Das Werk findet auf dem schmalen Grat zwischen kompromissloser Fachliteratur und dennoch auch für Halbfachleute geeigneter Spezialliteratur einen hervoragend ausgewogene Position. Unbedingt lesenswert, an keiner Stelle werden komplexe Zusammenhänge versimpelt, wobei die gute Lesbarkeit und Verstehbarkeit niemals leidet. Als anregend und wunderbar habe ich den Sprachstil des Autors emfunden, bei dem immer wieder Empathie und Menschlichkeit zwischen und auch in den Zeilen durchdringt. Bemerkenswert auch, daß das Werk wirklich auf dem allerneuesten Stand der Forschung ist.Richtig gut - aber auch nichts für Leser, die mal eben was Unkompliziertes über das Bauchgefühl o.ä. schmökern wollen.
Die Erscheinung eines Menschen, seine Haltung, der Ton seiner Stimme, die Art seines Händedrucks löst in uns als Gegenüber immer etwas aus. Das „normale“ Gegenüber wird intuitiv darauf reagieren, indem es etwa Interesse an dem Anderen signalisiert, neugierig ist oder aber sehr schnell wieder aus dem Kontrakt aussteigen oder sich so-gar davor schützen wird. Nun sind wir als Berater und Therapeuten nicht ganz normale Gegenüber. Unsere Aufgabe ist es, Menschen zu helfen, die selbstgebauten Gefängnisse, in denen sie sitzen, zu verlassen. Der hier vorgeschlagene Weg hilft dem Klienten, wieder Zugang zu seiner verkörperten Selbstwahrnehmung zu bekommen. Dann wird er mit der Zeit immer mehr in der Lage sein, seinen Muskelpanzer zu entspannen. Denn dieser Panzer, der einmal im Früher ein Schutz war, ist heute im Jetzt eine Form der selbstgelernten Unterdrückung. Diese resultiert aus dem Herunterfahren sensorischer Rezeptoren und einem korrespondierenden Nachlassen der Aktivierung in den Hirnrealen für die Interozeption und das Körperschema, die sich auf dem betreffenden Teil der Person beziehen. Genauso wie der Skelettmuskelpanzer die Person vor Bedrohungen schützt, ist die Anspannung der glatten Muskulatur im Darm ein Schutz vor Bedrohungen, die physisch oder metaphorisch von innen auf den Körper einwirken. Diese Anspannung ist besonders nützlich für Kleinkinder und Kinder. Sie haben noch nicht die mentalen Ressourcen, um zu verstehen und zu verkraften, was mit ihnen in Situationen von Misshandlung und Trauma passiert. Also können sie ihre Muskeln zum Selbstschutz und zur Selbsthilfe nutzen. Gab es in der Kindheit eine fortdauernde Bedrohung, entwickelt sich mit Hilfe der Muskelanspannung hieraus eine gewohnheitsmäßig Form der Unterdrückung unliebsamer Gefühle. Die Gründe für diese Panzerung, wie die Erinnerung an eine bedrohliche Situation wurden in der Zwischenzeit vielleicht im autobiografischen Gedächtnis vergessen, aber die Panzerung bleibt. Dieser Zusammenhang zwischen Panzerung und verkörperter Selbstwahrnehmung oder Unterdrückung der verkörperten Selbstwahrnehmung entspricht dem Kernstück der Freud’schen Theorie, dass Beziehungen mit wichtigen Bezugspersonen in der frühen Kindheit zu Verdrängung der Wahrnehmung von Körpergefühlen führen können. An diesem Beispiel wird deutlich, wie wichtig es ist, in Therapie und Beratung nicht nur Gedanken und Emotionen im Blick zu haben, sondern den Menschen mit seinem ganzen Leib in den Prozess der Heilung einzubeziehen.In sehr anschaulicher Weise, immer wieder mit Zusammenfassungen und Fallberichten wird deutlich, dass das vorgestellte Konzept auf reale Erfahrung und Praxis begründet ist. Und die experimentierfreudige Leserin und der Leser wird in kleinen Übungen die Gelegenheit haben, aus dem begrifflichen Denken heraus in die eigene verkörperte Selbstwahrnehmung Wege zu finden. Nicht selbstverständlich, für mich an der Wissenschaft orientierter Praktiker unumgänglich, ist auch der Beleg der Wirksamkeit durch Forschungsergebnisse. Dieser wird immer wieder durch Ergebnisse aus der Entwicklungs-Neurophysiologie, Biologie und Psychologie geleistet.Nach über 20 Jahren Beratungsarbeit mit Paaren vor allem in Gruppen kann ich mir diese ohne den Einbezug des Körpers überhaupt nicht mehr vorstellen. Kleinste Übungen und Körperselbsterfahrungen können Erkenntnisse bewirken, die selbst bei stundenlangen Gesprächen nie an die Oberfläche gekommen wären. So empfehle ich dieses Buch all denjenigen, die im weitesten Sinne mit Menschen in Therapie, Beratung oder Erwachsenenbildung arbeiten und dabei nicht nur erfolgreich sein wollen, sondern auch ihre Freude an der Arbeit erhalten, indem sie selbst mit ihrem ganzen Leib anwesend sind.Dr. Rudolf Sanders partnerschule.de