Was heute undenkbar wäre, hat zu Zeiten Heinrich Manns niemanden mehr verwundert. Seit 1911 schrieb der ältere Bruder des bekannten Nobelpreisträgers Thomas Mann an seinem Manuskript zu seinem neben den Romanen um den französischen König Henri Quatre und dem vor allem durch seine Verfilmung mit Marlene Dietrich bekannt gewordenen Roman Professor Unrat wohl berühmtesten Roman Der Untertan. Vollendet wurde das Buch laut eigener Aussagen einen Monat vor dem Beginn des ersten Weltkriegs im Jahre 1914. Während kein Verlag im Kaiserreich bereit war, diesen zeitkritischen Text zu drucken, wurden erste Teile in der Zeitschrift „Simplicissimus“ publiziert, ehe er nach heftigen Kontroversen verboten wurde. Erst 1919, nachdem der Kaiser abgedankt und die Demokratie eingeführt worden war, konnte man dieses Werk, dessen Wirkung wohl vor allem nach seiner Entstehungszeit bedeutsam gewesen wäre, nun lesen – heute dient es vielmehr als Zeitzeugnis aus einer von aktuellem Standpunkt aus betrachtet unvorstellbaren Zeit.Die unvergessliche Hauptfigur dieses Romans, Diederich Hessling, wird im Untertan vom Lebensbeginn an beschrieben. Er wird geboren als einziger Sohn eines erfolgreichen Papierfabrikanten in einem fiktiven preußischen Provinzort namens Netzig und hat zwei Schwestern. Die harte Hand seines Vaters bei Vergehen fürchtet er zwar, beginnt sie jedoch im Laufe der Zeit schätzen zu lernen und sieht die Prügel-strafen, die er bekommt, zunehmend als berechtigt an. Irgendwann versucht er noch nicht einmal mehr, seine Streiche und Sünden zu verbergen, sondern beichtet bereitwillig alles seinem Vater und entwickelt bei jeder Strafe sogar eine gewisse Art von Stolz, von dem von den Fabrikarbeitern respektierten und in manchen Fällen auch gefürchteten Chef derart geachtet zu werden. Nach der Schulzeit geht Diederich nach Berlin um dort Chemie zu studieren, ist begeistert von der Welt und beginnt sich zunehmend für die von ihm zuvor als eher nebensächlich betrachtete Politik zu interessieren. Mit dem Tod des Vaters kehrt er zurück nach Netzig, übernimmt das Geschäft in der Papierfabrik, sucht allerdings nun als sein eigener Chef und der Vorgesetzte vieler anderer wieder einen ihm Überlegenen, dem er sich unterordnen kann. Diederich beginnt immer größer zu denken und widmet sich dem Kaiser. Die darauf folgende Lebens-geschichte, unterbrochen durch private Einschnitte, ist in allererster Linie die Geschichte eines skrupellosen Aufstiegs nach ganz oben, mit dem unstillbaren Drang, anderen zu befehlen und dem nächst Höheren bedingungslos zu gehorchen – Eigenschaften, die Kurt Tucholsky, der eine zeitgenössische, lobende Rezension zu diesem Roman verfasste, dem typisch deutschen Mann zuzuschreiben seien. Diederich gegenüber steht der Vater eines alten Freundes namens Buck, in dessen Tochter er sich verliebt, die er jedoch wegen der politischen Haltung des Vaters letztlich nicht heiratet – dieser war nämlich bei der 48er Revolution maßgeblich beteiligt. Diese Art von selbstbewusstem Volksbegehren entspricht nicht dem Bild des treuen Monarchisten. Der Roman nimmt sein tragisches Ende mit dem Tod Bucks, dem Diederich hemmungslos zuschaut. Aus der satirisch dargestellten, zwar boshaften aber auf den ersten Blick wohl eher harmlosen Mitläufergestalt Diederich Hessling entwickelt sich eindrücklich auf diesen knapp 500 Seiten die Figur eines Täters, eines