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Redaktion19.06.2026
testmonster.de · Redaktion
Ein sehr atmosphärischer Roman über einen Winter in Istanbul, der mich gefesselt hat. Die Geschichte ist fesselnd, auch wenn manche Teile etwas langsamer angelegt sind.
„Es war dieser eine Winter in Istanbul, der bald vorbei sein würde. Warum sollte er nicht einen Winter haben! Einen Winter nur für sich.“ (Zitat Seite 169)InhaltCla, fünfundvierzig Jahre alt, Religionswissenschaftler, ist Gymnasiallehrer an einer internationalen Schule im Engadin. Sein Spezialthema ist der Dialog zwischen den Religionen und als ihm die Stiftung einer Schweizer Privatbank ein Forschungsstipendium in Istanbul anbietet, nimmt er dieses an. Während ihn sein Cusanus-Projekt zurück in den Winter 1437/38 führt, entdeckt er durch Baran, einen jungen Kellner, Stadtführer, Schauspieler, Übersetzer mit türkisch-griechischen Wurzeln, das heutige Istanbul im Winter abseits der Touristenwege. Er verliebt sich in diese lebhafte, bunte, vielseitige Stadt, und nicht nur in die Stadt. Seit zwei Jahren lebt er in einer festen Beziehung mit Alva, doch nun fragt er sich, ob er dabei ist, sich zu verlieren, oder ob er sich gerade erst wirklich findet.ThemaIn diesem Roman geht es einerseits um mögliche Dialoge zwischen den Religionen, um das vor sechshundert Jahren gespaltene Konstantinopel und um das heute ebenso gespaltene Istanbul. Gleichzeitig geht es um wichtige persönliche Entscheidungen, Selbstfindung, mögliche neue Lebenswege und die Liebe in vielen Facetten.ErzählformAngelika Overath schildert abwechselnd die Begegnungen, Entdeckungen und Erlebnisse von Cla während der Wintermonate in der heutigen Zeit und die geschichtlichen Ereignisse einer Reise, die vor beinahe sechshundert Jahren, ebenfalls im Winter, stattfand. Die Handlung ist eingebettet in poetische, lebhafte und eindrückliche Beschreibungen der ungemein vielfältigen Schönheit der Stadt Istanbul. Diese Geschichte von Cla, Alva und Baran wird in dem Roman „Unschärfen der Liebe“, erschienen am 12. April 2023, fortgesetzt. Ich habe die beiden von der Art des Erzählens her völlig unterschiedlichen Bücher in umgekehrter Reihenfolge gelesen und es hat mein Lesevergnügen nicht geschmälert.FazitAngelika Overath ist eine wunderbare, vielseitige Erzählerin, deren Sprache alle Facetten zwischen einfühlsam, poetisch, nachdenklich, kritisch und lebhaft, spannend umfasst.
Ein Winter in Istanbul – auf der Suche nach dem alten ByzanzEin ungewöhnliches und tiefschichtiges Buch ist Angelika Overath mit „Ein Winter in Istanbul“ gelungen. Ungewöhnlich ist die Geschichte des Schweizer Lehrers aus dem Engadin, der in Köln studiert hat, und sich dann im Rahmen eines Stipendiums auf den Spuren des Heiligen Nikolaus von Kues in einen türkischen Kellner verliebt. Einen Winter lang forscht Cla, der Protagonist, über den Dialog der Religionen, die Möglichkeiten einer Vereinbarkeit der antiken Kulturen, des Osmanischen Reiches und die Glaubensmystik des Heiligen Nikolaus. Diese Forschung ist eng verwoben mit der persönlichen Geschichte der Hauptfigur. Cla ist fast verlobt in der Schweiz, in Istanbul erfährt er von seiner Freundin von deren Schwangerschaft und damit seiner Vaterschaft. Zeitgleich hat er sich, vom Strom der Stadt am Bosporus getrieben, in einen Mann verliebt. Immer wieder geht es um die Lüge. Was ist Lüge? Ist es bereits Lüge zum Zwecke der persönlichen Bewusstwerdung diese Forschungszeit im Ausland zu nehmen? Wie ist die Lüge der Freundin einzuordnen, die ihm – nachdem sie seine geschockte und nicht erfreute Reaktion auf die Schwangerschaft erlebt – kurz darauf von ihrem Abort erzählt? Welche Lügen sind legitim, mit welchen macht man sich schuldig? So wie wir Angelika Overath schon aus früheren Romanen kennen, beschreibt sie hier Menschen und Situationen mit einer unglaublichen filigranen und bildlichen Feinheit, die an feine Federtuschezeichnungen erinnert. Die Freundin Alva wird vor dem Hintergrund der Schweizer Landschaft dargestellt, wir sehen sie förmlich vor den gleißenden Bergen und dem blauen Himmel des Engadins vor uns. Und der Spielort der Stadt Istanbul ist ganz sicher symbolisch. Die anatolische und die eurasische Erdplatte stoßen hier aufeinander und die Reibung verursacht immer wieder große Erdbeben. Genauso stoßen die beiden Liebes-Ausrichtungen des Protagonisten hier plötzlich aufeinander, schütteln ihn wie ein Erdbeben, er weiß nicht mehr wes Kind er ist. Seine innere Geologie gerät ins Schwanken, er wird von einer anderen Anziehungsmacht erobert als es in seinem bisherigen Leben der Fall war. Der Heilige Cusanus hatte vor 600 Jahren vor dem Fall Konstantinopels über den Koran und die Christliche Religion geforscht und versucht eine mystische Synthese zwischen Rom und Byzanz zu finden. „Gott lobte sich in der unerschöpflichen Varianz seiner Schöpfung“ heißt es in dem Roman. Und entsprechend versucht Cla, der Engadiner Lehrer, seine zwei und mehr Seelen in seiner Brust zu vereinen, einen Balance zu finden. Im Verlauf des Romans gelingt es beiden Partnern, Cla und Alva, ihre zunächst unklaren Gefühle immer deutlicher in Worte zu fassen. Erst über die Notlüge des Aborts gelangt Alva an die wahren und unabhängigen Gefühle ihres Partners. Und sehr berührend ist die Wende am Ende der Geschichte: beide begegnen sich noch einmal in Istanbul, als Getrennte, aber Versöhnte und Bemühte, unabhängig von Schuld und Verpflichtung, als zwei unabhängige Menschen, die ihre Wege weitergehen ohne sich aus den Augen zu verlieren. Ein unglaublich freies Ende, als ob ein Horizont sich öffnet, ähnlich wie in der Mystik des Nikolaus. Cla wehrt sich nicht mehr gegen seine nahende Vaterschaft, Freude erfasst ihn, Alva wird ihr eigenes Leben leben und verschwindet am Ende in der Menge am Anlegesteg. Eine Utopie, eine Illusion oder eine Provokation? Dieser Roman über die Liebe wird insbesondere jeden packen, der die zarte Sprache von Angelika Overath genießen kann und doppelt jene, die die faszinierende Stadt Istanbul kennen.
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Letzte Aktualisierung: 12.05.2026 19:39 Uhr.