Ihr Buch "All das zu verlieren", hat mir besser gefallen, und der erste deutsche Titel "Dann schlaf auch du" steht noch aus. Erst kürzlich hatte ich der Online-Lesung dem Münchner Literaturhaus beigewohnt, wo das Buch vorgestellt wurde und die Autorin selbst beiwohnte. Hier wird die Lebensgeschichte der eigenen Großmutter aufgedröselt, Mathilde verliebt sich in den Marokkaner Almine, der für die Franzosen im II. WK. gekämpft hat. Nach dem Krieg geht Mathilde mit ihrem Mann nach Marokko, um sich dort ein neues Leben aufzubauen. Ein Roman, der vom Aufbruch erzählt, von den kulturellen Unterschieden zwischen Europäern und Afrikanern und wie es einer Frau geht, die mitten hinein in Land geworfen wird, das vom Patriarchat geprägt und geformt wird. Slimani erzählt, wie es Mathilde in Marokko ergeht.Wir erleben nicht nur mit, wie blauäugig eine solche Entscheidung sein kann, sondern auch, mit welcher Ernüchterung man konfrontiert wird, wenn man in ein Land immigriert, das andere Gesetze, Bräuche, eine andere Mentalität und auch eine andere kulturelle Prägung hat. Ein Land, das von politischen Unruhen heimgesucht wird und vor allem gegen Ende des Romans von Ausschreitungen geprägt ist, wo selbst das Leben der gegründeten Familie immer mehr in Gefahr gerät. Wir erleben das Aufwachsen der Tochter Aïcha, die den Umgang von Nonnen mit Kindern genauso zu lesen beginnt, wie auch sonst Erwachsene auf sie wirken. Und wir erleben es hier hautnah mit, wie es für Marokkaner ist, von Franzosen regiert zu werden. Und umgekehrt: Wie es für französische Siedler ist, wenn sie hier nicht gerne gesehen werden. Ein Roman, der nicht nur Einblick in die Geschichte Marokkos gibt, sondern auch welche Herausforderungen dadurch entstehen, wenn sich beide Länder zu vermischen beginnen.Ein Buch mit wenig Spannung und Drive. Einzig Aïcha und Mathilde sind es, mit denen man eine gewisse Solidarität in sich als Leser orten kann, und vielleicht ist es auch ein "Frauenbuch", das nicht als Wertung verstanden werden möchte und doch darüber erzählt, wie schwer es für eine Mutter und auch für eine Tochter sein kann, als Europäerin in einem nordafrikanischen Land aufzuwachsen. Auch dass Frauen in ihrer Entfaltung von Männern eingeschränkt werden, in dem z. B. Selma mit dem früheren Kriegskollegen von Amine Mourad verheiratet wird, bei dem wir nicht einmal sicher sind, ob er homosexuell ist, Slimani lässt das für den Leser offen, genauso wie sie alles andere offenlässt. Und ob es überhaupt möglich ist, von einer Landwirtschaft zu leben, die Amine von seinem Vater erbt und übernimmt, ist ungewiss. Eigentlich bleibt hier wirklich alles offen. Selbst als die Häuser von Siedlern angezündet werden, sagt Aïcha: "Sollen sie doch brennen. - Sollen sie doch verschwinden. Sollen sie doch krepieren." Ein Schluss, der nicht nur aufzeigt, wie schwierig es sein, wenn zwei Kulturen in einem Land leben wollen, sondern auch, wie schwierig es ist, dass unterschiedliche Kulturen und Länder sich damit schwertun, einander zu akzeptieren.Und nicht zuletzt lesen wir von einem Buch, das von den "Gesetzen der Männer" erzählt und wie sehr diese das Leben von Frauen beeinflussen. Leïla Slimani arbeitet immer wieder mit erotischen Einschüben, ich habe mich gefragt, ob das jetzt ein Stilmittel ist, das sie bewusst einsetzt und vor allem, ob das überhaupt immer passend ist. Darauf muss vermutlich jeder Leser und Leserin sich eine eigene Meinung bilden. Nichtsdestotrotz soll genau eine solche Stelle wiedergegeben werden, weil man hier ihr Schreibtalent erkennen kann:"Und ihren Körper, diesen Körper, den er verwüstet, den er gebrochen hatte, wollte sie ihm hingeben. Tagelang sagten sie einander nichts, doch sie liebten sich im Stehen an einer Wand, hinter einer Tür und sogar draußen, einmal an der Leiter, die aufs Dach führte. Um ihn zu beschämen, verlor sie jegliche Scham, jegliche Zurückhaltung. Sie schleuderte ihm ihre weibliche Begierde und Schönheit ins Gesicht, ihre Unzucht und Lüsternheit. Sie gab ihm Anweisungen, deren Grobheit ihn schockierte und seine Erregung anfachte. Sie bewies ihm, dass es in ihr etwas Unbegreifliches gab, etwas Schmutziges, das aber nicht er beschmutzt hatte. Eine Finsternis, die ihr gehörte und die er nie begreifen würde." (331)