Schuldigen, obwohl er nie aus eigenem Willen sondern stets im Gehorsam der Anordnungen eines anderen gehandelt hat.Die Beschreibung dieses Diederich Hessling mag vielen, die historisch gewandt sind, ebenfalls wie der typische Nazi des dritten Reichs vorkommen. Der Roman Heinrich Manns ist also nicht nur, wie anfangs behauptet, in seiner Entstehungszeit in Hinblick auf das Kaiserreich relevant gewesen, sondern konnte seine Botschaft auch noch einmal im Staat unter Hitler verbreiten. Nicht ohne Grund wurde Heinrich Mann als ein Feind des dritten Reichs angesehen – seine Bücher waren auf den oberen Plätzen der Liste jener Texte, die dem Feuer zum Opfer fielen.Dieses im Grunde genommen todernste Buch ist allerdings dennoch verfasst als eine Satire. Diederich Hessling wird grundsätzlich komisch dargestellt, seine im Text notierten Gedanken wiedersprechen meist dem, was er letztlich äußert oder tut, seine Handlungen erscheinen teilweise dermaßen komisch und skurril, dass man lachen möchte. So ist z.B. die Szene, in der er einen Arbeiter, der sich mit seiner Freundin in einen verwinkelten Teil der Fabrik zurückgezogen hat, und der infolgedessen gekündigt werden soll, in der Anfangsphase durchaus zum Lachen. Diederich fragt dann schließlich nach der politischen Gesinnung, und als sich herausstellt, dass der Arbeiter ein Sozialist ist, fällt ihm die Kündigung noch leichter. Bitter und traurig endet diese Szene dann aber, als jener Arbeiter vor den Augen seiner Freundin erschossen wird, und der Soldat, der es getan hat, von Diederich mit den Worten, dass das Militär schon immer zum schießen und nicht zum stehen dagewesen sei, auch noch für seine Tat beglückwünscht. Der Kontrast von Kaiserreich und Sozialdemokratie ist der wohl vorreitende in diesem Roman, doch es gibt viele weitere Aspekte, die in diesem Roman das in großen Teilen vergessene Zeitgeschehen des frühen 20. Jahrhunderts aufgreifen und verarbeiten. Sei es die Emanzipation der Frau, der aufkommende Krieg, die Weltmachtstellung Deutschlands, das Leben in einer Monarchie überhaupt – Heinrich Mann war ein Beobachter und Chronist seiner Zeit. Sprachlich erscheint dieses Werk schwerer als manch anderes dieses Schriftstellers, doch hat es aufgrund seiner satirischen Stellen auch zweifellos seinen Pfiff. Man brauch viel Zeit für diesen Roman, um viele Aspekte des Buches zu erfassen und ihnen gerecht zu werden. Im Grunde genommen könnte man über fast jede Szene, in der etwas zeitaktuelles aufgegriffen wird, eine eigenständige Rezension schreiben. Diese literarische Dichte macht den Roman nicht zuletzt zu einem der wohl wichtigsten deutsch-sprachigen Bücher, zu einem kanonischen Roman. Die Behauptung vieler Kritiker, Heinrich Mann sei aus der Zeit gekommen, kann in Hinblick darauf, dass der Roman über das Kaiserreich geschrieben wurde, und schone in paar Jahre später im Deutschland unter Hitler wieder aktuell war, nicht befürwortet werden. Wer weiß, wann es wieder einmal so weit ist, und man sich erinnern sollte, an Texte wie diese, die zweifellos in das Gedächtnis eines jeden Lesers einzudringen versuchen, und die Erfahrungen, die man mit der Literatur machen sollte, sozusagen vertreten. Heinrich Mann war schon mit seinem Roman Professor Unrat seiner Zeit voraus, analysierte die Menschen in der Weimarer Republik auch in seinem späteren, vollkommen zu Unrecht unbekannten Roman Die große Sache