Otfried Höffe gehört unter den deutschen Gegenwartsphilosophen sicherlich zu denjenigen, die am meisten zu Kant gearbeitet und sich auch viele Meriten nicht nur um seine Popularisierung verdient haben. Denn nicht nur hat er mehrere Bücher zu Kant geschrieben, sondern auch eine ganze Reihe von Sammelbänden mit detaillierten Interpretationen zu den wichtigsten Schriften Kants in der bewährten Reihe Klassiker auslegen vorgelegt. Höffe hat immer auch versucht, die Klassiker wie Kant, aber auch Hobbes oder Rawls, so auszulegen, daß sich ihre Gegenwartsbedeutung erschließen läßt. Auch zu aktuellen Fragen hat er sich daher immer wieder geäußert.Dasselbe gilt durchaus auch für den hier anzuzeigenden „Essay“ Höffes über Kant aus Anlaß des 300. Geburtstags im Jahr 2024, der gleichwohl den Umfang einer Monographie hat, die das Gesamtwerk Kants zu überblicken versucht. Natürlich ist es nicht das einzige Buch, das aus diesem Anlaß erscheint. So hat der C. H. Beck Verlag, in dem einige der früheren Bücher Höffes erschienen sind, zu Kant bereits ein Werk eines anderen Kant-Experten im Angebot. Es werden sicher noch weitere Bücher folgen, von denen manche sicher erst 2024 erscheinen werden.Höffe hat sich mit einem breiten Spektrum an Philosophen aus allen Zeit befaßt, aber es ist doch offensichtlich, daß er „in Zweifelsfällen häufig Kant den Vorzug“ gibt (S.12), also daran festhält, daß dieser für die Philosophie nicht im selben Sinne überholt ist, wie dies für geniale Persönlichkeiten in den Einzelwissenschaften der Fall ist. Dazu stellt Höffe eine weitreichende Behauptung auf, die Kants Aktualität begründen soll. Einerseits stehe dieser für einen „facettenreichen Kosmopolitismus“, der deshalb relevant sei, weil „wir mehr und mehr in einer die Sprach. und Kulturgrenzen überschreitenden, global gemeinsamen Welt“ lebten. Dieser Kosmopolitismus ist aber nicht im Sinne einer Aufhebung der Ortsgebundenheit eines globalen Jet-Sets zu verstehen, der überall und nirgends zu Hause ist. Im Gegenteil ist in Kants Weltbürgerlichkeit eine Paradoxie eingeschlossen, die eine Ortsgebundenheit, wie sie auch Kant praktizierte, mit einer Neugier auf die übrige Welt verknüpft (S. 46 – 48). Dazu kommt die These, Kant sei außerdem „entschieden ein demokratischer Denker“, auch sei es abwegig, den Universalismus Kants für „kolonialistisch“ zu erklären, denn überall auf der Welt werde sein Denken als bedeutend anerkannt (ebd.).Höffe macht auch keinen Bogen um die in letzter Zeit mit teilweise seltsamer Energie verfochtenen Debatten über die Frage, ob Kant Rassist war oder in Sachen Geschlechtergleichberechtigung nicht auf dem aktuellen Stand war. Höffe vertritt hierzu die klare Position, daß fragwürdige Ansichten Kants zu diesen Themen für seine Philosophie „nicht wesentlich“ seien, weshalb sie auch kein Verdammungsurteil nach sich ziehen; vielmehr genüge es, auch jenseits einer hermeneutischen Billigkeit, „Kant mit einer offenen Neugier für seine oft ungewohnten Gedanken zu lesen“ (S. 13 – 14). Höffe thematisiert die Frage, ob Kant ein Rassist war, in einem Exkurs, der zu dem Ergebnis gelangt, es sei trotz einiger kritikwürdiger Passagen, die überaus selten und „weit außerhalb der Hauptschriften“ zu finden seien, abwegig, „Kant einen im heutigen hochbedenklichen Sinn einen Rassisten zu nennen oder sogar zu einem Mitbegründer des europäischen Rassismus zu erklären“ (S. 306).Mit diesem Ansatz punktet Höffe, weil er so dazu ermuntert, Kant unvoreingenommen auf sich wirken zu lassen, angefangen mit der Persönlichkeit, die uns bereits etwas zu sagen habe, weil sie eine keineswegs selbstverständliche