Ein Jahr zuvor hatte Anna Seghers bereits ihren ersten Roman, Die Gefährten, veröffentlicht. Seit ihrem Eintritt in die KPD 1928 war sie eine offenkundige, erklärte Gegnerin der nationalsozialistischen Bewegungen, die sich Ende der 1920er Jahre in der Weimarer Republik offenbarten, und letzten Endes auch siegen würden. Während ihre frühen Werke, denke man nur an die bewegende Erzählung Aufstand der Fischer von St. Barbara in einem fast schon gleichnis-haften, parabelähnlichen Stil verfasst waren, entwickelte sich Anna Seghers Stil von ihrem ersten Roman an mehr und mehr in die Richtung eines durchaus kühlen Realismus. Wie auch schon bei ihrem ersten Roman ist Der Kopflohn, ihr zweiter, der 1933 erschien, nicht etwa angelehnt an eine autobiografische Erzählung der Autorin, sondern geht auf die Berichte von Freunden und Bekannten zurück, mit denen sich Seghers vorrangig in ihrer Zeit in Deutschland, dann aber auch im Exil ausgiebig unterhielt.Die Gefährten schilderten einst die globalen Bedrohungen, denen Kommunisten auf der gesamten Welt ausgesetzt sind – und das mit einem bitter-realen und kühlen Blick auf die Wirklichkeit. Seghers nimmt sich in ihrem heute leider nicht mehr allzu bekannten Roman Der Kopflohn, der allerdings aus einer wichtigen Schaffensphase der bedeutenden Autorin stammt, der Situation in einem rheinhessischen Dorf namens Oberweiler-bach an. Die Geschichte verläuft in zwei Dimensionen, einer privater und einer politischen, die am Ende des Romans zusammenlaufen. Johann Schulz ist ein Verwandter des ersten Ehemanns der Bäuerin Bastian, die mit ihren fünf Kindern und ihrem Mann beim Abendessen und beim Gebet sitzt, als der unerwartete Besuch aus dem fernen Leipzig auftaucht.„ Als Bastian bei der Stelle angekommen war, an welcher Gott um Vergebung der Schuld angegangen wird, klapperte draußen die Zauntür. Er hörte, wie sich jemand der Schwelle näherte. Er versuchte mit aller Kraft, diese Schritte zu missachten, er erhob die Stimme. Keins der Kinder sah auf. aber an dem tiefen Schatten, der plötzlich die abendliche Stube erfüllte, merkten alle, dass jemand auf der Schwelle stand und mit seiner Gestalt die offene Tür ausfüllte.“Es ist eine Mischung aus bildhaftem Stil, die die hier durchaus bedrohliche Ankunft eines vollkommen ausgehungerten, übermüdeten und verwahrlosten Gasts ankündigt, der vorerst nur für ein Abendessen, dann für eine Nacht, schließlich für ein Wochenende und letzten Endes über Monate, bis zur Roggenernte, auf dem Bauernhof bleiben wird. Die genaue Geschichte von Johann Schulz ist der Bauersfamilie und allen anderen im Dorf zunächst unbewusst, doch ist ihr Verständnis für das Begreifen dieses Romans unverzichtbar. Johann Schulz ist aus Leipzig geflohen – er wird beschuldigt, bei dem sogenannten Hungeraufmarsch in der Stadt einen Polizisten erstochen zu haben. Ob dem letzten Endes wirklich so ist oder nicht, erfährt man im Roman nicht. Tatsache ist, dass die steckbriefliche Suche immer mehr in die ländlichen Gebiete übergreift und irgendwann die Nebenorte von Oberweilerbach erreicht.Es ist nämlich bei weitem nicht nur die Bauersfamilie Bastian, die in diesem Roman eine Rolle spielt: da ist noch der Bauer Algeier, dessen Tochter Marie ihre Arbeit verloren hat und nun wieder daheim bei der Familie ist. Außerdem gibt es den undurch-sichtigen Bauer Schüchlin, der den Tod seiner Frau begrüßt, um an ihr Erbe zu kommen, der alte wie der junge Merz, von denen der junge demnächst heiraten wird, und der Bauer Kunkel, der als einer der ersten mit dem nach und nach in den dörflichen Gefilden