extrem treffend, und hat sich einen viel höheren Stand verdient, als den, der ihm zugesprochen wird.Die Behauptung, dieser Diederich Hessling sei typisch deutsch, ist in Hinblick auf die Verallgemeinerung natürlich kritisch – was sich allerdings klar herausstellt, ist die teilweise aufgrund von Ungebildetheit und mangelndem Analysevermögen resul-tierende Extrempositionierung zu einem Thema, wie z.B. dem Nationalismus.Was in der 48er Revolution eine willkommene Vorstellung war, basierte auf vollkommen anderen Hintergründen. Das damals „nationalistische“ Ziel war die Vereinigung eines Deutschlands in einen Staat, wo das Land zuvor in viele Einzelstaaten zersplittert war. Dieses Vorhaben und seine Vertreter werden aus der Perspektive des Kaiserreichs nun schon wieder verschrien – denn das Vorhaben dieses Staates ist die militärische Vormachtstellung des Reiches und seine Unangreifbarkeit. Im Vergleich der Hessling-Figur mit der des alten Buck wird dieser auch im Nazi-Deutschland nicht richtig erkannte Aspekt noch einmal sehr weise aufgedröselt.Der Untertan ist der zweite Band einer Trilogie ums Kaiserreich, in den späteren Büchern wie Die Armen und Der Kopf werden die Aspekte, die hier Anklang gefunden haben, fortgeführt. Heinrich Mann schrieb sich eifrig die Dinge vom Leib, von der Seele, und widmete sich deswegen auch über einen längeren Zeitraum einem Thema. Seine wirklichen Stärken werden der Analyse der Weimarer Republik zugeschrieben – dies macht Hoffnung. Denn wenn dieser Roman schon so gut ist… wie wird es mir wohl mit den darauffolgenden gehen?
Diederich Heßling, der Protagonist des Romans, ist der perfekte Untertan, kann aber auch sehr tyrannisch agieren, nach oben buckeln, nach unten treten, das kann er schon als Kind gut, und zusätzlich schafft er es immer wieder, für sich das Beste aus einer Situation herauszuholen. Oh, wie oft ich über ihn den Kopf geschüttelt habe – wie gut, dass das Ganze satirisch gemeint ist – auch wenn es solche Typen wie Heßling sicher gibt, auch heute noch, so hat Heinrich Mann ihn doch sehr überspitzt dargestellt und manch einem seiner Zeitgenossen damit wohl auch einen Spiegel vorgehalten.Das Untertanenhafte ist heute vielleicht nicht mehr so verbreitet wie noch zu Kaiserszeiten, aber sich immer und überall einen Vorteil zu schaffen, auch auf Kosten anderer, gibt es immer noch, wird es wohl zu allen Zeiten geben. So ist Heßling durchaus auch ein Spiegel unabhängig von seiner Zeit. Er lügt wie gedruckt, ist heuchlerisch, aber auch ziemlich feige, Denunzieren ist sein Hobby.Leicht zu lesen ist der Roman nicht durchgehend, oft muss man sich schon sehr konzentrieren. Für mich gibt es einige Passagen, die mich amüsiert haben, etwa als Heßling während seiner Hochzeitsreise auf seinen Kaiser trifft, und dann nur noch im Sinn hat, diesen zu stalken, wie man heute sagen würde. Andere Passagen ziehen sich sehr und machen das Lesen schwieriger. Dennoch erzählt Mann anschaulich und die Charaktere sind gut ausgebaut, ihre Beschreibungen sehr bildhaft, wenn auch oft nicht sehr vorteilhaft.Meine Ausgabe beinhaltet einen umfangreichen Anhang, den ich interessant zu lesen fand.Heinrich Manns Roman ist gute hundert Jahre alt, wirkt aber in manchem immer noch aktuell. Ich hatte amüsante, aber auch angestrengte Lesestunden. „Der Untertan“ gehört meiner Meinung nach zu den Klassikern, die man gelesen haben sollte.