Der Autor ist Neurobiologe an der Uni Göttingen; ein Profi, der gegen den Trend steuert und hochgradig interessante Erkenntnisse und daraus abgeleitete Schlussfolgerungen zu bieten hat.Wesentliche Feststellungen:Nicht die Gene machen aus uns, was wir sind, sondern die Umgebung. Der genetische Einfluss auf unser Verhalten ist unwesentlich, Herrschaftsdenken und Rassismus ist Unfug.Quantität und Qualität der Inputs vernetzen unser Hirn und bestimmen unser Denken und unsere Entscheidungen: „Brauchbares“ (auch im negativen Sinn) bewirkt Datenautobahnen im Gehirn, Nicht-mit-der-Umgebung-Kompatibles wird reduziert.Jeder Mensch wird mit einem Gehirnressourcen-Überschuss geboren und kann diese Vernetzung lebenslang steuern.Gegenwärtige Ideologien gehen von der grundlegend falschen Annahme aus, dass der Mensch wie eine Maschine funktioniert und im Wettbewerb über sich hinauswächst. Wettbewerb erzeugt lediglich ein hohes Maß an spezialisierter Konformität, Maschinendenken reduziert den Menschen auf ein funktionsorientiertes Objekt.Besonders aufschlussreich dazu wirkt die Darstellung des globalen Ist-Zustands im Kapitel „Clevere Rattenfänger“ (Leseprobe wird empfohlen, Anm. d. Rez.).Begeisterung stärkt und verdickt die Vernetzung. Aus diesem Grund besitzen Kleinkinder ein diffizileres Netzwerk als Erwachsene.Es-anderen-Recht-zu-Machen ersetzt die Begeisterung, wird zur Routine, zum Hamsterrad. Stereotype Alltagsroutinen verhindern Begeisterung.Autopoiesis: Menschliche Gehirne funktionieren selbstgestaltend, sind für Fremdgestaltung (Kontrolle, Beschränkung…) nicht geeignet und daher auch nicht für auferlegte Alltagsroutinen. Motivation ist hirntechnischer Unsinn.Änderungen: Verhaltensweisen, die irgendwann der konstruktiven Entwicklung gedient haben, sind, wenn sie nicht mehr ins Umfeld passen, der Entwicklung hinderlich, verstärken falsche Sicherheitsvorstellungen und müssen geändert werden.Austauschen: Kreativ und gestaltend wird der Mensch nur beim Austauschen seiner Ideen mit anderen. Im eigenen Saft verschmort viel.Konfliktlösungs- Planungs- und Handlungskompetenz, Beziehungsgestaltung wird in den industrialisierten Ländern vernachlässigt, nicht in Bildung integriert.Erfahrungen sind immer auf kognitiver, emotionaler und körperlicher Ebene vernetzt. Rein kognitive Fortbildungsprogramme verändern nichts, wenn sie die emotionale und körperliche Ebene nicht erreichen.Wer es schafft, diese Strukturebenen zu berühren, verändert eine Denkrichtung über die gesamte Vernetzung, was im positiven Sinn bedeutet, dass jemand, der diese Konstellation zu etwas Vernünftigem nutzt, damit auch Erfolg hat. (Politische Int. d. Rez.: Rassenhass, Kastenwesen und Ausbeutung haben vorgezeigt, wohin das negative Resultat dieser Denkweise führt, aber sie beherrscht noch immer gesellschaftliche Gruppierungen aller Völker. Möchte aber nicht behaupten, dass der Autor das tatsächlich auch so gemeint hat.)Freier Wille: Die Erregungsmuster, die im Gehirn vor einer Entscheidung ablaufen und missverständlich in der wissenschaftlich orientierten Literatur als Fehlen des freien Willens interpretiert wurden, sind Aktivierungssignale der 3 Strukturebenen.Freier Wille ist nur möglich ohne Existenzsorgen, ohne Abhängigkeit, ohne Manipulation, in verantwortlicher Verbundenheit mit der Umgebung, in individueller Souveränität.Metarepräsentanzen: „Autopoietisch“ entwickelte Strukturen, durch die das Gehirn seinen aktuellen Zustand repräsentiert und bewusst macht. MR werden von der sozialen Umgebung nicht nur beeinflusst, sondern gebildet. Sozialisation bestimmt also den Horizont dieses Bewusstseins.Treffendes Lorenz-Zitat: „Der Übergang vom Affen zum Menschen, das sind wir.“Potentialentfalter: Wir sind Ressourcenausnutzer, das Ziel sind Potentialentfalter.Ressourcen sind messbar endlich, Potentiale nicht.Potentiale sind überreichlich vorhanden: Gehirn verfügt über riesiges Vernetzungspotential, DNA stellt Unmengen Junk-DNA als ungenutzte Reserven zur Verfügung.Begeisterung wirkt als Potentialentfalter schlechthin, kann aber auch zu Vernebelung, rauschähnlichem, destruktivem Verhalten führen, das großen Schaden anrichtet.Genetische Anlagen: Darwins Erkenntnisse wurden benutzt, um Rassismus und Herrschaftsprinzipien zu rechtfertigen. Wissenschaftliche Resultate seit“ Human Genome Projekt“ beweisen, dass sich der Mensch von seinem nächsten tierischen Verwandten (Affe) genetisch um genau 0,5% unterscheidet (sogar der Unterschied Mensch – Wurm ist genetisch unwesentlich).Was der Mensch heute ist, ist er nicht aufgrund seiner Gene, sondern seiner Potentialentfaltung (Kulturtechniken…).Arbeit ist nicht Lohnarbeit (F. Engels): A. ist psychoemotionale Entwicklung.Lieferung von Leistung gegen Geld (gegenwärtige Definition von Arbeit) entspricht nicht der Ausrichtung des menschlichen Gehirns. Gehirn ist optimiert für Problemlösung, nicht zur Durchführung bezahlter Dienstleistungen.Das Ergebnis von „Arbeit“ sollte persönliche Weiterentwicklung, Vervollkommnung, Potentialentfaltung sein (vgl. Humboldt).Spiel: Zur intensivsten Form der Potentialentfaltung kommt es im Spiel. Lernen durch Spielen ist daher die optimale Konstellation.Kritikpunkt „Märchen“: Zit.: „Märchenstunden sind die höchste Form des Unterrichtens.