Da Wildkatze quasi vor meiner Haustür leben und ich sie auch schon mehrfach im Wald gesehen habe, wurde mein Interesse für sie geweckt. Auf der Suche nach Literatur wurde ich auf dieses Buch aufmerksam.Man trifft mit Frau Christine Sonvilla Wildkatzen-Experten, besucht verschiedene Habitate, bekommt ein Blick in die europäische Wildkatzen Population und vieles mehr. Ein wirklich gelungenes Buch.
„Hauskatzen sind von Wildkatzen genetisch viel weiter entfernt als der Haushund vom Wolf“, erklärt [Carsten] Nowak [vom Senckenberg Forschungsinstitut]. (Seite 66)Nein, mit unseren Hauskatzen haben die echten Europäischen Wildkatzen (Felis silvestris) nichts zu tun, obwohl sie der klassischen Tigerkatze durchaus ähnlich sehen. Unsere „Stubentiger“ (Felis catus) stammen von der Afrikanischen Falbkatze (Felis lybica lybica) ab, die im Nahen Osten und in Afrika verbreitet ist. Seefahrende Völker wie die Phönizier und die Griechen sowie auch Legionen der Römer trugen zur Verbreitung der Katze im Mittelmeerraum bei. Vor rund 2.000 Jahren haben die frühen Hauskatzen dann auch Mitteleuropa „erobert“. Sogar die Wikinger fanden Gefallen an ihnen und nahmen welche mit heim.Während die Hauskatzen, wie der Name schon sagt, mit der Zeit domestiziert wurden, blieb die Europäische Wildkatze ein Wildtier. Man vermutet, dass sie aus Asien eingewandert ist – vor ungefähr 450.000 bis 200.000 Jahren.Die Europäischen Wildkatzen sind größer und gedrungener als die Hauskatzen. • Ihr Fell ist auffallend dicht. • Die Fellzeichnung der Wildkatzen ist „verwaschener“ als bei den Hauskatzen. • Auf ihrem Rücken verläuft ein schwarzer Aalstrich bis zur Schwanzwurzel. Bei getigerten Hauskatzen erstreckt sich diese Linie meist bis zur Schweifspitze.• Der Schweif ist buschiger und breiter als der der Hauskatzen, hat zwei bis drei abgesetzte schwarze Ringe und ein stumpfes, schwarzes Ende.Weil Wildkatzen reine Fleischfresser sind, haben sie einen kürzeren Darm als die Hauskatzen. Die sind zwischenzeitlich Mischköstler geworden. Wildkatzen würden Hauskatzenfutter nicht vertragen. • Hauskatzen haben ein kleineres Gehirn als Wildkatzen. Das macht sie nicht dümmer, nur entspannter. Wie das zusammenhängt, wird im Buch deutlich. • Der Unterkiefer ist bei Wildkatzen ein bisschen anders gebaut als bei Hauskatzen. • Und ganz wichtig: Wildkatzen werden nicht zahm, selbst dann nicht, wenn sie von Hand aufgezogen werden. Spätestens in der Pubertät kommt das Wildtier durch und die Katzen wollen vom Menschen nichts mehr wissen. Es ist keine gute Idee, vermeintlich verlassene Wildkätzchen im Wald aufzulesen und zu versuchen, sie daheim aufzuziehen. Was man stattdessen tun sollte, erläutert uns die Autorin.Wildkatzen leben sehr scheu und versteckt im Wald und im angrenzenden Offenland. Wo immer es Beute (Nager, Wildkaninchen) und Versteckmöglichkeiten (Dickicht, Fuchs- oder Kaninchenbauten) gibt, ist sie anzutreffen. In dicht besiedelten Gebieten überlappen sich ihre Reviere schon mal mit denen der Hauskatzen. In Ausnahmefällen kann es vorkommen, dass sich Wild- und Hauskatzen paaren und es Mischlingskitten gibt, aber normalerweise bleiben die Arten für sich.In der Roten Liste der gefährdeten Arten der Weltnaturschutzunion wird die Wildkatze als „nicht gefährdet“ geführt. Dennoch ist die als selten und versteckt lebende Art in ihrem Fortbestand bedroht und zählt europaweit zu den „streng zu schützenden Arten“.Wenn die Wildkatzen ein so diskretes und vom Menschen unbeobachtetes Leben führen und man sie zudem auf den ersten Blick mit einer Hauskatze verwechseln kann, woher weiß man dann überhaupt, ob es (noch oder wieder) Populationen in den Wäldern gibt oder ob der Bestand längst ausgestorben ist? Die Suche nach den Katzen gestaltet sich recht mühselig, wie die Autorin anschaulich beschreibt. Man stellt in den Gebieten, in denen sie vermutet werden, Fotofallen auf und mit Baldrian bestrichene „Lockstöcke“. Wenn sich die Katzen an den Stöcken reiben, hinterlassen sie mit etwas Glück Haare, die man dann im Labor genetisch untersuchen kann. Das kostet natürlich alles Geld.Nicht in allen Ländern hat man Interesse daran, in Wildkatzenforschung zu investieren. Dafür sind die Tiere wohl nicht spektakulär und „wichtig“ genug. Wenn man sie besser „vermarkten“ könnte, wäre das womöglich anders. Aber wie soll das gehen mit Katzen, die sich vorm Menschen verstecken?Die Expert:innen wissen noch lange nicht alles über die wilden Verwandten unserer Hauskatzen. Es gibt noch vieles zu erforschen und auch für den interessierten Laien eine Menge zu entdecken. Sachkundig, lebendig und verständlich erklärt uns dieses Sachbuch, was es derzeit über Wildkatzen zu wissen gibt. Das ist sehr angenehm zu lesen – auch wenn es natürlich keine „Spannungslektüre“ ist sondern interessante Wissensvermittlung.Im Anhang gibt’s ein mehr als 20seitiges Register – für mich immer ein Hinweis darauf, dass sich die Autorin wirklich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Ferner finden wir eine Anzahl weiterführender Links und eine Art Notfallplan für den Fall, dass man eine pflegebedürftige Wildkatze gefunden hat. Denn, wie gesagt, man kann sie nicht einfach mit heimnehmen und wie eine Hauskatze behandeln.