Bildungsbiographie hatte. So widmet Höffe den ersten Teil des Buches der Person als Vorbild (S. 19 – 52), was hier auf sich beruhen mag.Der Hauptteil des Buches bemüht sich in drei Kapiteln mit den drei Fragen Kants nach dem, was ich wissen könne (S. S. 55 - 141), was ich tun solle (S. 143 - 249) und was ich hoffen dürfe (S. 251 - 297). Diese Frage faßt Kant bekanntlich zusammen zu der im vierten Kapitel behandelten Frage Was ist der Mensch? zusammen, weil sich hier in der (pragmatischen) Anthropologie das Selbstverständnis des Menschen abbildet, dem er sich durch Erörterung und Beantwortung der drei ersten Fragen immer wieder annähert. Damit folgt er der Struktur schon seines früheren Buches über Kant, doch zeigt der Vergleich, daß sich Höffe im neuen Buch freier gegenüber der teils speziellen Terminologie Kants verhält und diejenigen Leser, die nicht schon bescheid wissen, durch Bezüge auf die transzendentale Dialektik verschreckt. Das gilt auch für die Diskussionen, die in dem neuen Buch für ein breiteres Publikum zweifellos verständlicher und auch pointierter ausfallen. So wird etwa im Bereich der ästhetischen Urteilskraft noch deutlicher herausgestellt, wie berechtigt Skepsis gegenüber Versuchen ist, „die Qualität eines Kunstwerkes nach dessen politischer Botschaft oder nach der Moralität oder Nichtmoralität ihres Schöpfers zu beurteilen“ (S. 353). Denn, so Höffe ironisch, lasse man sich auf solche politsch-moralischen Kriterien ein, „am besten opportunistisch auf die vom Zeitgeist vorgegebenen Kriterien (…), dann lässt sich die Qualität eines Kunstwerkes häufig recht einfach beurteilen“ (S. 354). Respektiere man aber die Autonomie der Kunst, bedürfe es der Mühe, sich dem Kunstwerk im Lichte von Erfahrung und Einfühlungsvermögen zu nähern. Ein weiteres Problem, das sich aus dem Gegebenheiten der heutigen Welt heraus stellt, betrifft die staatspolitischen und völkerrechtlichen Theorien hinsichtlich einer Weltrepublik (S. 232 – 240), der Rechtmäßigkeit sogenannter humanitärer Interventionen (S. 240 – 244), der Frage nach der Friedfertigkeit von Demokratien (S. 244 – 246) sowie der Freizügigkeit der Weltbürger. Hier nämlich stipuliert Kant zwar ein allgemeines Besuchsrecht, aber kein Gastrecht. Weitere Diskussionen von Höffe, die besonders ergiebig und anregend, z. B. auch für den schulischen Philosophieunterricht, sein dürften, betreffen moralphilosophische Fragen. So bringt er die Vorteile von Kants kategorischem Imperativ ins Spiel, indem er dessen Ethik als Maximenethik abhebt von den heute dominierenden Regel- oder Normethiken (S. 155). Auch diskutiert er in spannender Weise das sogenannte Lügenverbot in der Tugendlehre und insbesondere in der Schrift, die sich mit einem vermeintlichen Recht, aus Menschenliebe zu lügen, auseinandersetzt (S. 164 – 166).Wie in dem Vorläuferband wird im fünften Kapitel die Teleologie thematisiert, hier unter dem Rubrum des Zweckdenkens, das es zu erneuern gelte, was sich im Bereich der Biologie und hinsichtlich des sogenannten Enzwecks des Menschen zeigen lasse. Auch wenn es damit seine Schwierigkeiten haben mag, führt Höffe seine Leser doch gut an die Problematik heran, schießlich auch sogar an jenen Punkt, der seiner Auffassung nach in der Gegenwart besonders schwer zu verstehen oder gar anzuerkennen sei, nämlich an die Frage nach dem Dasein Gottes (S. 380 -383).Knappe Literaturangaben (S. 387 – 390) werden durch ein nützliches Sachregister ergänzt (S. 391 -399). Höffes Buch stellt zweifellos eine gelungene Vergegenwärtigung Kants und seines Denkens dar, das in seiner Orientierung auf die Sache selbst vorbildlich ist. Der Kern dieses Denkens wird nämlich so herausgeschält, daß man überall ins eigene Denken gestoßen wird, aber mit wohlfeilen Moralisierungen verschont wird, die das heutige Geistesleben inzwischen auf sehr ungute Weise prägen.
