Ein Buch, das Mut macht, doch noch an einer besseren Zukunft mitzuarbeiten. Ohne große Revolutionen, ohne die Ausrede: Erst muss erst einmal… erreicht sein oder müssen die Chinesen und Amerikaner ihr Klima ändern, dann können wir ….; ohne Ideologien, die wissen wollen, was genau alles richtig und falsch ist. Mit der Ermunterung, einfach mit einigen Menschen anzufangen, Dinge zu verbessern. Welzer nennt das Heterotopien: viele kleine Änderungen an schon Bekanntem bewirken, dass sich das Ganze in die richtige Richtung verändert. Grundsätzlich geht Welzer in unserer globalen Welt, in der die Menschen eigentlich zusammenleben wie in einem Land, davon aus, dass das Überleben aller Menschen sichergestellt sein muss, dass alle glücklich leben können.(Wobei Glück nicht von der Steigerung des Wohlstands abhängig ist. Unser heutiger Lebensstandard ist weit höher als der des Sonnenkönigs Ludwig XIV.) Der Mensch braucht nicht mehr als Essen und Trinken, Sauerstoff, Wohnungen. Die Erde muss für alle reichen, ein Teil darf nicht das verbrauchen (imperiale Lebensweise), was der andere zum Leben braucht (Exzesse des Raubbaus; wir sitzen am Ende nicht einer Wertschöpfungs-, sondern einer Gewaltschöpfungskette). Die eigentlich Utopie ist: eine nachhaltige Wirtschaftsweise und eine hohe Lebenssicherheit für alle gleichermaßen zu erreichen. Der Flüchtling ist deshalb die emblematische Figur des 21. Jh. Er ist unsere zentrale Herausforderung. Übertragen auf uns bedeutet Heimatlosigkeit der Massenindividuen eine Gefahr für unsere Demokratien. Wo Menschen kulturell und mental heimatlos sind, bietet sich Entlastung durch Unfreiheit an (Nachläufer von Trump, Putin, Erdogan).Harald Welzers Vorschläge sind in der Regel alle schon irgendwo erprobt worden und sehr konkret. Sie dürfen als Bauplan für eine schrittweise Verbesserung der Lebensgrundlagen der gesamten Welt gesehen werden. Hier tut sich viel Gestaltungsraum für Parteien und Politiker auf, auch für die deutsche SPD. Skeptisch darf man gegenüber seiner Idee des bedingungslosen Grundeinkommens (1200 €) sein. Vieles ist hier noch nicht zu Ende gedacht, z. B. wie geht der Staat mit den Menschen um, die mehr als das Grundeinkommen verdienen wollen? Steuern, Strafen? Wie lernt ein Mensch ohne Arbeit Respekt vor dem Arbeitenden, wie wird Leerlauf vorgebeugt, Sinn geschaffen? Mir scheint auch die Koppelung zwischen Arbeitsleiden und konsumistischem Entschädigungsbedürfnis überzogen.Insgesamt ein positiver Einstieg, der keinen Raum für unproduktive Bedenkenträgerei ist. Kein Weltuntergangsgerede, keine Chance für Lamentierökos und ihre Nölreservate. Statt dessen Restaurierung stückweise.Insgesamt ein lesenswertes, kurzweiliges, überzeugendes Buch.Einzelheiten:Wiedergutzumachen gibt es vieles in den entwickelten Ländern. Aber es ist leistbar. Vieles war, unter den Paradigmata der damaligen Zeit, richtig, ist aber heute überaltert, kontraproduktiv. Heute muss es wieder ins Lot gebracht werden. „Opa, ich verspreche dir: Ich mach das wieder gut.