Ein Buch das zum Denken anregt. Wo beginnt Gewalt wo kommt sie in der Gesellschaft alltäglich zum tragen. Beeindruckende Beispiele werden gegeben. Mich hat besonders bewegt mit welcher Klarheit Gruen die Gewalt- und Autoritätsprobleme unserer Zeit und deren Ursachen anspricht. Insofern gibt er natürlich Anregungen sich Selbst und sein Verhalten zu hinterfragen, er wirft den Leser auf sich selbst zurück.Hier steckt das Wissen und die Erfahrungen eines ganzen Lebens noch dazu eines Zeitzeugen des letzten Jahrhunderts. Hätte ich dieses Verstehen als junger Mann gehabt, hätte ich mich sicherlich in vielen Situationen klüger und einfühlsamer Verhalten können. Aber wir Alle sind natürlich auch immer Produkte unserer Zeit und unserer Erziehung. Strukturen und Ursachen des blinden Gehorsams und der Anpassung an Autoritäten werden klar herausgearbeitet. Der Autor zeigt auf wie wir unser Selbst schon in der Kindheit verlieren können und zu angepassten Autoritätshörigen (v)erzogen werden. Es ist wichtig dies für sich zu erkennen sich zu reflektieren, gegenzusteuern, zu sich Selbst zurückzufinden, soweit dies überhaupt möglich ist.Besonders empfehlenswert ist dieses Buch für Angehörige von Befehls- und Hierarchiestrukturen von Gesellschaften, einfach um zu verstehen warum man ist wie man ist. Vorausgesetzt ist natürlich eine nicht zu starke ignorante Indoktriniertheit, die eine sachliche Selbstreflexion vehindert.Jedenfalls ein Buch mit einer klaren Kaufempfehlung.
Gehorsam „ist der Zement, der die Menschen an Autoritätssysteme bindet und ein tiefwurzelndes Verhalten erzeugt, das ethisches Empfinden und Mitgefühl zunichtemacht.“ Das neue, kleine Buch „Wider den Gehorsam“ des Psychoanalytikers Arno Gruen kann helfen, vieles von dem was aktuell geschieht, besser zu verstehen. Da das Buch aus einem Vortrag aus dem Jahr 2002 hervorgegangen ist, zeigt sich schon die, obwohl hochaktuell, zeitlose Diagnose von einem der letzten großen Theoretiker der menschlichen Psychen.Der Vortrag „Über den Gehorsam“ ist in das Essay eingegangen, geht aber darüber hinaus und wartet mit scharfsinnigen und leicht verständlichen Analysen auf.„Die Kehrseite jeder Treue ist Gehorsam. Umgekehrt impliziert jeder Gehorsam Treue. Menschen halten sich für treu, aber deswegen nicht für gehorsam, weil sie sich – aus freier Wahl – als treu empfinden und erleben. Aber indem man Treue als einen moralischen Wert empfindet, den man selbst wählt, verhüllt man jenen Gehorsam, der der Identifikation mit den Mächtigen dient. Beide, Treue und Gehorsam, wurzeln in der Autorität, wodurch freiwillige Knechtschaft zum moralischen Wert und zu einer bewundernswerten menschlichen Qualität erhoben wird.“Wer unhinterfragbare Bündnistreue einfordert, wer Treue zum Nationalstaat oder auch nur blinde Verfassungstreue einfordert, verlangt nichts anderes als Gehorsam und Unterwürfigkeit. Ein demokratischer Rechtsstaat muss den Widerspruch geradezu provozieren, um daran wachsen zu können. Ziviler Ungehorsam und das Infragestellen alter Gewissheiten sollten selbstverständliche Bürgerpflicht sein.Zu beobachten ist jedoch vielfach das Gegenteil. Es werden Untertanen eingefordert. Gesellschaftliche Diskurse werden nicht geführt. Es gibt lediglich den Anschein von Diskursen. Simulierte Diskurse. Leitartikler der großen Medien werfen sich die immer gleichen Argumente wie in einem Ping Pong Spiel zu. Es gibt keinen gedanklichen Ungehorsam. Kein Widerstreben. Keinen kritischen Diskurs. Alle sind sich einig. Und in dieser Parallelwelt glauben sich Meinungsführer besonders pluralistisch, wenn man statt Bomben Sanktionen fordert.„Die Basis unserer ‚Hochkultur’ ist das Bestreben, die Welt im Griff zu haben, sie zu besitzen, zu beherrschen und gleichzeitig für Mechanismen zu sorgen, die eine Verleugnung und Verschleierung dieser Motivation bewirken. Diese Verschleierung basiert auf dem Motto: Wir verfügen über dich, weil es zu deinem Besten ist.“Einige Menschen rebellieren jedoch gegen den Gehorsam und kämpfen gegen die dadurch bedingte Entfremdung an. „Das führt dazu, dass sie von anderen als Außenseiter, als Nestbeschmutzer, sogar als Verräter an der gemeinschaftlichen Sache bezeichnet werden.“Wem das bekannt vorkommt, sollte unbedingt zu dem kleinen Buch “Wider den Gehorsam” von Arno Gruen greifen. Wem das alles zu psychologisierend ist, der darf auch drauf verzichten.„Gehorsam ist destruktiv. Gehorsam grenzt das Denken ein und verneint die Realität.“