aufkommenden, nationalsozialistischen Gedankengut harmonisiert. Geld spielt im gesamten Roman eine zentrale Rolle, und so ist der „Kopflohn“ von 500 Mark, der auf den Verrat von Johann Schulz ausgesetzt wird, für viele ein verlockendes Angebot. Nach und nach treffen die Bauern von Oberweiler-bach aus unterschiedlichen Gründen auf den Steckbrief – Algeier, Schüchlin und auch der Jude Naphtel verraten Schulz aus unter-schiedlichen Gründen nicht, obwohl sie allesamt an dem Geld interessiert wären. Es wird Kunkel sein, der von einem ideologischen Mitstreiter auf den Steckbrief aufmerksam gemacht wird, und zum Amtmann Merz geht, um Schulz zu verraten. Dieser allerdings hat die 500 Mark bereits eingestrichen und Johann Schulz festnehmen lassen.In diesem Roman steckt vieles drin, und so wirklich erfassen kann man all das, was durchaus komprimiert auf diesen etwa 180 Seiten, die beim Aufbau-Verlag mit einem Nachwort von Sonja Hilzinger gedruckt wurden, erzählt wird. Anna Seghers hatte ihre Arbeit an diesem Roman noch in Deutschland begonnen, doch als 1933 die Nazis an die Macht kamen, floh sie als Jüdin und kommunistische Aktivistin doppelt bedroht, mit ihrem Mann und ihren Kindern aus Mainz nach Frankreich, später in eine Vorort von Paris, wo sie einen Großteil ihrer Exilzeit verbrachte. Dass Seghers eine Atmosphäre wie diese, in einem Dorf, nicht am eigenen Leib erlebt hat, sie aber dennoch so authentisch zu schildern weiß, ist eine der vielen Qualitäten dieses „Romans aus einem deutschen Dorf im Spätsommer 1932“, wie Der Kopflohn untertitelt ist. Faszinierend ist an erster Stelle, wie es Seghers gelingt, die private Ebene mit der politischen verschwimmen zu lassen. Kunkel, der ideologisch tief geprägte Nazi, der von den vielen Regierungswechseln in der Zeit der Präsidialkabinette, in denen es dem Reichspräsidenten Hindenburg erlaubt war, die Kanzler der Republik nach Belieben abzusetzen und Wahlen zu beantragen, sein Haus und sein Land verloren hat, soll dem Leser als eine Art Beispiel dienen, als eine Erklärung, wie eine solche Ideologie entstehen kann. Was Seghers gelingt, ist die Beschreibung der Politikverdrossenheit in diesen Dörfern. Für das überregionale hat man keinen Sinn, man setzt sich mit Franz von Papen, der in dem Zeitraum, in dem der Roman spielt, an der Macht war, nicht auseinander. Kunkel wirbt für den National-sozialismus, sammelt Spenden und versucht seine Mitbürger zu überzeugen, auf der anderen Seite aber auch zu schikanieren. Es ist eine bedrückende Bilanz, die Seghers bereits 1933, im Jahr der sogenannten „Machtübernahme“ von Adolf Hitler, über dessen Partei und Ideologie zieht. Der Roman belegt in vielerlei Hinsicht, dass man eben doch vom ersten Moment an gewusst hat, in welche Richtung dieser Nationalsozialismus schwimmen wird. Seghers schreibt nicht, wie man ihr manchmal vorwirft, andauernd über das, was bereits vergangen ist, was bereits nicht mehr zu verändern ist, sie schreibt auch über eine Zeit, in der all das noch zu verändern und zu überdenken wäre.Klar ist, dass Der Kopflohn als einer der ersten, vielen Exilwerke, die Anna Seghers im Laufe der Zeit schreiben wird, in Deutschland keinen großen Erfolg haben konnte. Er erschien, wie viele Werke von weiteren, mittlerweile bekannten und geschätzten Autoren der Exilzeit, in einem ausländischen Verlag. Alles, was es von Seghers dennoch nach Deutschland schaffte, oder was von früher noch Bestand hatte, wurde verbrannt. Heute liest man die Bücher dieser hervorragenden Autorin nicht mehr nur aus politischer Sicht, sondern auch aus soziologischer. Man