“ „Die fetten Jahre sind vorbei“ könnte ja auch als frohe Botschaft betrachtet werden. Jetzt kommen leichtere, schlankere, sportlichere Zeiten. Wir brauchen neue Narrative/Mythen, die positiv besetzt sind, wie die 68er, die Flower-Power-Zeit etc. Schluss mit den leeren Glücksversprechungen: Glück kann nicht über Amazon geliefert werden (entfremdete Bedürfnisse), es liegt nicht in einer Wachstumswirtschaft, sondern in Werten wie Solidarität, zwischenmenschlichen Beziehungen, Gemeinschaftsarbeit (Selbstwirksamkeitserfahrung), Verantwortungsbereitschaft. Am Ende steht auf dem Grab nichts von Häusern, Autos, Fabriken, sondern von menschlicher Lebendigkeit. Dann können entstehen: Autonomie, Fähigkeitsentfaltung, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Gemeinwohl. Politisch kann es auch bedeuten: Selbst-Deprivilegierung der reichen Länder.Alles könnte anders sein, wenn man nur damit anfinge. Beispiel: Papst Franziskus fährt bei Staatsbesuchen mit seinem Fiat 500 vor.- Politik muss wieder das Primat vor der Wirtschaft bekommen. Wirtschaft darf nicht länger Selbstzweck sein, sondern das Mittel, den Menschen gutes Leben zu ermöglichen. Multinationale Konzerne müssen wieder der Politik untergeordnet werden. Die Frage, was das gute Leben ist, bildet die unabhängige Variable, die Mittel, mit denen man es am besten verwirklichen kann, die abhängige. So bekommt Digitalisierung als Technologie ihre dienende Bedeutung. Liebe, Beziehungen, Freundlichkeit als Werte in Zeiten des Smartphones und der Selfies und von Werbesprüchen wie „Was am Ende zählt bin ich. ( Ich-AG), “ Das Verfügen über mehr eigene Zeit wirkt emanzipativ, gibt den Menschen mentalen Raum, ihre Zukunft zu erdenken und zu erkämpfen.Modulare Revolutionen sind kleine Transformationen, ein Mosaik gelingender Verbesserungen der Welt, eben nicht DIE Verbesserung der Welt. Hierfür braucht es Organisationen der Solidarität, die eine eigene Produktionsstruktur besitzen. Eine Heterotopie: Eine Stadt beschließt, dass Schulkinder nicht mehr mit privaten Autos zur Schule gebracht werden sollen. Einrichtung von kostenlosen Busdiensten. ………… Folgemöglichkeit: schrittweise Ausweitung bis hin zur autofreien Stadt…..Mögliche neue Wirklichkeit, Realismen:Idee 80/20: 80 % Arbeit für den Betrieb, 20 % solidarisch (von Kiga bis Ruhestand) (20% werden bezahlt, aber vom Staat gefördert/vergütet)Partnerschaften zwischen entwickelten und unterentwickelten Staaten, z.B. Deutschland und MaliGemeinwohlökonomie und –bilanzierung (siehe auch Internalisierung der Kosten)Wieder mehr Commons, Allmende und Gemeingüter, GenossenschaftenInternalisierung der Kosten: alle externen Kosten werden in die Preise von Produkten eingerechnet: naturale Umweltkosten (Co2, Elektroschrottentsorgung), soziale Kosten. So entstehen wieder nachhaltige ProdukteDie analoge Stadt, in der Menschen sich wieder begegnen können, ohne unnötige AutosRealistische Digitalisierung: Wir beschreiben ihr Ziel und lehnen Fremdbestimmtes ab.Realistische Schule: Basisfähigkeiten, um Welt interpretieren und ihre Anforderungen bewältigen zu können. Klassischer Fächerkanon und Zeit. Sonst nichts.Wiederaufforstung: es stehen bereits 160 Millionen Hektar zur Verfügung; Naturräume – auch in Deutschland – ausweitenWirksame Zukunftsbilder: Utopie muss Spaß machen (siehe Hippie-Bewegung): andere Bilder erzeugen, neue ästhetische Strategien, statt altbekannter Latsch-Demos, mehr Sexyness, bessere Geschichten, der coolere Auftritt.