Unter den deutschen Kantinterpreten und -exegeten ist Otfried Höffe vermutlich derjenige, der am stärksten unbeirrbar an der überragenden und bis heute gültigen Bedeutung des „Weltbürgers aus Königsberg“ festhält. In seiner neuesten Arbeit zu „Person und Werk“ von „Immanuel Kant heute“ bekennt er sich schon im Vorwort als „Kant-Freund“ (S. 13) und hält ihn für ein „philosophisches Universalgenie“ (S. 15) nicht nur auf dieser Erde, sondern er glaubt, Kant müsse sogar „universumweit als einer der größten Denker anerkannt“ werden (S. 13).Umso schmerzhafter muss es für Höffe sein, dass sein Idol just im Vorfeld seines 300. Geburtstags so sehr in Bedrängnis gerät. Er nutzt daher seine Jubiläumsschrift als Plädoyer eines Verteidigers, der all das entkräften will, was Kant neuerdings vorgeworfen wird:War Kant ein, wenig weltmännischer, Provinzler, der in lebensweltlichen Fragen über den Königsberger Tellerrand nicht hinaussah? Nein, sagt Höffe, Kant las viele Reiseberichte und hatte in der großen Handelsstadt Königsberg Kontakt zu Kaufleuten aus vielen europäischen Ländern. Nun denn.War Kant ein Frauenverächter? Beileibe nicht, sagt Höffe in einer verunglückten Formulierung, er sei keineswegs „gegen eine Heirat abgeneigt“ (S. 33) gewesen, habe sich gar zweimal mit dem Gedanken getragen zu heiraten. Ach so.Hatte Kant eine eurozentrische Perspektive auf die Welt? Keinesfalls, so Höffe. Hielt er doch die Chinesen für das „kultivierteste Volk auf der ganzen Welt.“ (S. 49) Dass Kant im Folgenden die „Chineser“ für chronisch faul, verschlagen, rachgierig, verspielt und feige hält, (AA IX, 378) tut scheinbar nichts zur Sache.War Kant, der nichts von einem allgemeinen freien Wahlrecht hielt, nichts von einem Widerstandsrecht, der glaubte, es reiche, wenn ein Herrscher so agiere, „als ob“ er gewählt sei, kein Demokrat? Oh, nein, so Höffe: „Unser Philosoph ist ein zutiefst demokratischer Denker.“ (S. 52)Hat Kant die Sinnlichkeit des Menschen vernachlässigt? Keineswegs, so Höffe, schließlich habe Kant immer wieder gegen die cartesianischen Rationalisten die Bedeutung sinnlicher Wahrnehmung für das Urteilen betont. (S. 69 ff.) Allerdings verschweigt er hier, dass „Sinnlichkeit“ doppeldeutig ist und der Vorwurf nicht auf das Vernachlässigen sinnlicher Wahrnehmung zielt, vielmehr auf das Sinnliche im Sinne des Emotionalen, der „Neigungen“ – und die, so Kant, sollten uns „jederzeit lästig“ sein. (AA V, 118) Ein Fehlschluss der Äquivokation also.Hat Kant eine „schwarze Pädagogik“ befürwortet, wenn er den jungen Menschen zuerst durch Zwang und Disziplin alle tierischen Begierden austreiben will, ihn durch hartes Entsagen und Ertragen vor Verweichlichung bewahren, ihn soweit formen will, dass er bereit und fähig ist zur „Zivilisierung“, Kultivierung“ und „Moralisierung“? Keineswegs, so Höffe, vielmehr sei sein Erziehungsprogramm noch heute aktuell, da es letztlich darauf abziele, den Menschen zu Freiheit und Moralität zu erziehen.War Kant ein anthropozentrischer „Speziezist“, der Tiere für Sachen hält, mit denen man nach Belieben verfahren darf? Nun, so Höffe, diese Einschätzung sei für „Tierliebhaber“ gewiss „ein Ärgernis“ (S. 344). Aber es seien nun mal nur Menschen Personen und seit dem römischen Recht gäbe es nur die Alternative „Sache und Person“. Und weil eben, so Kant, nur der Mensch einen Endzweck darstelle, bleibe er auch für die Tierethik „ein für heute aktueller Gesprächspartner.