Erstmal, das Buch ist im besten Sinne des Wortes ein Pageturner. Der Roman beherbergt eigentlich drei Bücher, einen Reiseroman, eine Coming-of-Age-Geschichte und eine klassische Heldenreise.Und er ist interessanterweise, in der sehr gelungenen Ausgestaltung dieser drei Genres und ihrer eleganten Verflechtung, auch gleichzeitig eine Dekonstruktion der drei Formen und ihrer Genrekonventionen:Frei nach Enzensberger, der sagte, dass der Tourist zerstört, was er sucht in dem er es findet, lernen wir durch die Augen des namenlosen Ich-Erzählers viel Wissenswertes über Kambodscha und dessen bemerkenswerte Geschichte; die Beobachtungen des Landes sind reich und präzise, jedoch nie selbstverliebt - gleichzeitig klingt in den Schilderungen des Ich-Erzählers eine Kritik am Reisen selbst an, am touristischen Voyeurismus, an westlicher Selbstfindungs-Egozentrik und der ambivalenten Schizophrenie von organisiert unkomfortablen Schwellenland-Glamping, diese Stellen sind wiederum aber auch pointiert und selbstreflexiv genug, um nicht bigott oder belehrend zu wirken. Die Begegnungen mit den Backpackern, Mitreisenden, der Landesbevölkerung sind bewusst flüchtig und artifiziell (auch im Kontrast zu den zärtlichen, bedeutsamen Kindheitserinnerungen, den Entwicklungsroman-Momenten in den Rückblenden), es ist eine unfreiwillige Instagramversion einer Reise, selbst im tiefsten Dschungel, ist der Suchende nur eine Selbststilisierung des überforderten Abenteurers und demütigen Entdeckers, der sich erst von der Erhabenheit der exotischen Natur und der blutigen Landeshistorie zur Selbstreflexion überreden lässt. Und so ist auch die Heldenreise mit ihren tropischen und emotionalen Herausforderungen und Etappen zur Rettung des Kindheits-Freundes aus dem kambodschanischen Mordor, mehr ein Bewältigungsmechanismus eigener existenzieller Eingerichtetheit, denn der heroische Akt der Selbstüberwindung und altruistischer Freundschaftsliebe. Am Ende der epischen Reise zerstörte er hier nicht, was er suchte, indem er es fand – er fand, was er die ganze Zeit suchte, indem er es zerstörte.Die gesellschaftlich hochrelevanten Sujets - Freundschaft, platonische Liebe und die eigenen Identitätstiftung durch unsere Beziehungen - werden klug und geschickt durchmeditiert und auch formalistisch wie stilistisch entwickelt sich durch die Agitiertheit und Dringlichkeit ein frustrierender, aber genau deswegen so wirkungsvoller Erzähl-Rhythmus.Jedes Kapitel fühlt sich in seiner Atemlosigkeit an, als würde es Anlauf nehmen, um gleich mit uns von einer Klippe zu springen - aber kurz vorm erlösenden Absprung macht die Geschichte kehrt, es folgt ein Kapitel in der der Erzähler eine Schlüssel-Situation aus seiner Kindheit und Jugend mit Felix reminisziert, die Erzählung schlendert hier unbekümmert pfeifend vom Klippenrand weg – nur um dann im nächsten Kapital noch viel mehr Anlauf zu nehmen.Diese erzählerische Ebbe und Flut kulminiert am Ende des Buches - dem Ende der Reise, der Suche, der Selbstfindung, der Erinnerungen - dann endlich in den so lange ersehnten Sprung und der darauffolgenden Aufprall: sehr schmerzhaft und – überraschend. Er lies mich sprachlos (keineswegs ratlos) zurück.Hat man diesen prozessiert und etwas sacken lassen, ist es übrigens verstörend-vergnüglich gleich alles nochmal zu lesen, da nun, Szenen, Dialoge, einzelne Worte, mit komplett neuen und brutalen Implikationen aufgeladen sind.Alles rastet schnurrend, schön und schwerblütig ineinander. Ein starkes Debüt.
Zugegeben, mit seinem ersten Buch, irgendwas über meine Generation und Polygamie, konnte ich nicht wirklich viel anfangen. Interessanter Ansatz, aber zu gewollt anders, verkopft und vergeistigt. Aber ich habe Friedemann Karig mal bei einer Veranstaltung erlebt und empfand ihn als charismatisch. Also beschloss ich, ihm noch eine Chance zu geben, als mir sein neues Werk, diesmal ein Roman, vorgeschlagen wurde. Passend zu meiner Asienreise bestellte ich. Und wurde hineingesogen in den Bann eines Buches, in ein Abenteuer, wie es schöner und aufregender und berührender nicht sein kann. Ich war auf einer Lesereise in einen Dschungel, aus dem auch ich nicht mehr zurückkehren wollte. Vor allem das Ende blieb an mir haften. Seine Sprache erinnerte mich ein bisschen an Benedict Wells und ich wünsche mir auf tiefstem Herzen mehr davon!