Beinahe drei Jahre hat es gedauert – nun ist es tatsächlich vollbracht: Naoki Urasawas Opus Magnum steht in der zwölfbändigen „Ultimativen Edition“ komplett im heimischen Regal. Irgendwie hatte man das bei der (Wieder-)Veröffentlichung des ersten Teils nicht für möglich gehalten, im Glauben, dass entweder einem selbst oder aber dem Verlag auf dem Weg noch die Puste ausgeht.Das Finale erscheint (wie bereits in der ersten Auflage) unter dem leicht abgewandelten Titel „21st Century Boys“, was andere Rezensenten ja glauben ließ, Band 11 wäre bereits der Abschluss der Geschichte gewesen, woraufhin Unverständnis für das abrupte Abbrechen der Handlung geäußert wurde. Amüsanter Weise beginnt nun auch die Nummerierung der Kapitel hier noch einmal neu bei 1 bis 15 und auf die erneute Rekapitulation von Figuren und Ereignissen wurde verzichtet. Hätte ja jetzt auch nichts mehr gebracht.Dennoch ist „21st Century Boys“ kaum als eigenständige Einheit zu begreifen, stattdessen wird unmittelbar dort eingestiegen, wo der vorangehende Band endete: Der Kampf gegen den „Freund“ ist gewonnen – allerdings offenbart sich, dass dieser im Fall seiner Niederlage noch eine Rückversicherung in der Hand hat, die Kenji zu einer schmerzhaften Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zwingt, während der Rest seiner Gruppe vor der Aufgabe steht, die letzten Geheimnisse, die ihr ominöser Gegner birgt, aufzudecken, um zu verhindern, dass dieser seine Niederlage doch noch in einen Sieg umwandeln kann.Auch Urasawa ist um Antworten nicht verlegen und stiehlt sich bei der Auflösung nicht aus der Verantwortung. Die Haupthandlung wird hier gewissenhaft zu Ende gedacht, wobei allerdings nicht jeder Nebenfigur, die ihren Teil zu Serie beisteuerte, ein würdiger Abschied bereitet wird (was sich angesichts der Fülle von Charakteren allerdings kaum vermeiden ließ). Richtig überraschen oder die Geschichte in ein neues Licht stellen können die finalen Enthüllungen allerdings nicht, zumindest dann, wenn man „20th Century Boys“ beim Erscheinen und nicht noch einmal vorweg in einem Rutsch gelesen hat. Es ist halt einfach viel zu viel Handlung um noch emotional und nicht vornehmlich intellektuell in ihren Fortgang involviert zu sein.Paradoxerweise ist „21st Century Boys“ dennoch ein Meisterwerk der Gefühle geworden, das im Manga (im Comic, in der Literatur sowie in Film und Fernsehen) seines Gleichen sucht. Zu sehr sind einem die Figuren in den letzten elf Bänden als Herz gewachsen, als dass man im Finale etwas Anderes als tief ergriffen sein könnte, wenn es endlich zur Wiedervereinigung der alten Freundesclique kommt, wenn Otcho in einem Traum die Absolution seines verstorbenen Sohnes erhält oder wenn Kenji seine Nichte Kanna nach Jahren endlich wieder in den Armen halten kann. Am Ende kehrt die Serie dann in eine der Kindheitserinnerungen zurück, mit der „20th Century Boys“ begann. Es war eine lange und beispielslose Reise. Sie hat sich gelohnt.WEITERLESEN: Urasawas „Greatest Hits“ (die man in deutscher Übersetzung kriegen kann)Naoki Urasawa: MONSTER (1994-01): Wer nun das Hauptwerk endlich komplett im Regal stehen hat, sollte sich (sofern noch nicht passiert) mit dem übrigen Schaffen des Autors auseinandersetzen. Dabei fängt man am besten mit dem Thriller „Monster“ an, dessen letzte Kapitel noch erschienen, nachdem „20th Century Boys“ bereits begonnen war. Die zu großen Teilen in Deutschland spielende Variation von „Auf der Flucht“ ist für Urasawas Verhältnisse ungewöhnlich geradlinig, entwickelt in neun dicken Bänden aber einen ähnlich epischen Atem.Naoki Urasawa: PLUTO (2003-09): Als er diese Hommage an den „Godfather of Manga“ Osamu Tezuka verfasste, war Usawa die ersten vier Jahre eigentlich noch komplett mit „20th Century Boys“ ausgelastet (und in den letzten Beiden hatte er „Billy Bat“ schon am Start). Entsprechend blieb es bei geradezu handlichen acht Bänden mit gut 1600 Seiten. Obwohl: Bedenkt man, dass es sich bei „Pluto“ um Urasawas Interpretation einer einzelnen (!) „Astro Boy“-Episode handelt, ist es vielleicht doch das Werk, in dem sich der Hang des Autors zum Ausladenden am Deutlichsten manifestiert.Naoki Urasawa: BILLY BAT (2008-16): Mehr von allem als leitendes Prinzip: Auch der Autor selbst konnte am Ende der sage und schreibe 20 (allerdings vergleichsweise kurzen) Bände nicht mehr den Überblick bezüglich der zahllosen Figuren und Zeitebenen behalten und flüchtete sich in ein unbefriedigendes Ende. Trotzdem beeindruckt natürlich die Furchtlosigkeit dieser, beinahe die gesamte Menschheitsgeschichte umfassenden Mär, die zum Teil sogar auf dem Mond spielt. „Billy Bat“ ist für sich genommen bereits ein Urasawa-„Best of“, die fehlende Geschlossenheit fällt da kaum ins Gewicht.