"Die Welt aus allen Fugen" ist ein informatives Werk zum damaligen aber teilweise auch zum aktuellen Zeitgeschehen in Europa, dem Nahen-Osten, den USA, Russland und China, ja der ganzen Welt. Vieles wirkt als Vorahnung auf kommende Entwicklungen und Ereignisse insbesondere den Osten betreffend.Ich war an den Reportagen dieses Autors im Fernsehen immer interessiert und habe auch den größten Teil seiner Bücher gelesen. Er konnte immer spannend berichten. Seine Analyse der Geschehnisse vor Ort waren immer ausführlich. Er war ein kritischer Beobachter. Dennoch sollte man nie vergessen das es immer nur subjektive Beobachtungen und Berichterstattungen geben kann. (Daher versuche ich zu jedem Buch auch eines mit genau gegenteiliger Meinung/Darstellung zu lesen. Aber das sei nur am Rand erwähnt und trägt auch nicht zur Beurteilung bei.)Hilfreich in der Beurteilung, und zwar auch der Entwicklung der heutigen politischen Situation auf der Welt. Auch heute noch lesenswert.
Seine - immer auch autobiographischen - Bücher sind sicherlich alle lesenswert, dieser Eindruck verdichtet sich beim Lesen dieses einsammelnden Themenbandes, der einerseits Essays, andererseits journalistische Annäherungen von Kollegen einfängt und aus der Sicht des Jahres 2012 vor allem auf den Nahen Osten fokussiert, dabei aber Lateinamerika und den ferneren Osten, insbesondere auch das Land seiner Sehnsüchte Vietnam einschließt.Peter Scholl-Latour, aus den Wirren des zweiten Weltkrieges "erwachsen", vom Jesuitenkolleg zum kurzzeitigen Partisanen im späteren Jugoslawien, dann als überzeugter Gaullist ("Charles de Gaulle" gleich "Karl von Gallien" wie er bemerkt) Teil einer Elite-Einheit der Franzosen im damals noch unberührten Indochina - wenn man vom Kolonialkrieg absieht, absehen kann! Der Krieg als "Vater" von unverstellten Einblicken in den "globalen" Menschen? So sieht es dieser Visionär wohl manches Mal, das trieb ihn immer wieder hinaus, wenn man der Eigendarstellung folgen will. Später schlug er den Intendanten-Job (ARD) aus, nur um Auslandskorrespondent (ZDF) zu werden. So entstehen Legenden. Die auch noch mit 87 Jahren durch das kriegsgeschüttelte Libyen reisen. Oder durch Afghanistan mit den Mudjaheddin. Gefangen von Vietkong. Gestorben in Berlin.Für die 68er des Stern war er als Chefredakteur nicht tragbar. Ihm waren auch die Haare seines jetzt in Neuseeland lebenden Sohnes zu lang, nun sind sie inzwischen kurz, wie er scherzhaft hinzufügt. Er war nie Kommunist, aber verstand das Machbare. Warum die Amerikaner in Vietnam scheitern mussten, oder in Afghanistan. Warum wir uns vor Saudi-Arabien und Pakistan in Acht nehmen sollten und den Iran ernst nehmen und respektieren. Dass Araber Sunniten, Wahabiten, Schiiten sein können, die Al Quaida mittlerweile ein Märchen ist.Das ist interessant und immer wieder vergessen: Die Taliban, Bin Laden, alles subversive Kräfte, die vom CIA und ähnlichen Organisationen der USA aufgebaut wurden als muslimische Kraft gegen die Russen in Afghanistan. Bis es sich dann verselbständigte als Kraft gegen alles, was nicht islamisch ist.Er bezweifelt immer wieder den Sinn, einen zaudernden Parlamentarismus nach dem Modell Europas für arabische Stämme als diesen zu einem "arabischen Frühling" zu stilisieren, als Fortschritt zu propagieren und zu unterstützen. Die intellektuellen Kräfte haben vielleicht das Internet zum Diskutieren, aber nicht die Macht eines Freitagsgebetes in der Moschee für das breite Volk zu bieten. Seine Vision ist die eines fundamentalistischen Islams, den wir zu respektieren haben, wenn wir nicht Krieg gegen ihn führen wollen. Er sieht eine mächtiger werdende islamische Türkei Erdogans und Schiiten am neuralgischen Punkt des Welthandels am Golf von Suez und Aden.Aus seiner Sicht scheint eher ein blutroter Herbst auf, im destabilisierten Nahen Osten - nach der Verstoßung Assads, Ermordung Husseins oder der Pfählung von Ghadaffi (bei dem die Frauen emanzipierter waren als die im Saudi-Arabien von heute, wie er kritisch vermerkt).Was für ein trotziger Mann, welche oftmals lebensklugen Ansichten - lesenswert alle, wenn auch nicht auf ein Mal. Besonders in Zeiten, wo manche Angst haben, dass die Welt aus den Fugen geht. Nur weil wir in Europas Mitte seit 70 Jahren das Glück eines Friedens genießen. Ist der Krieg nicht der Vater aller Dinge? Er meint jedenfalls, nie etwas Schlimmeres erlebt zu haben als die kurze Zeit im Prager Gestapo-Keller. Und das sagt er als gläubiger Christ. Die Bewunderung, die ich für ihn hege, schadet dem Urteil, denn es lässt über die unübersehbaren Schwächen des Buches hinwegsehen, die wahrscheinlich aber dem Verlag anzulasten sind, der mit strenger Regelmässigkeit neue Werke des Erfolgsautors forderte und gegebenenfalls den Text mit journalistischen Veröffentlichungen anreicherte...