könnte fast meinen, dass der Nationalsozialismus in diesem Roman als solcher eigentlich gar keine Rolle spielt. Es geht Seghers vielmehr darum, die Menschen zu charakterisieren, die ihm verfallen sind. Was sich heute wie eine Art Erklärung liest, als eine Darstellung, vielleicht auch eine verständnisvolle Rechtfertigung, war damals eine brüllende, schreiende Kritik. Seghers dachte beim Schreiben dieser Zeilen mit Sicherheit nicht an die Leser heute, daran, dass die Nachwelt das, was damals noch gar nicht geschehen war, nämlich der Krieg, die Massenvernichtungen, sondern nur an diejenigen, die sich durch diese Zeilen möglicherweise angesprochen fühlen könnten. Interessant ist, dass dieser Roman in der Literatur-wissenschaft auch oft als ein kritischer Roman gegenüber des Kommunismus gewertet wird. Und es ist wahr. Denn so schildert Der Kopflohn mit Sicherheit ebenso das Versagen eines starken, ideologischen Gegenstücks wie das Versagen der Menschen, die Hitler aufgesessen sind. Der Kommunismus hatte für das rheinhessische Oberweiler keine Bedeutung – Kunkel sah sich in nichts anderem als in Hitler repräsentiert. Die Tatsache, dass Seghers selbst Kommunistin war, aber erkannte, dass ihre Ideologie letzten Endes versagt hat, in der Zeit, in der sie wichtig und vielleicht auch „richtig“ gewesen wäre, kein Durchhaltevermögen beweisen konnte, die Menschen nicht fesselte, muss sowohl ihr als auch ihren Mitstreitern zu denken gegeben haben.Den ansonsten in einem teils schweren, teils aber auch unfassbar bildhaften und mitreißenden Stil geschriebenen Roman, wird man also rein literarisch nur dann zu schätzen wissen, wenn man diese Dimensionen mit einbezogen hat im ganz persönlichen Urteil über dieses Buch. Überraschend deutlich ist hier auch die biblische Komponente in diesem Buch, denn erinnert der „Kopflohn“, der auf den Verrat von Johann Schulz ausgesetzt ist, doch durchaus an den „Judaslohn“, den man dem „Verräter“ unter den Jüngern Jesu für den Verrat einst versprochen hatte. Kunkel erhängt sich am Ende des Buches zwar nicht, doch ist doch klar, dass seine Figur durch die niederträchtige Aktion von Merz am Ende des Buches keinen Bestand mehr hat. Seghers Ende ist brutal und hart, aber konsequent. All Jene, die sie literarisch nicht schätzen, die sie für bieder oder, denke man an Denis Scheck, für „kitschig“ halten, mögen sich doch noch einmal mit diesem Roman auseinandersetzen.Denn hier, in einem deutschen Dorf im Spätsommer 1932, ist nichts harmonisch, nichts lebenslustig, nichts seicht – und Seghers spiegelt diese Wirklichkeit auf überzeugende Weise. All die Motive, die man an dieser Autorin später schätzen wird, sei es der Ausbruch, sei es die Flucht, aber auch der Verrat und die Gegenden, in denen all die Geschichten dieser Autorin spielen, wird man bereits in diesem frühen Roman finden. Seghers hat sich in ihrer ersten und besten Schaffensphase wenig gewandelt, ist ihrem Stil treu geblieben, hat sich vom Aufstand der Fischer von St. Barbara bis hin zum Siebten Kreuz und Transit in den 40er Jahren kontinuierlich gesteigert und oftmals sogar übertroffen. Vielleicht bleibt der Kopflohn rückblickend nicht ganz so lange in detaillierter Erinnerung wie die beiden Spitzenwerke dieser Autorin, was daran liegen mag, dass er nicht – wie die anderen – so bestechend linear erzählt ist, dass man sich an wirklich einer Figur aufhängen kann. Was Seghers hier will, und was ihr gelingt, ist die Darstellung der Gemeinschaft, die Darstellung eines Kollektivs - und es gelingt ihr auf auch heute noch beachtliche und erschreckende Weise.