“ (S. 347).Hat Kant ein modernes Einwanderungsrecht abgelehnt, wenn er fremden Staatsbürgern, die vor Armut oder Überbevölkerung fliehen, nur ein „Besuchsrecht, aber kein Gastrecht“ (S. 249) – man müsste ergänzen: erst recht kein Niederlassungsrecht - zubilligen will? Nun ja, so Höffe, „für die Armut oder die Überbevölkerung trägt das Heimatland die Verantwortung“. Kant biete für die aktuelle Migration immerhin „ziemlich klare als auch ziemlich enge und strenge Argumente.“ (S. 249). Mit Kant lasse sich eine Willkommenskultur jedenfalls nicht begründen. Na dann.War Kant ein Rassist? Nein, sagt Höffe, es sei ganz „abwegig“, Kant einen „Rassisten zu nennen.“ (S. 308) Zum einen sei der Begriff „Rasse“ zu Kants Zeit weitgehend wertneutral verwendet worden, er sei auch mit dem Begriff „ratio“ verwandt, der „alles andere als anstößig“ sei (S. 305). Zudem erscheinen seine Einlassungen zur Rassenlehre in ganz unwichtigen Texten und es sei ganz selten, dass er „bedenkliche Passagen“ äußert, wie: „die Menschheit in ihrer größten Vollkommenheit ist in der Rasse der Weißen.“ (S. 306) Auch sei dies immerhin kein Zeichen für Eurozentrismus, da es Weiße nicht nur in Europa gäbe. Und schließlich habe er sich hier nur an David Hume orientiert, der Ähnliches behauptete. Nun, wer in der „Physischen Geographie“ blättert, findet zahllose „bedenkliche Passagen“, die doch ein deutlich anderes Bild vermitteln. (vgl. AA IX, 311 ff.)Nun wäre es sehr unfair, die Arbeit Höffes auf diese eher kläglichen Rechtfertigungsversuche für eine bleibende Bedeutung Kants reduzieren zu wollen. Sie bietet vielmehr überwiegend eine profunde, anschaulich und auch für Nicht-Kantianer verständlich verfasste Einführung in Kants Gesamtwerk, wobei nicht nur die zentralen drei Kritiken ausgiebig gewürdigt und gedeutet werden, sondern auch wichtige kleinere Schriften, wie die „Grundlegung“ und der Aufsatz „Zum ewigen Frieden“. Und es finden sich sogar Zugeständnisse einer gewissen Überholtheit der Ansichten Kants, etwa bei dessen Forderung nach der Todesstrafe oder der Zwangskastration von Triebtätern.Und unfair gegenüber Kant wäre es tatsächlich, seine misogynen, rassistischen und z.T. reaktionären Positionen für eine Verdammnis der gesamten Philosophie zu nutzen, die doch in der Erkenntnistheorie, der Moraltheorie, der Religionskritik, dem Völkerrecht und selbst in der Anthropologie Bleibendes und zum Teil noch Uneingelöstes geleistet hat.Dennoch wirken die in Höffes Buch bei jeder Gelegenheit eingeflochtenen Hinweise auf die unbedingte Aktualität der Positionen Kants eher befremdlich. Man merkt die Absicht, und man ist verstimmt. Wäre es nicht klüger gewesen, die großen Verdienste Kants herauszustreichen und im Übrigen zuzugestehen, dass viele seiner Ansichten zu lebensweltlichen und zwischenmenschlichen Fragen heute schlicht nicht mehr haltbar sind? Im Grunde eine Selbstverständlichkeit 300 Jahre nach der Geburt Kants. Vielleicht hätte Höffe dem verehrten Philosophen damit einen größeren Dienst erwiesen.Ein wirkliches Ärgernis ist das äußerst nachlässige Lektorat der Schrift. Es finden sich zahlreiche Rechtschreib-, Zeichen- und Ausdrucksfehler und auf einer Doppelseite ist gar ein falsches Schaubild abgedruckt: Statt der angekündigten und anschließend erläuterten Abbildung der Tafeln der Urteilsformen und Kategorien, (die natürlich gegen Einwände verteidigt werden), findet sich ein Diagramm des Gesamtaufbaus der „Kritik der reinen Vernunft“. (S. 76 f.) So etwas darf weder einem Autor, noch einem Verlag passieren.Auch deswegen: nur bedingt empfehlenswert.