr als das: Der Leser wird belogen. Er wird virtuos an der Nase herumgeführt. Er wird Vermutungen und Mutmaßungen anstellen, um dieser merkwürdigen Geschichte auf den Grund zu kommen. Und gerade, wenn er meint, dass er es nun aber wirklich durchschaut hat, merkt er, dass er sich verspekuliert hat. So wird der Leser in eine Welt hineingezogen ist, in der Freund und Feind und Freund und Freund sich permanent belügen.Der PreisEs ist eine Welt, in der ein Menschenleben keinen großen Wert hat. Und es ist eine Welt, in der es kein Gut und kein Böse mehr gibt. James Bond kann noch behaupten, dass er auf der guten Seite steht. Und der Zuschauer kann sich wohlig mit ihm identifizieren. Der Preis dafür ist die totale Fiktionalisierung. John le Carre negiert diese Versuchsanordnung – mit den Mitteln realistischem Erzählens.So haben wir auf der einen Seite ein kommunistisches System, das sich in einem geschichtlichen Auftrag wähnt, der den millionenfachen Mord rechtfertigt. Timothy Garton Ash fragt, ob für das Himmelreich auf Erden nicht ein bisschen Terror erlaubt sein muss. Genauso argumentieren le Carres Protagonisten: „Eine Bewegung, die sich vor der Gegenrevolution zu schützen hat, kann es sich kaum leisten, auf die Ausnutzung oder sogar auf die Vernichtung einiger Lebewesen zu verzichten.“Und der Westen? Er ist keine Bewegung. Er hat allenfalls eine Werteordnung, die das einzelne Leben für unbedingt schützenswert erachtet. Wir kennen diese Frontstellung aus dem Kampf gegen islamischen Terror – auf der einen Seite ein in seiner Skrupellosigkeit ideell gerechtfertigter Angreifer und auf der anderen eine westliche Welt, die sich nur selbst verteidigen kann, wenn sie ihre Werte im Kampf aufgibt. Es ist kein Zufall, dass auch der britische Geheimdienst in diesem Buch ein Verein von berechnenden Technokraten ist. Es wird sich herausstellen, dass er Leamas eiskalt benutzt – indem er ihn über seine wahre Mission, na was wohl, belügt.ZweifelKann man daher nicht wenigstens diese eine Gewissheit aus dem Buch beziehen? Dass die Welt der Geheimdienst verkommen und verachtenswert ist? Dass man diese intransparenten Apparate doch nur schleunigst auflösen möge? Nein, auch diese Gewissheit gestattet John le Carre seinen Lesern nicht. Was wäre die Alternative zu diesem Krieg der Geheimdienste gewesen? Ein realer, apokalyptischer Krieg. Die Spionage war demnach ein Kräftemessen der Systeme im Verborgenen. Ein schmutziger, betrüblicher Konflikt, ausgefochten von gebrochenen Personen. Es ist kein Zweifel daran, dass die westliche Welt die bessere ist – doch für ihre Geheimdienste gilt: „Das ist der Preis, den sie zahlen: Gott und Karl Marx im selben Satz zu verachten.“Es ist eine der großen Aufgaben der Literatur, allseits anerkannte Wahrheiten in Zweifel zu ziehen. Dieses Buch wirft einen schonungslosen Blick auf den kalten Krieg. Es beweist, dass es keine einfachen Wahrheiten gibt. Dass man bisweilen Werte verraten muss, um sie zu schützen, im Großen so gut wie im Kleinen. Und auch wir leben in einer Zeit, in der niemand ernstlich behaupten kann, dass er wisse was richtig und falsch, was gut und böse sei. Es ist daher ein ungeheuer zeitloses und damit modernes Buch. Das ist sein doppelter Boden. Das ist großartige Literatur.
Schonungslos realistisch, hervorragend geschrieben und spannend bis zum Schluß.Kein Werk für Freunde schneller Handlung und Action, sondern für Liebhaber durchgehend logischer und detaillierter Geschichten, welche durch Authentizität beeindrucken.Die Handlungsweise der Geheimdienste wird nachvollziehbar und in allen menschenverachtenden Details beschrieben. Die Protagonisten beider Seiten sind Getriebene in den Fängen eines Systems, welches das Ziel einer Operation über alles stellt, ohne Rücksicht auf Konsequenzen, auch für die eigenen Leute. Helden gibt es nicht und auch keinen Ruhm.Die grausame Moral des Buches ist: nur auf diese Art kann ein Geheimdienst funktionieren, der den Namen auch verdient. Eine Parallelwelt, welche die meisten Menschen nicht sehen oder akzeptieren wollen bzw. können - und doch notwendig, um die Sicherheit der "normalen" Menschen zu gewährleisten.Unbedingt lesenswert!
John le Carré war gefühlt nie mein Ding, weil die Romane ruhig und actionarm sein sollen. Aber nachdem ich zurzeit wieder mal jeder bekannten Lektüre überdrüssig bin, habe ich mich an den Klassiker der Spionageliteratur schlechthin gewagt. Ich hatte nicht viel erwartet, zumal der Roman 60 Jahre auf dem Buckel hat. Aber er hat mich begeistert und ich kann gut verstehen, weshalb das Buch einen so großen Erfolg hatte. Zur Zeit seines Entstehens muss es ein Spannungshammer ohnegleichen gewesen sein.Auch heute noch lässt sich die Geschichte mit Spannung zu lesen - falls man auf das Kalter-Krieg-Thema steht. Ja, die Handlung ist ruhig erzählt, und ja, es gibt kaum Action. Bis auf den Schluss eigentlich gar keine, falls man einen Faustschlag hier und da nicht mitrechnet. Aber man bekommt ein Katz-und-Maus-Spiel unter Spionen sondersgleichen, Schach mit doppeltem Boden. Das und das Vergnügen am geschliffenen Stil, der unaufgeregt und dennoch wuchtig daherkommt, bringt viel Lesefreude und eine rundum gelungene Unterhaltung.Bloß das Ende fand ich doof. Denn wenn man die Konsequenzen daraus weiterdenkt, kommt man darauf, dass alles, was man zuvor gelesen hat, für die Katz war.Auch diese Mini-Hardcover-Ausgabe ist suboptimal. Ein hübsches Taschenbuch-Format zwar, aber die Schriftgröße geht gerade noch so in Ordnung, und ordentlich abstützen lässt sich das Buch auch nicht.