Dieses Buch lag 1,5 Jahre auf meinem Lesestapel, bis ich mir sicher war, auch wirklich einige Tage am Stück konzentriert lesen zu dürfen. Die Erwartungen waren aufgrund der Harry-Hole-Erfahrungen also hoch. Es hat diesmal nur zwei Seiten gedauert und dieser Krimi bereits nicht mehr wegzulegen. Es ist also ziemlich schlimm, was Nesbø mit dem Leser macht ... Das Buch hat schließlich über 600 Seiten. Wenn man zwischendurch davon ausgeht, nun wäre endlich alles aufgeklärt, fängt es fast nochmal von vorne an.Am Anfang dieses 11. Teils um Harry Hole geht es diesem nunmehr als Ehemann erstaunlich gut, was fast nicht passen will. Nunmehr Dozent, möchte er sich nur noch im Kopf mit Mördern befassen. Allerdings sind seine Alpträume gleich offensichtlich. Wenn ich einen halben Punkt Abzug geben würde (hatte darüber nachgedacht), dann für diese Übertreibung und dass nicht klar wurde, ob (und aus welchem Teil) der diesmalige Serienmörder bereits bekannt ist. Denn dass Hole ihn bereits seit Jahren nicht fassen konnte, spielt eine überraschend große Rolle. Ich bin seit "Der Erlöser" dabei und war mir einfach nicht sicher, ob mir etwas bekannt vorkommt. Das Ärgerlich ist, dass man in den Zeiten zwischen den Teilen so viel vergisst.Jedenfalls kommt es, wie es kommen muss. Hole bekommt wieder einen Kellerraum, um sich in kleinem Kreis von Vertrauenspersonen mit dem Fall zu befassen. Allerdings sind da bereits ca. 300 Seiten um. Vorher geht es viel auch wie immer um die "üblichen Verdächtigen" im Kollegenkreis, viele private Details, die aber so spannend geschrieben sind wie die Kriminalfälle selbst. Alleine das ist große Kunst des Autors, denn diese Ausschweifungen können bei anderen schnell langweilen. Gegenüber "Koma" (mein bisheriges Highlight der Reihe) sind die Personen allerdings ziemlich zahm geworden. Der "Vampirist", um den es geht, ist dafür umso schlimmer. Für meinen Geschmack hätte es weniger blutig zugehen können. Der geschickte Aufbau, die vielen Fährten, Andeutungen, auch philosophischen Stellen gleichen das aber wieder aus.Nach den über 600 Seiten ist man ziemlich erschöpft, denn es war mal wieder ein Erlebnis. 100 Seiten weniger hätten möglicherweise auch gereicht. Allerdings verliert man nie den Überblick oder verwechselt irgendwelche Personen in diesem ganz eigenen Universum um Hole. Wer kein großer Anhänger ist, könnte das Buch etwas überfrachtet finden. Auch wenn mir die Auflösung nicht richtig gefallen wollte, ist sie nicht ganz unrealistisch. Durch das allgemeine hohe Niveau kommt man nicht recht dazu, über Logikdetails nachzudenken. (Ich habe zum Beispiel gestutzt bei einer Zeitangabe zum Ende hin, wo es darum geht, wie lange Hole bereits als Dozent tätig ist und wie lange jemand nicht mit seinem Vater gesprochen hat.) Der große Showdown fehlt auch nicht. Immer wieder fragt man sich, wie ein jedes Mal fast toter Protagonist das alles überlebt. Solche Helden dürfen natürlich nicht untergehen. Zum Glück ist der nächste Fall schon in Reichweite, wenn man mit dem Lesen gewartet hat.
Mittlerweile gehen mir Ermittler mit Dachschaden ziemlich auf den Senkel. Eine Zeit lang war es ja durchaus erfrischend, in Krimis auch etwas mehr über das Privatleben der Ermittler zu erfahren. Mittlerweile ist dies jedoch zu einem völligen Klischee verkommen und man findet kaum noch Kommissare, die nicht mindestens manisch depressiv, traumatisiert oder alkoholabhängig sind, Frau, Kind und Grosstante unter tragischen Verhältnissen verloren haben oder unter einer todbringenden Krankheit oder wenigstens einer Blasenentzündung leiden. Da möchte man als Leser eigentlich nur rufen: "Hör auf zu jammern und geh an die Arbeit!"Nesbøs Harry Hole ist aus ein besonderes Exemplar dieser Gattung. Sein Alkoholismus hat mich immer nur genervt, ich mochte nie seine Weinerlichkeit, seinen Musikgeschmack und seine Klamotten mochte ich auch nie. Kurzum: Für mich ist Harry Hole ein absoluter Unsympath! Dass ich trotzdem alle Bücher der Reihe verschlungen habe, liegt also nicht an ihrem einnehmenden Protagonisten, sondern schlicht und ergreifend in der Tatsache begründet, dass Nesbø es einfach versteht, Spannung zu erzeugen und den Leser durch vielerlei Winkelzüge bei der Stange zu halten. So auch im vorliegenden Fall. Harry Hole hat es natürlich privat wieder nicht leicht, aber er hält sich zumindest angenehm bedeckt und deshalb sei ihm auch der einzelne Rückfall in den Alkoholismus ausnahmsweise gegönnt. Allerdings scheinen sich auch bei Nesbø mittlerweile einige Abnutzungserscheinungen bemerkbar zu machen. Die Auflösung des Falles ist schon recht vorhersehbar und überhaupt hat mich das Ganze ein wenig an "Roter Drache" erinnert. Trotzdem wieder gute und spannende Unterhaltung. Allerdings nur 4 Sterne.