Auch wenn sie weder datiert noch in einer chronologischen Reihenfolge abgedruckt sind, so kann man die Texte im "kleinen Gernhardt" getrost als Tagebuchnotizen bezeichnen. Vielleicht aber doch ein bisschen mehr, denn sie sind meist sorgfältig ausformuliert und ich hatte den Eindruck, dass Gernhardt eine Veröffentlichung möglicherweise im Auge hatte. Es sind Selbstreflexionen, eigene Erlebnisse, Begegnungen, Gedankensplitter, Dialoge und auch einige Gedichte. Alles im typischen Gernhardt-Stil, lakonisch, selbstironisch und immer ein bisschen melancholisch. Aber auch alles sehr persönlich, ich will sogar sagen privat, oft von hoher Eindringlichkeit, ja Verletzlichkeit, manchmal auch ein wenig Eitelkeit. Das spricht wieder dagegen, dass er es wirklich veröffentlichen wollte. Nun, jetzt ist es jedenfalls öffentlich.Die Struktur folgt den als Schlagwort formulierten Kapitelüberschriften wie Einträge in einem Lexikon und wie ein Lexikon den Anspruch auf exzyklopädische Vollständigkeit hat, so werden im "Kleinen Gernhardt" alle nur denkbaren Facetten von Gernhardts Persönlichkeit beleuchtet. Sie stehen zwar immer im Licht der Selbstbetrachtung, aber Gernhardt konnte sich schon immer sehr gut selbst analysieren. Man könnte auch sagen, er nahm sich nie so wichtig, als dass er an seinem Image oder seinem Nachruhm aktiv gearbeitet hat. Er wollte gemocht werden, das ist schon alles. Ich hatte aber immer den Eindruck, dass er eine "geerdete Persönlichkeit" war, gerade heraus, mit inneren Überzeugungen, die er nie verleugnete. Der Eindruck hat sich mit dem Kleinen Gernhardt nur noch verstärkt.Gestört hat mich in der Ausgabe ein wenig, dass viele der genannten Personen nur mit Vornamen bezeichnet sind. Auch wenn einige selbst ohne Nachnamen zu entschlüsseln sind, hätte eine minimale Kommentierung Licht ins Dunkel gebracht. Die Texte sind jedenfalls auch ohne die Kenntnis aussagekräftig, nur hätte ich sie womöglich besser einsortieren können.Wo es einen Kleinen Gernhardt gibt, fehlt eigentlich nur noch der Große Gernhardt. Mal sehen, wer sich daran traut. Die Latte liegt jedenfalls hoch.