(Ich lese das niederländische Original, hoffe, dass die Übersetzung den Charakter erhält):Ein gleichermaßen wunderbares wie bedrückendes Buch. Es hat mir durch die Beobachtungsgabe und Erzählkunst des Autors mühelos Einblick in eine wichtige Entwicklung unserer Gesellschaft verschafft.Über Jahrhunderte gewachsene dörfliche Strukturen verschwinden binnen einer Generation. Ein Wertesystem aus Eingebundensein in den Strom der Zeit, Solidarität und Achtung vor der Schöpfung weicht einer Industrialisierung und Vereinzelung des dörflichen Lebens. Die Dynamik von Märkten und die Notwendigkeit, großes Kapital einzusetzen, schaffen Abhängigkeiten, die im Grunde schmerzhafter sind als die oft zitierte Enge des Dorfes. Denn die Enge des Dorfes schafft Nischen, die einen zwar binden, aber in denen dank der Solidarität auch den Schwachen und Langsamen ein ungefährdetes Sein ermöglicht wird.Man könnte auch sagen, es ist ein Buch über die Entfremdung der ländliche Gemeinschaft, wie Karl Marx über die Entfremdung der Industriegesellschaft geschrieben hat.Nur, und jetzt kommt der wunderbare Teil: Geert Mak liebt Jorwerd, er hat es studiert und Zusammenhänge analysiert, aber hauptsächlich lässt er im Leser das Bild des Verfalls entstehen durch viele mit Liebe geschriebene kleine wahre Geschichten. Wie der Einzelhändler eine Frau zur Rede stellt, die bei ihm noch was "im Buch" stehen hat und in die nahe Stadt in den Supermarkt fährt. Wie das 58-Jährige Paar den Hof auflöst und mit Tränen zusieht, wie die letzten Kühe zum Schlachthof geholt werden. Wie der Tierarzt schulterzuckend feststellt, dass er ein Schaf zwar hätte retten können, dass aber dessen Verkaufspreis geringer ist als sein Verdienst. Wie es eine Generation dauert, bis auch (fast) die letzten Jorwerder das erste Mal Urlaub machen; eine Bootsfahrt auf dem Rhein. Oder wie jedes Jahr neu eine feste Folge von Festen und Ereignissen das Dorfleben prägt, mit klaren Regeln, wer in welcher Rolle was mitmacht oder nicht.Wir kennen das alle: im billigsten Supermarkt statt um die Ecke einkaufen, die Milch für 50 Cent haben wollen, die frische Milch vom Nachbarn stehen lassen zu Gunsten der industriell haltbar gemachten irgendwo aus Europa. Wir ahnen, dass dadurch mittelständische Existenzen unwiederbringbar verlorengehen. Und Geert Mak zeigt es uns in kleinen und großen Zusammenhängen, in Worten, die wie Liebeserklärungen an seine Jorwerder klingen, ohne Anklage, bestenfalls im Unterton. Unsere Schlüsse erlaubt er uns, selbst zu ziehen.Ein Schluss, der mir Angst macht: Wir exportieren unbekümmert das Modell industrieller Landwirtschaft in Dritte (Welt) Länder und infizieren sie mit dem gleichen Virus, der ihre heute dort noch bestehende Strukturen das gleiche Schicksal erleiden lässt, wie Gott in Jorwerd.
Das nach Amsterdam zweite von Mak auf deutsch erschienene Buch war zugleich sein erster größerer Erfolg auf dem deutschen Buchmarkt. Mak konnte hier bereits zeigen, was seine größten Stärken sind: Eine persönliche Anteilnahme am Gegenstand seines Interesses, ein weiter Horizont, was historisch-soziologische Veränderungsprozesse angeht und eine lockere wie auch präzise Schreibe.Dabei hat die von ihm gewählte Thematik einige Dramatik zu bieten. Das Dorf als Siedlungsform hat im (West-)Europa - denn genau genommen ist nur für diesen Raum Maks Paradigma zumindest annähernd gültig - des vergangenen Jahhunderts eine dratische Wendung erlebt. Aus eigenständigen Wirtschafts- und Kultureinheiten wurden Wohnstätten, die nur noch im Anschluss an größere Einheiten, wie etwa Städte es sind, agieren, ja existieren.Mak wählt in seinem Werk, das immer wieder zwischen Analyse und Erzählung anhand einzelner Schicksale und Lebensläufe schwankt, keine chronologisch lineare Darstellungsform. Viel mehr geht er thematisch vor und beschreibt so unterschiedliche Bereiche, wie etwa die Entwicklung der Bauernhöfe, der Alltagskultur und des religiösen Lebens. Es kommt ihm zugute, dass er selbst durch seine Familie eine enge Bindung an dörfliches Leben, sogar direkt an Jorwerd hat. An diesem Punkt liegt zugleich allerdings auch die kleine Schwäche des Buches. Bisweilen ist durchaus Skepsis angebracht, wenn Mak die Erfahrungen in Jorwerd als allgemeine Entwicklung darstellt. Hier ist der Leser schlicht herausgefordert, sich zu erinnern, dass es eben keine wissenschaftliche Studie, sondern eine (äußerst gekonnt) erzählte Beschreibung eines bestimmten Dorfes ist.Dennoch: Wer in einem Dorf groß geworden ist, oder die Entwicklung eines solchen (insbesondere eines niederländischen) in den letzten Jahren verfolgt hat, wird manches Aha-Erlebnis, auch manche melancholische Erinnerung und manches mitwisserische Schmunzeln gewiss erleben.