"Die Niederlande wollten neutral bleiben. Wir wollten wie die Schweden sein und in Ruhe gelassen werden. Hitler sagte, er wolle uns in Ruhe lassen. Bis zu dem Tag, als er unser Land besetzte, sagte er, er wolle uns in Ruhe lassen." Vor diesem Hintergrund entfaltet sich die Handlung von dem von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019 nominierten zeitgeschichtlichen Roman "Das Mädchen im blauen Mantel." Es geht um das besetzte Amsterdam während des Zweiten Weltkrieges. Hanneke, eine niederländische junge Frau leistet Widerstand, indem sie Schwarzmarktgüter beschafft. Doch eine der Kundinnen hat einen ganz besonderen Auftrag für sie. Sie soll ein jüdisches Mädchen wiederfinden, das verschwunden ist. Die Informationen sind spärlich, die Gefahrenlage groß.Obwohl Hanneke eine der mutigsten Frauenfiguren ist, die ich lange in einem Buch begleiten durfte, leidet sie. Sie leidet an der großen Schuldfrage. Wahrscheinlich eins der Wörter, die aus dieser Zeit bleiben werden: Schuld. Diese junge Frau kämpft, ist stark und mutig und doch hat sie ihre eigene Bürde. Jede und jeder von uns tut Dinge, die man hinterher bereut und nie wieder ändern kann. Müssen wir uns deswegen schuldig fühlen? Müssen wir Gutes tun und uns opfern, um diese Schuld zu begleichen? Hanneke ist nicht die Einzige, die sich mit dieser Frage quält. Jede Figur in diesem Buch hat ihre eigene Last auf den Schultern, eine Schuld, die sie begleichen wollen.Das subversive Potenzial der Schwarzmarktgeschäfte gibt Hanneke einen gewissen Halt und dient so auch ein Stück weit der Trauerbewältigung. Doch eines Tages erteilt ihr eine Kundin namens Jansen einen ominösen Auftrag, der Hannekes Leben radikal ändert: Sie vertraut Hanneke an, dass sie ein jüdisches Mädchen versteckt gehalten habe und dieses nun verschwunden sei. In der falschen Annahme, Hanneke habe Kontakt zum Widerstand, bittet Frau Jansen die Protagonistin, die verschwundene Mirjam Roosveldt, das titelgebende „Mädchen im blauen Mantel“, zu finden. Hanneke ist irritiert und durcheinander. Sie hat keine Verbindungen zum Widerstand und hat sich mit der Judenverfolgung bislang nicht auseinandergesetzt. Eigentlich möchte sie Frau Jansen diese irrwitzige Bitte ausschlagen, doch Mirjams Verschwinden lässt sie nicht mehr los. Und so macht Hanneke sich auf die Suche. Eine Suche, die sie tatsächlich Verbindungen zur Widerstandsbewegung aufnehmen lässt und sie auf die Deportation der Juden aufmerksam macht.Doch darüber hinaus kommt sie innerlich auch immer mehr in Kontakt zu dem verschwundenen Mädchen. Die Suche wird zur Passion und auch zur Überlebensstrategie.ie Niederländer erscheinen als zerrissenes Volk, verunsichert und traumatisiert.Mit Hanneke tritt eine starke Stimme auf, die wortgewaltig und auch metaphorisch erzählt und beschreibt, wie groß das Grauen damals wirklich war.Fazit: Dieses Buch sollten ganz viele Menschen lesen. Es ist nicht nur für die junge Leserschaft geeignet sondern für alle, die sich für das Thema interessieren.