In einer umfangreichen, perfekten Recherche rekonstruiert Edmund de Waal, Spross des Wiener Ablegers der reichen und einflussreichen Bankiersfamilie der Ephrussi und Erbe der großen Netsuke Sammlung, welche im Mittelpunkt des Buches steht, deren Geschichte. Er sucht unentwegt nach Spuren in der Vergangenheit und schreibt in über zweijähriger Arbeit in eleganter Wortgewandtheit eine perfekte Familienrekonstruktion.Der Beginn der Sammlung liegt in der dritten (französischen) Republik. Damals erfolgte ein Ausverkauf inflatorisch vorhandener japanischer Kunst, der Japonismus war en voge. Der Begründer der Netsuke Sammlung, Charles Ephrussi, ein früherer Spross des französischen Zweigs der Bankiersfamilie, war ein "amateur de peinture", guter Freund vieler damaliger Impressionistischer Maler, ja wie ein älterer Bruder vieler der damals jungen und heute weltbetrühmten Künstler. De Waal versucht ein detailliertes Bild von dessen Räumlichkeiten in der pompösen Pariser Villa zu erzeugen. Hierbei wird intensiv in die damaligen Kunstströmungen und deren Gegensätzlichkeiten abgetaucht. Leider ist auch die damalige Zeit von Antisemitismus geprägt, Neid und Missgunst gegenüber den superreichen Emporkömmlingen. In 1894 erfolgt der Beginn der Dreyfus-Affäre, welche zu einer Spaltung in der Gesellschaft sowie auch in den Kunstkreisen führte.Dann wird die Netsuke Sammlung im März 1898 von Charles an seinen Cousin zu dessen Hochzeit verschenkt.... Und es beginnt hiermit das 2. Kapitel: Wien 1899-1938Auch hier ein riesiges Palais an der Ringstraße, in Nachbarschaft vieler anderer erfolgreicher Juden, eine Bündelung des Großkapitals. Auch hier mündet ein immer stärker werdender Neid gegenüber den oftmals sehr erfolgreichen Juden in offenen Antisemitismus. Die Sammlung kommt etwas aus der direkten Handlungsfolge, welche sich nun stärker der Stellung und dem Leben der Familien zuwendet. Dann aber wieder die Suche nach der Sammlung, welche sich nun im Ankleidezimmer der Beschenkten wiederfindet...und als Spielzeug für die Kinder dient. Am 28.6.1914 erfolgt das Attentat von Sarajevo und in Folge die Kriegserklärungen und Aktivierung der Bündnissysteme. Die Familie steht nun plötzlich auf verschiedenen Bündnisseiten, Verwandte sollen nun gegeneinander kämpfen. Was waren diese Kriege nur für ein kolossaler Irrsinn, zu Beginn waren sogar noch einige Intellektuelle euphorisch...aller ausländischer Besitz des Wiener Stammes war nach dem Krieg verloren.Dann die kurze Zeit zwischen den Kriegen, und schon kommt der 11. März 1938, Nazischergen plündern den Palais Ephrussi, der Antisemitismus kulminiert. Man kann das damalige Unrecht gar nicht oft genug vor Augen geführt bekommen... schrecklich was von dieser Bande alles verursacht wurde, das System der Angst, geführt von einigen Monstern, fundamentiert durch viele Verführte welche wiederum die Massen infizieren, startet. Das Land der Dichter und Denker ist zum Land der Richter und Henker verkommen. Es braucht einiges, um einfach aus der Tür zu gehen und alles zurückzulassen, dieser Teil des Buches bringt nicht nur seinen Autoren zum Weinen....Im Dezember 1945 gab die ehemalige Haushälterin Anna der Großmutter von Edmund die 264 Netsuke, dies war das Einzige, was sie retten konnte an Iggi, dem Großvater von Edmund weiter. Nun erfolgte deren Umzug nach einem Zwischenstopp in England zurück in deren Entstehungsland Japan. Iggie reist für seine Stelle bei einem Getreideexporteur nach Japan und hatte die Netsuke in seinem Gepäck. Es ist sehr interessant, auch einmal etwas über den Wiederaufbau in Japan nach dem Krieg kennenzulernen.Mit dem letzten Rastplatz der Sammlung in London bei Edmund endet die Familiengeschichte...
Es gibt zur Zeit kein besseres Buch auf dem weltweiten Buchmarkt. Glauben Sie mir! Es geht tief ins Herz, in die kollektive Erinnerung, es erweckt Liebe und Bewunderung und Interesse, aber auch entsetzliche Bitterkeit - im Zusammenhang mit der Arisierung. Schande und Scham!Wie die Ephrussi ihre Kunstsammlungen aufbauten und warum gerade so und nicht anders, hat zwar mit einem bestimmten Zeitgeschmack zu tun, aber auch mit Assimilation, wie es der hochgebildete Autor erklärt. Oder wie die damalige Pariser oder Wiener Gesellschaft beschrieben wird, - wie sich Berühmtheiten wie Proust oder Rilke um die Ephrussi-Familie bemühten, dies und so vieles andere,- ist einzigartig, sehr lebendig und niemals langweilig berichtet. Die Familienmitglieder, Eltern, Brüder, Mütter, Kinder, man lebt total mit ihnen mit. Und die gute Anna, das Dienstmädchen, das die Netsuke lange Zeit unter ihrer Matratze aufbewart und sie so gerettet hat, dass es soetwas überhaupt gab....Dazu kommt die Diskussion um die Bedeutung der verschiedenen Stilrichtungen in der Architektur, (Paris, Wien, die Ringstrasse, Ephrussi-Paläste etc.) und wie diese immens reichen Banquiers damals wohnten. Dass natürlich Japan von Anfang an eine hervorragende Rolle spielt, lässt sich bereits an der grossartigen Netsuke-Sammlung erkennen, - zu diesen Kleinodien gehört auch der Hase mit den Bernsteinaugen. Wunderbar und berührend, wie diese Sammlung thematisch-biografisch den ganzen Text durchzieht und in welchem Zusammenhang diese Kleinodien zu den verschiedenen Ephrussi-Generationen standen. Gegen Ende des Buches ein Besuch des Autos und dessen Bruder in Odessa, dorther kamen einst die jüdischen Getreidehändler Ephrussi, um sich in Paris und Wien anzusiedeln. Ich muss es noch einmal wiederholen: dieses einzigartige Buch müssen Sie gelesen haben, Sie tun sich damit nur das denkbar Beste. Ich liebe De Waal und hoffe, dass Sie es auch bald tun werden!