Eine Sage soll die erste Veröffentlichung der Anna Seghers nach eigener Aussage sein – sie habe in dieser, ihrer ersten Erzählung das verarbeitet, was sie gerade am meisten bewegen würde, und hätte dies mit der „Farbigkeit eines Märchens“ verdichten wollen. Ansonsten äußerte sich Seghers vergleichsweise wenig über ihr 1928 erschienenes Debüt Aufstand der Fischer von St. Barbara, das unmittelbar mit dem Ersterscheinen den für deutsche Literatur in den 20er Jahren recht populären Kleist-Preis gekürt wurde, und hinter dem sie sich zunächst noch fast anonym verbarg. Als Autorenname stand nämlich nicht ihr volles Pseudonym „Anna Seghers“ (die Autorin hieß nämlich eigentlich Netti Reiling), sondern nur der fiktive Nachname, „Seghers“, was die Kritiker, die weitestgehend lobend über den literarischen Einstand schrieben, dazu veranlasste, an einen männlichen Verfasser zu glauben.Diese Anonymität, hinter der sich die damals 28jährige Anna Seghers verbarg, wird auch bei der Beurteilung des Inhalts nicht uninteressant sein. Aufstand der Fischer von St. Barbara erzählt die in keiner bestimmten Zeit verankerte, fiktive Geschichte von Fischern im ebenfalls fiktiven Küstenort St. Barbara. Eine der zentralen Figuren der Erzählung ist der Fischer Johann Hull, der zu Beginn des Buches aus der Stadt Port Sebastian flieht, weil er dort, nachdem er eine Revolte organisiert hatte, steckbrieflich gesucht wird. Er kommt nach St. Barbara, wo er in einer Wirtschaft auf den Schiffer Kedennek trifft, einen Einheimischen des Fischerdorfes. Dieser ist von der Idee, einen Aufstand der Fischer zu organisieren, angetan. Der junge Andreas, ein Waise, der bei Kedennek aufgewachsen ist, schließt sich der Idee, die Fischer von St. Barbara und die der umliegenden Fischerdörfer zu einem Aufstand zu vereinen, ebenfalls an. Hull formuliert öffentlich, auf dem Marktplatz von St. Barbara, die Bedingung an die Reederei, dass kein Schiff den Hafen von St. Barbara verlässt, wenn nicht neue Tarife bestimmt und neue Marktpreise für das Kilo festgesetzt werden, um die missliche Armutslage der Arbeiter zu verbessern. Die Fischer sind angetan und nachdem von der Reederei auf diese Forderungen nicht reagiert wurde, kommt es zum Aufstand. Dieser geht nicht nur friedlich vonstatten: die Reederei wird demoliert, andere werden tätlich angegriffen. Die Polizei rückt an, es geschehen Festnahmen, doch nachdem der Aufstand immer gewaltsamer wird und schließlich das Militär anrückt, bricht auch der Aufstand relativ bald zusammen. Kedennek kommt durch einen Schuss ums Leben, und weitere Menschen sterben, als die von der Reederei erzwungene Ausfahrt eines Schiffes durch Sabotage von Andreas verhindert wird. Dieser flüchtet in die Berge, kann sich einige Tage verstecken, kehrt dann aber zurück, um die restlichen Fischer, die der höheren Gewalt nachgeben und ausfahren wollen, daran zu hindern, und wird erschossen. Hull wird verhaftet und mitgenommen. Die Erzählung setzt ein mit dem Schluss: „ Der Aufstand der Fischer von St. Barbara endete mit der verspäteten Ausfahrt zu den Bedingungen der vergangenen vier Jahren. (…) Der Präfekt reiste ab, nachdem er in die Hauptstadt berichtet hatte, dass die Ruhe an der Bucht wiederhergestellt sei.“Die Erzählung der Fischer von St. Barbara ist ohne einen Blick in die Biografie von Anna Seghers nicht zu verstehen: ihr bereits vorhergegangener Eintritt in die KPD, dann ihre spätere, 1929 angegangene Mitgliedschaft im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller deuten allesamt auf ihre kommunistische Haltung und ihre Kritik an der geführten Gegenwartspolitik hin. Wenn die große Weltwirtschaftskrise auch erst ein Jahr nach der Erscheinung dieses Buches kam, so müssen die sozialen Missstände und die große Arbeitslosigkeit, die noch einige Jahre später nicht den Kommunisten sondern den Nationalsozialisten die Wählerstimmen brachten, für Seghers ein zentrales Thema gewesen sein. Wenn sie auch angibt, dass sie hier eine Art „Märchen“ verfassen wollte, so trifft dies auch nur auf die äußeren Umstände zu. Die Figuren und die Orte sind fiktiv, werden in Teilen auch „märchenhaft“ beschrieben. Unübersehbar ist allerdings der parabelhafte Charakter dieser Erzählung. Es ist klar zu unterscheiden zwischen Sach- und Bildebene. Und wenn auch bereits 1928 die Generation an Fischern und Schiffern in dem altmodischen, rückständigen Stil, wie er hier geschildert wird, nicht mehr Alltag gewesen sein dürfte, ist doch klar, dass dies nicht einfach eine Geschichte sein soll, die man liest, sondern eine Geschichte, die natürlich auf die damalige Gegenwart anspielt und sie in irgendeiner Weise literarisch verarbeitet. Heute mag die Distanz zu dem Werk noch einmal größer sein. Die Rückschlüsse, die von dem Buch auf die damalige Gegenwart geschlossen werden konnten, treffen auf uns nicht mehr zu. Wir lesen den Aufstand der Fischer von St. Barbara also eher als eine Historienerzählung, die auf die