“Das einfühlsame Erzählen von Geschichten unterstreicht diese Aussage, aber beim Erzählen von Märchen sollten Handlung und Kontext auf falsche und verlogene Inhalte überprüft und diese geändert werden. (Anm. d. Rez.)Shared attention: Eine wichtige Beziehungsform, die sowohl Verbundenheit als auch Autonomie vermittelt – und daher gut als Potentialentfaltungsebene geeignet ist - ist die „geteilte Aufmerksamkeit“: das gemeinsame Erleben, Betrachten, Herstellen, Spielen…Mangelhafte Potentialentfaltung wird im Alter zum Problem. Wenn eingefahrene Verschaltungsmuster nicht mehr gebraucht werden, das gesamte Gehirn-Netzwerk jedoch auf diese ausgerichtet ist, kann ein „schwarzes Loch“ entstehen. Es ist sinnvoll, bereits vor dem Ruhestand im Hirn für Diversität zu sorgen.Kreativität: K. ist nicht die Erfindung von etwas Neuem, sondern eine Vernetzung von weit auseinander liegenden Gedächtnisinhalten.Gehirne sind ähnlich aufgebaut wie menschliche Gemeinschaften: Wird Potentialentfaltung genutzt, entsteht enorme Entwicklungs-Prosperität, wird sie verhindert, entsteht Angst, Verunsicherung, Reduktion auf archaische, undifferenzierte Verhaltensmuster.So wie ein dicht und weitläufig vernetztes Gehirn seinen Besitzer positive und konstruktive Entscheidungen treffen lässt und ihn bei der Selbstverwirklichung unterstützt, so fruchtbringend findet in einer ebensolchen Gemeinschaft Entwicklung und individuelle Entfaltung statt. Verschwindet dieser „gute Geist“ (gemeinsamer Zusammenhalt, ursprünglicher Zweck) einer Gemeinschaft, funktioniert sie nur mehr durch Druck und Kontrolle und verliert ihren Sinn und ihre Antriebskraft.(Dazu der Schluss des Buchs im Original.)Wenn es eine Gemeinschaft so weit gebracht hat, mag sie vielleicht noch eine Zeitlang überleben. Sie funktioniert dann aber nur noch diesem fremden Geist gemäß und entwickelt sich nicht weiter. Sie kocht im eigenen Saft und ist weit davon entfernt, die in ihr angelegten und in ihren Mitgliedern vorhan¬denen Potentiale entfalten zu können. Sie wird zu einer Küm¬merversion dessen, was sie ursprünglich einmal war und was aus ihr in Zukunft noch hätte werden können.Unseren Kirchen ist das so gegangen, vielen Krankenhäu¬sern und Schulen auch, sogar den Universitäten und der Ar¬mee. Auch Gewerkschaften und Parteien ist ihr jeweiliger guter Geist weitgehend abhanden gekommen.Dafür entstehen an anderen Stellen in unserer Gesellschaft andere Gemeinschaften. Und die machen sich mit einem er¬staunlich starken gemeinsamen Geist und mit sehr viel Dyna¬mik auf den Weg. Die einen wie immer rückwärtsgewandt. Die brauchen uns im Zusammenhang mit Potentialentfaltung nicht weiter zu interessieren. Regressive Entwicklungen haben nichts mit Potentialentfaltung zu tun. Und Potentialentfaltung findet auch niemals dort statt, wo sich die einen auf Kosten anderer Macht und Einfluss verschaffen wollen.Die anderen sind wesentlich interessanter. Zu ihnen gehören all die vielen jungen Menschen, die ganz selbstverständlich »wir« zu allen anderen Menschen sagen, mit denen sie sich verbunden fühlen, die sich gegenseitig unterstützen und keine Lust mehr darauf haben, irgendwelche Besitztümer zu verteidi¬gen. Sie finden sich in den Foren des »World Wide Web« und in den Kneipen und Cafes um die Ecke. Sie engagieren sich für den Erhalt der Vielfalt kultureller Lebensformen, für den Arten¬schutz und gegen die Absurditäten unserer gegenwärtigen Ver¬schwendungsgesellschaft.Sie sind auf vielfache Weise miteinander vernetzt und kön¬nen, wenn sie wollen, in kürzester Zeit jede neue Information über den ganzen Erdball verbreiten. Sie lassen sich nicht ver¬einnahmen und sie lassen sich auch nicht kaufen. Manchmal bezeichnet man diese Gemeinschaften als die Bewegung der Kulturell-Kreativen. Der gemeinsame Geist, der sie zusammen¬hält, ist nicht besonders stark, aber dafür schließt er auch niemanden aus, jeder kann sich mit ihnen verbinden, überall auf unserem Planeten. Sie sind unsere gegenwärtigen Potential¬entfalter. Ihnen gehört die Zukunft.Lese-Empfehlung ab einem Lebensalter von 20 Jahren.