Als „handlich“ kann man einen 640-Seiten-Wälzer nur schwerlich bezeichnen, aber im Sinne des „alles zur Hand-Habens“ ist der 86 Autoren und 57 Artikel versammelnde Band allemal ein wahrhaftiges Handbuch.Und das abzusteckende Feld ist ja auch ein breites, spricht man doch von Psychoedukation („PE“) bei sämtlichen systematischen Interventionen, „welche Patienten und Angehörige über Krankheitsbild und Behandlungsmöglichkeiten informieren, somit ihr Krankheitsverständnis und den selbstverantwortlichen Umgang mit der Krankheit fördern und sie bei der Krankheitsbewältigung unterstützen.“ So lautete bereits die Definition im „Vorgänger“, dem sogenannten Konsensusbuch von 2008, Resultat der Bemühungen einer Arbeitsgruppe, die in Deutschland schon seit 1996 aktiv ist. Und eben: eine solche adressatenorientierte Vereinfachung relevanten Patientenwissens kann unterschiedlichen spezifischen Zielen dienen, und ist auch dann noch „PE“, wenn es um Kampagnen zur Verbesserung der Psychohygiene in der Allgemeinbevölkerung geht. In Angehörigengruppen indessen nimmt sie die Gestalt eines Informationsaustauschs von „peer-to-peer“ an.Wikipedia belehrt mich, dass alles mit dem Amerikaner C.M. Anderson begann, der mit dem Ausdruck „PE“ 1980 eine Schublade für didaktische Hilfestellungen an Schizophrenieangehörige benennen wollte, während eine therapeutische „éducation“ sogar schon 1908 in der Persuasionstherapie Paul Dubois’ angedacht war. An anderer Stelle gilt der deutsche Psychiater und Internist W. Griesinger als spiritus mentor, forderte er doch bereits 1845, dass dem Patienten „durch verständigen Zuspruch […] eine klare Erkenntnis seiner Krankheit verschafft, durch Übung seiner Kräfte, durch das Beispiel Anderer […] Muth und Selbstvertrauen in ihm gehoben werden [müsse]. Rathschläge für die Zukunft zu einfacher Lebensweise, geeigneter Thätigkeit, zu Allem, was ihn vor Rückfällen bewahren kann, sind hier am Platze“.Heute gilt die PE als allgemein akzeptiert, so empfehlen auch alle höchststandardlichen S3-Leitlinien ihr nicht allzu direktives, psychodidaktisch cleveres Dolmetschen als eher fördernd.Die Qualitätskriterien werden also hoch angesetzt: nicht nur sollte der „Schüler“ im Rahmen sicherer Diagnosen sauber selektiert werden (und das ist wichtig, denn manche kritischen Analytiker würden wenigstens für sich diagnoseabstinent bleiben), auch gelten geschulte Wissensvermittler – im Duo auftretend – als Grundbedingung der PE. Idealerweise ausgestattet mit einer akzeptierenden, humorvollen Haltung, abgesichert durch regelmäßige Supervisionen.Kritische Überlegungen sind dennoch angebracht. Etwas knapp verweist das Buch zu Beginn auf die Bedenken, dass die Gießkannenversorgung mit pauschalem Krankheitswissen mitunter Gefahr läuft, dass ein innerlich noch unabgeschlossenes Ringen um die passende Selbstauslegung allzu schnell den negativen Aspekt der Gewissheit um ein „Aussätzigsein“ fixiert.Die hier vorgestellte PE hält es aber zu Recht für eine „veraltete“ Haltung, Didaktik in der Therapie generell als unfrei machende (und den in der Krankheit liegenden Protest eher bestätigende) Wiederholung der Herrschaftsverhältnisse zu verstehen. Das mag auf frühere Verhältnisse zutreffen, als etwa vor 200 Jahren der Patient (wie auch der Schüler) Objekt autoritärster kustodialer (Erziehungs-)Maßnahmen war. Genau dies wollen aber die PE (und auch die moderne Schule) nicht. Wobei: weiter hinten im Buch klingt ein Klischee der alten Garde an, wenn allzu sicher feststeht, dass der Therapeut mangelnden Lernerfolg gerne (und