Wer sich mit dem ersten Weltkrieg beschäftigt, wird zwangsläufig nicht an der Spanischen Grippe vorbeikommen. Witte schreibt auf exakt 100 Seiten wie sich die Grippe wie ein Lauffeuer verbreitet hat, Menschen auf der ganzen Welt getötet und die Seuche nicht eingedämmt werden konnte. Witte schreibt einige Szenen aus Krankenakten ab, die einem heute noch sehr leid tun, weil vor allem junge Menschen an der Grippe starben. Leider bleibt er hier etwas zu statisch. Hier fehlt es an der Möglichkeit den Menschen dahinter zu betrachten. Witte geht generell nur von der medizinischen Seite her an das Thema heran. Es gibt Statistiken, Krankenakte, Wünsche der Seuche Einhalt zu gebieten und weiterführende Krankheiten. Das auch sehr prominente Menschen an der Krankheit gestorben sind, bleibt weitgehend unerwähnt. Einzig Franz Kafka findet ein halbes Kapitel. Erwähnt werden sollte aber auch Kaiser Karl I. von Österreich, Erzherzog Franz Karl Salvator (Sohn von Erzherzogin Marie Valerie, Enkel von Kaiser Franz Joseph), Edith Schiele starb als sie im 6. Monat schwanger war, ihr Mann Egon Schiele folgte ihr in kurzem Abstand nach, ebenso fand Sophie Freud, Tochter von Sigmund Freud den Tod. Hier hätte ich mir von Witte also mehr Einsatz gewünscht; ich bin sicher, dass sich noch mehr Prominente Opfer finden hätten lassen.Am Interessantesten fand ich, das Kapitel über die nachfolgende Encephalitis, an der sehr viele Menschen gestorben bzw. im "Irrenhaus" gelandet sind. Die Krankheit gilt ebenso als ausgestorben - allerdings erzählt Witte nicht wie. Ebenso interessant, war der Ansatz, dass Adolf Hitler wohl an der Krankheit litt und er bereits einen Termin bei einem Arzt hatte, diesen dann aber aufgrund seines Selbstmordes 1945 nicht mehr wahrnehmen konnte. Es scheint hier nur eine Vermutung zu sein oder aber es wird "vertuscht".Anscheinend hat die Spanische Grippe gröbere Auswirkungen, als bisher angenommen, denn es gibt wohl Hinweise, dass infektiöse Parkinson eine Weiterentwicklung der Grippe sei - es scheint ein offenes Geheimnis zu sein, dass es ein prominentes Opfer zu geben scheint: Michael J. Fox.Fazit: Alles in allem scheint es eigenartig, dass man bis heute (!) nicht weiß, was und welche Auswirkungen die Spanische Grippe eigentlich war und hatte. Es wurden in den 50er und 60er Jahren sogar Menschen exhumiert. In Laboren wird seit Jahren danach geforscht, an die Öffentlichkeit dringt jedoch nichts. Witte versucht auch zu erklären, dass die Schweinegrippe und die Vogelgrippe nicht so harmlos waren, wie sie oft dargestellt wurden bzw. die Hysterie teilweise berechtigt gewesen war. Er erzählt aber auch, was in Japan an Medikamentenmissbrauch mit Tamflu getrieben wurde und welche Auswirkungen es hat(te). Ich empfehle das Buch zur Erweiterung des Wissens über die Spanische Grippe bzw. zum Studium oder für Recherche Zwecke über den 1. Weltkrieg. Ein Roman mit vielen tragischen Geschichten ist es aber nicht. Witte ist dies von der wissenschaftlichen Seite angegangen. Eine 20seitige Inhaltsangabe beschäftigt sich mit der Literatur, die Witte gelesen hat.Viel Spaß!
Ein wirklich sehr gelungenes, spannendes, leicht lesbares und trotzdem penibel recherchiertes Buch. Nur manchmal hätte ich mir zusätzliches Bildmaterial oder auch die ein oder andere Tabelle/Grafik in besserer Qualität gewünscht um manche der Fakten besser zu fassen zu können.Inhaltlich selbst aktuellste Pandemie-Diskussionen erhellend! Wieder ein Beispiel dafür, dass ein präziser und ehrlicher Blick zurück in die Geschichte essentiell ist, um klar sehen zu können was vor einem liegt.