Zur Story: "Im Alter von 11 Jahren erlebte Gabriel ein solch intensives Trauma, dass er bis heute keine Erinnerung an die Nacht vom 13 Oktober 1979 hat, an die Nacht, in der seine Eltern erschossen wurden und ihr Haus vollständig abgebrannt ist. Nur seinen kleinen Bruder David konnte er noch aus dem Flammeninferno retten....Er entwickelt eine schizoide Persönlichkeitsstörung und eine posttraumatische Belastungsstörung, halluziniert und hört eine zweite Stimme, mit der er ständig im Dialog ist. Er nimmt Drogen und schreckt nicht vor Gewalt zurück. Nach ein paar Jahren in der Psychiatrie scheint er ab dem 20zigsten Lebensjahr ein halbwegs normales Leben zu führen, bis 20 Jahre später seine Freundin Liz entführt wird, wie sich herausstellt, seinetwegen. Gabriel, der phasenweise ohnehin noch recht labil und auch aggressiv ist, gerät vor Angst um sie immer mehr in Panik, denn alles scheint im Zusammenhang mit diesem einen ganz speziellen Tag zu stehen, dem 13 Oktober 1979. Flashbacks und Intrusionen, die immer wieder Stücke des Geschehenen hervorrufen - ausgelöst durch verschiedene Schlüsselreize - bringen ihn der grausigen Wahrheit Stück für Stück näher. Was passierte damals wirklich im Keller des Hauses? Als wäre das nicht schon schlimm genug, läuft auch Liz in den Fängen des Irren langsam aber sicher die Zeit davon.""Schnitt" von Marc Raabe ist ein Psychothriller, der diesen Titel auch wirklich zu Recht verdient und bekleidet, denn hier spielt der emotionale Konflikt innerhalb einer-, aber auch zwischen mehreren Personen aufgrund früherer Erlebnisse, eine elementare Rolle. Wo sonst großer Wert auf die Handlung gelegt wird - aber auch hier ist sie hervorragend ausgearbeitet - werden nun zusätzlich noch die Figuren und deren Psyche besonders ausgeleuchtet, wobei Gabriel als Hauptfigur im Vordergrund rangiert. Speziell dieser Charakter wird von Marc Raabe ausgezeichnet in Szene gesetzt, er hat ihn perfekt staffiert, und die typischen Merkmale einer schizoiden Erkrankung kommen somit ausgezeichnet zum Vorschein. Angefangen von den Dialogen mit seiner zweiten Stimme im Kopf, bis hin zum wiederum völlig gesunden Kampf um seine Freundin, die er mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln sucht, wenn auch nicht immer ganz auf dem legalen Weg. Kurz um, eine Figur mit zwei Gesichtern. Ein Mann, den die Panik immer wieder einholt, den die Angst von innen zerfrisst, förmlich aushöhlt, und andererseits ein Mensch, der einen auffallenden Beschützerinstinkt an den Tag legt.Marcel Raabe hält mit den Infos - nach denen man schmachtet - lange hinter dem Berg, und erst im Laufe der Story erfährt man Stück für Stück die Zusammenhänge zwischen Gabriel und der Entführung von Liz. Ebenso setzt sich die Figur Gabriel pö a pö zusammen, und man bekommt ein Gefühl dafür, wie schlimm die Zeit nach dem Tod der Eltern für ihn gewesen sein muss. Die vielen Jahre in denen er in der Klink falsch behandelt wurde, und er nun auch noch Jahre später in ständiger Angst und Misstrauen lebt. Doch ein fader Beigeschmack bleibt, war er wirklich nur das Opfer? Diese Frage lässt es einen nicht los, und macht es einem fast unmöglich diesen Roman aus den Händen zu legen. Wie viel ist wirklich wahr, wie viel spielt sich nur in Gabriels Kopf ab, was sind damals Halluzinationen gewesen und was war real. Clever verpackt lässt Raabe einen bis Schluß mitfiebern und die in der Warteschleife hängenden Fragen warten auf Antworten.***Gabriel ist ein Charakter den man nur zu gut in seiner ganzen Gestik und seinem Handeln versteht, und ihr sein letztes Hemd geben möchte, nur um ihm ein Stück dieser unmenschlichen Last von den Schultern zu nehmen. Er ist wie eine Kerzenflamme bei der man nicht weiß, wie viel Wachs noch unter ihr ist, bevor sie zerfließt.***Die Geschichte ist unglaublich komplex und bildet neben den Figuren das Highlight. Eine Geschichte die zeigt, wie viel Einfluss Eltern auf den späteren Werdegang ihrer Kinder haben, sie sich zu einem akzeptierten Mitglied in der Gemeinde entwickeln, oder sie die Fleischwerdung des Bösen gezüchtet haben, die die gesamte Palette der Abscheulichkeiten inne haben.Mein Fazit: "Eine wirklich spannende Story, die sehr clever inszeniert ist, eine Hetzjagd und Versteckspiel auf Leben und Tod durch Berlin und die Schweiz. Wer gut gezeichnete Figuren, mit allen menschlichen Stärken und Schwächen mag, der kommt hier voll und ganz auf seinen Kosten. Jeder Autor hat seine eigene Handschrift und die Vergleiche hinken oftmals, aber dennoch wage ich zu sagen, wer Sebastian Fitzeks Romane mag, wird auch diesen lieben."
Vorneweg: "Schnitt" war für mich ungemein spannend. Gerade die ersten zwei Drittel, in denen viel Mysteriöses geschieht, es viele überraschende Wendungen und Aufdeckungen gibt, finde ich hervorragend gelungen.Die Figuren des Romans sind faszinierend. Mir persönlich haben die vielen Referenzen an die Popkultur sehr gut gefallen. Nur ein kleines Extra, aber ich steh auf so was.Bis zum Schluss hat mich der Roman gefesselt. Zunächst konnte ich mich nicht damit anfreunden, dass der Roman größtenteils in der Gegenwart geschrieben ist. Normalerweise eher etwas, das mich abschreckt. Raabe nutzt die eher ungewöhnliche Zeitform, weil er immer wieder Rückblenden verwendet - ebenfalls etwas, das mich als Leser normalerweise abschreckt.Ich bin froh, dass ich trotzdem weiter gelesen habe. Nach ein paar Kapiteln hat mir seine Erzählweise schließlich gefallen und dank der rätselhaften Stimmung in den Bann gezogen.Fazit:Insgesamt ein Lesevergnügen, auch wenn (oder weil) Marc Raabe kein leicht verdaulicher Autor ist. Auf jeden Fall kein 08/15-Thriller, sondern einer, den man eine Weile in Erinnerung behält.