darin steckt ja durchaus eine anschuldigend-herrschaftliche Geste) als „mangelnde Krankheitseinsicht“ beim Schüler-Patienten verbuchen dürfe. Bestünde die gesamte Therapie nur aus PE, so wäre sie wohl tatsächlich nichts als ein allgemeines Vorzeichnen und Typus-Vorgeben durch eine „Deutungsmacht“ (Pohlen), wo vielmehr ein individuelles Nachfahren an der Tagesordnung wäre (denn servil idealen Werten nachzuhecheln hat schon etwas „Unfreies“, auch in Form der „freiwilligen“ Optimierungsobsession unter den sogenannten „Selbsttrackern“).Ihrer Absicht nach ist es zuzugestehen, dass die PE Freiheitsstiftendes im Sinn hat, intendiert sie doch Ressourcenstärkung, selbstverantwortlichen Umgang mit Krankheiten/Problemlagen und generell Anstöße zur Entstressung.Konkret geschieht dies durch ein möglichst dialogisches, den Patienten interaktiv einbindendes Erarbeiten von Wissen zur Problemlage: zu häufigen Symptomen, zum typischen Verlauf, zur Häufigkeit, zu Therapieansätzen und Behandlungsmöglichkeiten. Aber auch zum oft verdrängten Ausmaß emotionaler Belastung und zu Abhilfetechniken bietet die PE Ideen der Milderung oder gar Maßnahmen im Vorfeld der Symptomaktualisierung an.Und irgendwie überbrückt die PE damit die Kluft zwischen zwei typischen Sprechakten des Mediziners: zwischen der zeitaufwändigen therapeutischen Gesprächskunst und dem oft allzu kurzen Kommentar zu den verordneten Maßnahmen oder Medikamenten. Auch so gesehen zeigt sich: dies hat nichts von pathologisierendem Abstempeln oder von Besserwisserei, sondern steht ganz im Dienste eines „Empowerments“, kann gut und gerne beim Rezipienten Gefallen finden als placebo-eske Einsicht in nicht sinnhaft sich anbietende Vorgänge.Zum Aufbau des Buches: Nach einer allgemeinen Einführung folgen Informationen zur PE für die gängigen psychischen Krankheitsbilder, alsdann für subklinische, aber potentiell stresserzeugende Problemlagen. Und auch für Angehörige, auf die ja genau dies zutrifft, die – ohne selbst diagnoseträchtiger Patient zu sein – unter enormem Stress stehen, an die das Leiderleben oft gar wie ausgelagert ist, die jedoch wohlinformiert auch als „Ko-Therapeuten“ mit einer wertvollen „experience of caregiving“ agieren können (statt orientierungslos als krankheitserhaltende Ko- und Mitabhängige dazustehen).Das Handbuch belegt mit seinen vielen eher kurzen Beiträgen, wie vielseitig die PE sein kann: nicht nur in ihrem angestammten Feld der Psychosen, sondern auch bei affektiven Krankheiten und Ängsten, bei AD(H)S, bei Demenz und beim ohnehin Türen für mehr Akzeptanz für Leistungsabweichungen öffnenden Burnout, PE aber auch für Wohnungslose, Migrationsbetroffene, Krebserkrankte und jene Gruppe an Schizophrenen, die zur Psychoanalyse motiviert werden sollten, usw., usw.Meist bleiben die Artikel auf der Metaebene (keine Manuals!), stellen Überlegungen zur spezifischen Adaption der PE an, nicht selten werden aber auch die PE-Schulungsprogramme selbstzumindest skizziert.Naturgemäß sind nicht alle Beiträge des Handbuchs für jeden Leser gleichermaßen interessant, aber dafür ist, statt allgemein zu bleiben, für fast jedes Spezialinteresse etwas von höchstem Interesse dabei.PE, so erfährt man zudem, ist auch finanziell lohnend, lassen sich doch im Schnitt pro Patient um die 3.300 Euro sparen: der mit Hilfe zur Mithilfe ausgestattete „komplizenhafte“ Patient, der mit seiner Besonderheit nüchtern und kompetent umgeht, spart sich nicht nur Umwege auf der Suche nach Besserung, spart sich Stress, Leid und Scham, sondern auch dem Gesundheitssystem bares Geld.