Ein Mann der beim Essen in Pariser Restaurants regelmäßig von Fans umringt ist, einer dessen Bücher beim Erscheinen Bestseller werden und in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt werden, einer der mit amerikanischen Präsidenten befreundet ist und regelmäßig von Ihnen um Rat gefragt wird, einer dessen hundertster Geburtstag auf der ganzen Welt gefeiert wird: ein Popstar, ein Schauspieler? Nein, im 19.Jahrhundert war das tatsächlich einem Entdecker, Abenteurer, Naturforscher und Wissenschaftler möglich: Alexander von Humboldt.Andrea Wulf schildert den Werdegang Humboldts, gibt Einblick in sein Denken, erläutert welche Menschen, Erlebnisse und Begebenheiten ihn beeinflussten und wie seine Tätigkeit als Forscher, Denker und Autor Wissenschaftler, Politiker und Dichter beeinflusste. Sie zeigt aber auch den Menschen Humboldt. Der war eigentlich Weltbürger musste aber später im Leben in dem von ihm alles andere als geliebten Berlin leben.Dreh und Angelpunkt seines wissenschaftlichen Weltbildes und seines Ruhms ist seine mehrjährige Südamerikareise. Wulf schildert die strapaziöse Reise detailreich und arbeitet die Bedeutung unterschiedlichster Aspekte heraus. Sein es geographische, geologische, botanische, meteorologische, gesellschaftliche oder politische Entdeckungen bzw. Erkenntnisse. Humboldt entwickelt auf dieser Reise einen speziellen Blick auf die Wissenschaften und die Natur. Er verbindet objektive, wissenschaftliche Betrachtung, Empirie und subjektive Schilderungen zu einem Amalgam den die Zeitgenossen sich nicht entziehen konnten. Abenteuer, Wissenschaft und Poesie gingen bei ihm Hand in Hand.Unglaubliche Fleißarbeit und Detailversessenheit verband sich mit einem Blick für Zusammenhänge und das große Ganze. Auf Humboldt gehen so über vergleichende Beobachtungen die Einführung von Klimazonen und Isothermen in die Wissenschaft zurück. Er sieht die Natur als ein Ganzes in dem alles mit allem verbunden ist. Er erkennt dass die Natur ständiger Veränderung unterworfen ist, die Umwelt beeinflusst Lebewesen, ebenso wie diese ihre Umwelt verändern können. Klima und Natur, geologische Veränderungen alles wirkt aufeinander ein. Er weist seine damaligen Leser auf Naturzerstörung durch rücksichtslose Ausbeutung von Ressourcen hin (Abholzung der Wälder, Versteppung etc.).Vom kleinsten Moos bis zum Stern: der gesamte Kosmos bildet für Humboldt eine untrennbare Einheit. Auf Grund seiner umfassenden Kenntnisse und seiner vergleichenden Forschung kommt er etwa zum Schluss, das Südamerika und Afrika einst vereint gewesen sein müssen. Lange bevor der Gedanke der Kontinentalverschiebung aufkam und schließlich Mitte des 20.Jahrhunderts etabliert wurde.Humboldts Diskussionen mit Goethe, die Beschäftigung mit Kant, mit den Wissenschaftlern seiner Zeit und die Forschungsreise in die neue Welt fügen sich schließlich zu einem neuen Blick auf die Welt. Als in den 30iger Jahren des 19.Jahrhunderts die Wissenschaften mehr und mehr zu den voneinander abgegrenzten Disziplinen werden die wir heute kennen, arbeitet Humboldt an seinem größten Werk „Kosmos“. Hier verschmilzt er seine Arbeit und die Ergebnisse einer Unzahl anderer Wissenschaftler aus der ganzen Welt mit denen er in regem Austausch stand zu einem großen Ganzen. Keine Enzyklopädie die Fakten auflistet, sondern ein Werk das Zusammenhänge deutlich macht, fußend auf Humboldts lebenslanger vergleichender Forschung.Andrea Wulf nimmt den Leser mit auf eine Reise durch das Leben dieses großen Mannes. Das liest sich spannend, ist voller Fakten und gibt wunderbar das Denken Humboldts wieder. Die unfassbare Popularität Humboldts und der kaum zu ermessende Einfluss den er auf andere Wissenschaftler hatte arbeitet Andrea Wulf heraus. Die Autorin widmet den Wichtigsten dieser Denker und Forscher eigene Abschnitte, so war etwa Darwin ein großer Bewunderer Humboldts. Dieser hatte bereits, wie andere Forscher der Zeit, Gedanken über die Entwicklung von Lebewesen zu Papier gebracht, die Darwin aufgriff.Andere Kapitel beschreiben wie stark Humboldt das Denken von frühen Umweltaktivisten beeinflusste und ökologisches Denken letztlich auf ihn zurückgeht. Dass dieser Mann außerdem gegen Sklaverei war und für freiheitliche, demokratische Ideen eintrat (er beeinflusste Simon Bolivar, den südamerikanischen Revolutionär mit dem er befreundet war) könnte ihn glatt zum Poster Boy aller modernen Umweltschützer machen.Andrea Wulf hat ein absolut lesenswertes Buch geschrieben das den Mann, sein Denken, was ihn beeinflusst hat, wen und was er beeinflusste herausarbeitet. Den historische Kontext beschreibt sie ebenfalls, so dass auch die politischen Verhältnisse und historischen Ereignisse unter den Humboldt lebte und wirkte klar werden. Nebenbei erfährt man dann auch noch dass nach niemandem auf der Welt mehr Orte benannt sind als nach Alexander von Humboldt. Ein umfassender Anhang der kurz Humboldts wichtigste Werke beschreibt, sowie ein Anmerkungsteil der akribisch alle Textquellen auflistet vervollständigen das Buch. Das enthält außerdem eine Vielzahl von Abbildungen die ein lebendiges Bild der Zeit entstehen lassen.Ein großartiges, gut strukturiertes, sehr lesbares Sachbuch das fakten- und kenntnisreich Zusammenhänge verdeutlicht und überraschende Details bereithält, nicht zuletzt dass Ökologie und Umweltdenken bereits in der Mitte des 19.Jahrhunderts einen Vordenker hatten.