Wer kennt sie nicht, gewinnbringende Gespräche, gehaltvolle Plaudereien, in denen der Gesprächspartner teilweise originelle teilweise tiefe Gedanken äußert, die nicht nur das Gespräch sondern auch den weiteren eigenen Weg bereichern.Manchmal gewährt mir aber auch die Lektüre eines Buches ein ähnliches Erlebnis. So geschah es mir nun mit dem Buch von Harald Welzer. Der wissenschaftliche Tausendsassa und Soziologe Harald Welzer, Leiter der Futurzwei Stiftung, schrieb dieses Buch über die Kultur des Aufhörens im Anschluss an einen überraschend erlittenen schweren Herzinfarkt.Dieser veranlasst ihn erstmals ernsthaft über die eigene Endlichkeit nachzudenken. Wir alle neigen dazu, uns selber für unsterblich zu halten. Erst die Diagnose einer schweren Krankheit oder auch Ereignisse wie ein Herzinfarkt führen uns dazu, uns die Frage der eigenen Endlichkeit zu stellen. Ich weiß diesbezüglich, wovon ich spreche. Die Diagnose einer schweren Krankheit ändert alle Denkprozesse binnen 1 Minute.An seinem so ausgelösten Denk-Prozess lässt er uns Leser teilhaben. Er denkt über den eigenen Tod, Endlichkeit und auch die Kunst des Aufhörens nach. Er beschreibt, dass unserem Gesellschaftsmodell genau diese Kunst abgeht. Dies zeichnet nach seiner Auffassung auch unser Wirtschafts-Modell aus, was uns mittlerweile in erhebliche existenzbedrohende Schwierigkeiten bringt.Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Der erste enthält die Schilderung des Infarktes und die Zeit in der Klinik. Im zweiten Teil gibt er Gespräche mit Menschen wieder, die teilweise sehr berühmt, sich mit der Kunst des Aufhörens beschäftigt haben. Eine sehr bekannte Sterbe-Begleiterin wies ihn darauf hin, dass sie in der Ausbildung gelernt habe, Machrufe auf das eigene Leben zu schreiben. Wie stellt man sich also vom heutigen Zeitpunkt aus einen Nachruf vor, der ja erst nach dem eigenen Ende veröffentlicht werden würde. Dies ermöglicht jedem zu jeder Zeit, zu erkennen, ob man sich auf dem eigengewählten richtigen Weg befindet.Ein außerordentliches Buch, dessen Lektüre leicht und unterhaltsam ist.Teilweise schreibt Welzer nachgeradezu flapsig. Dies erleichtert die Lektüre und lässt oft schmunzeln.Dieses Buch erreicht das Niveau eines eingangs erwähnten guten Gesprächs. Lesen.