"Ich bin auf dem Weg. Du musst nur durchhalten. Ich werde Dich retten, Du wirst schon sehen. Ich werde laufen, und Du wirst leben."Es gibt Bücher, die so sind wie Schokolade: Man kann nie genug davon haben, man wünscht sich, dass der Moment des Genusses lange anhält und wenn das letzte Stückchen verspeist ist, möchte man am liebsten, dass der Geschmack lange auf der Zunge verbleibt.So ein Buch ist "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" von Rachel Joyce.Harold Fry ist ein ruhiger unscheinbarer Pensionär, der zusammen mit seiner Frau Maureen ein Häuschen im Südwesten Englands bewohnt. Das Leben geht an den Beiden vorbei, und mehr als das Haus scheinen sie nicht gemeinsam zu haben.Als Harold eines Tages den Abschiedsbrief von Queenie Hennessy, einer ehemaligen Kollegin, die an Krebs in fortgeschrittenen Stadium erkrankt ist, bekommt, rührt sich etwas in seinem Inneren und er verspürt das Bedürfnis, etwas für diese Frau zu tun, die er 20 Jahre lang nicht mehr gesehen hat: Er schreibt ihr einen Brief. Aber als er zum Briefkasten geht, läuft er weiter und weiter, Richtung Norden, Richtung schottischer Grenze, dahin, wo Queenie im Sterben liegt. Er läuft, 1000 km, in 87 Tagen.Rachel Joyce nimmt uns auf diese ungewöhnliche Reise mit. Quer durch England.Während dieser Reise begegnet Harold vielen Menschen, viele von ihnen schließt er in sein Herz, und sie begleiten ihn im Geiste entlang der Route. Und wir dürfen auch mit.So lange Harold läuft, hat er Zeit zum Denken und Nachdenken, über sein Leben und über die Menschen in seinem Leben. Und so werden wir Leser Zeugen, nicht nur von seinem Weg auf den Straßen Englands, sondern auch von seinen Gedanken und von den Alpträumen, die ihm plagen.Rachel Joyce erzählt uns eine bewegende Geschichte.Sie schafft es, dass wir Harold nicht vergessen können, nicht vergessen wollen. Seine Geschichte wird uns langsam vor Augen geführt und wir können miterleben, wie diese Reise nicht nur sein Leben verändert, sondern auch das von seiner Frau, die auf einmal auf sich allein gestellt ist.Nachdem wir so viele hunderte von Kilometern mit Harold gegangen sind und nachdem wir zusammen mit ihm mitgebangt und mitgehofft, und seine kleinen und großen Erfolge mitgefeiert haben und bei seinen Niederlagen mitgelitten haben, lässt uns Rachel Joyce die ganze tragische Wahrheit über Harolds Beweggründe erfahren. Plötzlich und unerwartet platzt diese Bombe und lässt uns erschüttert zurück.In diesem Moment wünschen wir uns mehr als alles andere, dass Harold das schafft, was er sich vorgenommen hat.Harold, Maureen und Queenie, durch Harolds Fußmarsch vereinigt, bilden ein Dreieck der besonderen Art. Ihre Geschichten, erst unauffällig auf uns wirkend, stecken doch voller Überraschungen.Ich hatte das Privileg, Teil eines besonderen Projektes gewesen zu sein: Der Fischer Verlag hat dieses Buch auf Wanderschaft geschickt. Ähnlich wie Harold in England, reist dieses Buch quer durch Deutschland.Heute schicke ich mein Exemplar an die nächste Leserin weiter. Das fällt mir sehr schwer.Aber ich nehme an, dass auch ich, so wie Maureen, lernen muss, loslassen zu können."Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" ist der erste Roman von Rachel Joyce, sehr schön ins Deutsche von Maria Andreas übersetzt, und ein Roman, der bewegt, und dessen Wirkung ich noch lange nach dem Lesen genießen möchte... genau wie bei Schokolade.
Harold Fry und seine Frau Maureen leben in einem typischen, südenglischen Kleinstadtidyll mit Reihenhäuschen und kleinen Gärten. Doch ihr Alltag ist alles andere als idyllisch. Harold und Maureen leben mehr aneinander vorbei als miteinander, zu sagen haben sie sich schon lange nichts mehr und auch Sohn David lässt sich nicht mehr sehen, nur Maureen unterhält sich noch öfter mit ihm. Das alles ändert sich an dem Tag, als Harold Post von einer ehemaligen Kollegin, Queenie Hennessy bekommt, die in einem Hospiz in Schottland im Sterben liegt. Zunächst will Harold nur seine Antwort in den Briefkasten werfen, doch dann beschließt er, angeregt durch eine junge Verkäuferin in einer Tankstelle, zu Queenie nach Schottland zu laufen. Was zunächst wie eine reichliche Schnapsidee wirkt, wird für Harold bald zu einer modernen Pilgerreise ohne religiösen Hintergrund. Denn Harold läuft nicht mehr nur, um Queenie zu retten, wie er zunächst glaubt, sondern auch, um sein eigenes Lebens, das er auf dem Weg Revue passieren lässt. Um seine verpassten Chancen und die Fehler, die er gemacht hat. Seine Reise verändert jedoch nicht nur ihn, sondern auch die Menschen, denen er begegnet - und vor allem Maureen...Um es zusammenzufassen: Ein einfach nur schönes Buch. Herrlich unaufgeregt und mit einer dazu passenden, leicht poetischen, aber nie übertriebenen Sprache erzählt. Trotz aller seiner Fehler muss man Harold nahezu von Anfang an gern haben und wünscht ihm das ganze Buch über, dass er seine Pilgerreise erfolgreich beenden wird. Es ist nicht gerade eine Geschichte, in der auf der äußerlichen Ebene viel passiert. Zentral ist das Innenleben, die charakterliche Weiterentwicklung der Figuren. Ob man will oder nicht, Harold Fry lässt einen nachdenken und es bleibt ein Eindruck des Buches, nachdem man es aus der Hand gelegt hat. (Auch wenn ich garantiert nicht in Segelschuhen nach Schottland laufen werde.)