damaligen Missstände hindeutete und uns heute sozusagen als ein Zeitzeugnis der bereits vor 1933 geladenen Stimmung in Deutschland zur Verfügung steht. Was interessant ist: viele der Punkte, die man möglicherweise in dieser Erzählung interpretieren könnte, hängen schwer mit dem Nationalsozialismus zusammen. Das autoritäre, anti-demokratische System, die gewaltsame Unterdrückung von Forderungen der Ärmeren und der Arbeitenden… all das sind Methoden, die auf das erste, demokratische System Deutschlands, die Weimarer Republik, aus der diese Erzählung stammt, nicht zutreffen. Anna Seghers war sicher keine Hellseherin, doch ist sie eine Menschenkennerin und eine Frau, die den Zeitgeist nicht nur beobachtet sondern förmlich gespürt zu haben scheint. Während man besonders ihren späteren, aber dennoch herausragenden Werken oftmals vorgeworfen hat, dass sie entweder zu spät gekommen sind oder gerade dann, wenn alles bereits passiert ist, also eigentlich nichts zur Veränderung der Situation beigetragen haben, ist diese erste Erzählung nahezu als prophetisch anzusehen.Dass Seghers nicht nur die äußeren Umstände der sozialen Missstände anprangert, sondern innerhalb des Textes auch noch einige Figuren auftreten lässt, die eben auch die Seite anprangern, mit der man eigentlich mitfiebert (nämlich die von Hull und Andreas), macht diesen Text zudem auch noch sehr authentisch. Die Gewalt, die man z.B. an dem Fischer Bruyk verübt, der sich vom Aufstand zurückhielt, weil sein Sohn Chancen offenbart bekommen hatte, eine Navigationsschule besuchen zu dürfen, wird keinesfalls als unterstützenswert oder gerechtfertigt geschildert. Und auch die Prostituierte Marie, mit der extrem grob und menschenverachtend umgegangen wird, die aber in zutiefst menschlicher und mitleiderregender Weise geschildert wird, steckt weitere Sozialkritik.Die Figur der Marie regt mich als Rezensenten hier aber auch zu einem Kritikpunkt an der Erzählung an. Anfangs wirkt das junge, als vergleichsweise unattraktiv geschilderte Mädchen noch sehr geheimnisvoll und ein stückweit erwartungsverheißend, denn eigentlich ist sie nicht so wirklich in die Erzählung einzuordnen. Ihre Rolle bleibt – bis zum Schluss – für die eigentliche Handlung nicht von Bedeutung. Sie hat noch den ein oder anderen Auftritt, bringt z.B. Andreas, mit dem sie ein sexuelles Verhältnis hat, etwas zu Essen in die Berge, als er sich vor den Soldaten versteckt. Dennoch ist ihre Rolle für die Handlung auf jeden Fall verzichtbar. Es gibt einige dieser Details, die man als überflüssig bezeichnen könnte, die mit der eigentlichen Geschichte nichts zu tun haben, und die Anna Seghers in ihren kürzeren, ebenfalls gut gelungenen Erzählungen wie dem Text Jans muss sterben oder dem Ausflug der toten Mädchen möglicherweise aus-gelassen hätte. Es sind diese angedeuteten Handlungsstränge, von denen man sich etwas erhofft, zu denen dann aber nichts mehr kommt, die die Erzählung am Ende ein wenig schwer greifbar werden lassen, weil man die gesamte Handlung als Gesamtes nicht umreißen kann. Die Geschichte der Marie und ihre vielen Liebschaften wäre noch einmal eine Sache für sich. Da sie aber – wie bereits gesagt – ins Leere verläuft, trägt sie nicht maßgeblich zu dieser Erzählung bei.Es ist die Frage nach der Ästhetik, die sich an manchen Punkten stellt, und sicher kann man Anna Seghers vorwerfen, dass sie sehr mechanisch, extrem strukturiert und kleinflächig an diesen Text herangegangen ist. Details zu den Charakteren werden entweder gar nicht oder nur einmal genannt – wer an der ein oder anderen Stelle nicht aufpasst, verpasst möglicherweise Entscheidendes für den weiteren Handlungsverlauf. Seghers fordert ihre Leser extrem und doch bietet sie auch an der ein oder anderen Stelle ein paar sprachliche Kniffe, die zum Schmunzeln und Nachdenken bringen. Ich bewundere diese Schriftstellerin seit der Lektüre ihres Erfolgsromans Das siebte Kreuz uneingeschränkt, obwohl ich mich mit den späteren Werken wie Die Toten bleiben jung und ähnlichem sehr gequält habe. Die Erzählung mag für den Leser heute noch fremder, noch ferner sein als für die Leser von 1928. Die äußeren Umstände, die zu diesem Text zu nennen sind, nämlich unter welchen Bedingungen sie veröffentlicht wurde und was die Wirkung darauf war, was Seghers anprangerte und was wir heute nachvollziehen können, weil sie es zurecht kritisierte, sind die Aspekte, die das Buch heute lesenswert machen. Es ist ein Aufruf zum Widerstand, ein Aufruf, sich nicht immer unterdrücken zu lassen und für das einzustehen, was man erreichen möchte. Es ist aber auch eine realistische Darstellung dessen, wie es in den ganzen Jahren verlaufen ist. Die Weltrevolution, an die sie als Kommunistin mit Sicherheit glaubte, war nicht erreicht und ist es bis heute nicht. Die Klassenunterschiede existieren nach wie vor. „Wacht auf, Verdammte dieser Erde!“, heißt es in einem marxistischen Marschlied. Was könnte auf diese Erzählung besser passen?