Houellebecq dürfte den meisten Lesern ein Begriff sein. Berühmt geworden durch die expliziten, teils skandalösen, aber immer genial beschriebenen, erotischen Szenen in seinen Büchern, zeichnet er sich aber vor allem durch die schonungslose Analyse unserer heutigen Gesellschaft aus. Kurfassung: Der Markt hat die Liebe längst ersetzt. Und möglicherweise ist die Menschheit ja schon so korrupt, so kaputt, dass sie sich selbst überlebt hat, durch etwas Neues abgelöst werden muss. Aber vielleicht hat ja selbst das keinen Sinn, und auch die gefühlsbefreiten Klone in seinem letzten Buch ("Die Unmöglichkeit einer Insel") sind nur ein weiteres Element im "flüchtigen Gefüge der Elementarteilchen" (Formulierung aus "Gegen die Welt, gegen das Leben").Über Lovecraft, der das Thema dieses vorliegenden, ersten Buches von Houellebecq ist, dürften die meisten Leser bisher weniger wissen. Noch am häufigsten hört man seinen Namen, wenn über E. A. Poe gesprochen wird, und man dann auch einen zweiten, wichtigen, amerikanischen Horrorschriftsteller mit Wurzeln im 19. Jahrhundert erwähnt (auch wenn Lovecrafts Bücher am Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden sind). Und ja, letztendlich muss man Lovecrafts Werke wohl als Horrorliteratur bezeichnen. Fremdartige, unbekannte Monster bedrohen die Welt und versetzen die Protagonisten der Geschichten in grausame Schrecken. Aber vielleicht ist ja da noch etwas mehr. Bei Lovecraft geht es um Angst. Angst nicht nur vor einem Monster, sondern um Angst vor dem unspezifisch Bösen in einer dem Menschen feindlich gesonnenen Welt. Es geht auch um die Reaktion der Individuen auf diese Angst, die von Flucht bis Wahnsinn reicht. Houellebeqc beschreibt, wie die wohl einzigartige Biographie des Autors sich in seinen Werken wieder findet. Lovecraft wird als "materialistischer" Autor und Denker beschrieben. Houellebeqc zeigt, dass der metaphysische Schrecken in den Werken letztendlich in anderen Menschen zu finden ist. Er beschreibt, wie sich Lovecraft als Erwachsener immer wieder in die Welt seiner Kindheit flüchtet, wie seine Ehe scheitert, wie auch seine Existenz in New York, wie er das menschliche Streben nach Geld und Sex verachtet, wie er sich selbst als anglophiler Aristokrat begreift, dessen Art aber durch den Ansturm des Fremden unterzugehen droht. Im Buch wird auch immer wieder auf die schlechte, nervliche und körperliche Verfassung Lovecrafts hingewiesen, auch ein Schicksal, dass der Autor mit vielen seiner Protagonisten teilt.Viel lernt man in diesem Buch über das Leben und das Werk von Lovecraft. Vielleicht lernt man aber noch mehr über den Autor Houellebecq. Vielleicht ist es doch kein Wunder, dass aus der oben genannte Formulierung aus diesem Buch der Titel eines der ersten Romane von Houellebecqs geworden ist: "Elementarteilchen". Fast alle Bücher von Houellebeqc basieren auf der Entfremdung der Helden (und wohl auch des Autors) von der modernen Welt, von den Menschen, die eine Gesellschaft bilden, die sie selbst als Individuen unglücklich macht. Wie bei Lovecraft finden wir auch bei Houellebeqc eine kaum verborgene Ablehnung fremder Kulturen, auch wenn es beim Franzosen eher die soziale Seite der Pariser Vorstädte und der Islam insgesamt sind, während bei Lovecraft die Slums der Einwanderer am Rand der amerikanischen Großstädte bedrohlich dargestellt werden. Letztendlich ist Angst vor der Welt und vielleicht auch Verachtung und Abscheu vor den Auswüchsen der modernen Gesellschaft Quelle der Inspiration beider Autoren. Aber beide schaffen es dann auch, aus diesen Gefühlen heraus großartige Literatur entstehen zu lassen, in dem sie mit Sprache und Struktur der Handlung um vieles sorgfältiger arbeiten als die Kollegen aus den Feuilletons. Klarer als in diesem kurzen Buch über einen anderen Autor hat Houellebeqc eigentlich nie wieder erklärt, was die Grundlage seiner eigenen Literatur bildet.So lernen wir, dass über eine Differenz einem Jahrhundert sich hier zwei Autoren begegnen, deren Einstellung zur Welt und zur Literatur überraschend ähnlich ist. Vielleicht schreitet die Zeit doch nicht so schnell voran, wie wir es alle glauben.
Gerade zum Einstieg in Lovecrafts Leben und Werk sehr interessant. Houellebecq bietet hier aber auch eine Interpretation und Analyse Lovecrafts in Form eines langen Essays/Kurzbiografie, die für eingefleischte Lovecraft Fans interessant sein kann, obgleich diese hierin wohl auch einges bereits Bekanntes lesen würden.
Sehr interessanter Einblick in die Gedankenwelt von Houellebecq und ein ebenso schöner Einblick zu Lovecraft - habe das Buch sehr genossen, es ist toll geschrieben/übersetzt und die Informationen gehen weit tiefer als das was man sonst so hört. Das Lovecraft Rassist war, ist ja nicht unbekannt, aber in welcher Form und wie weit das ging, wurde hier sehr gut ausgeführt.Habe es neben Lanzerote von Houellebecq gekauft, muss aber sagen, dass ich dieses Buch beser fand, auch wenn es wahrscheinlich ein Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen ist, da das eine ja eher Sachbuch und das andere eher Erzählung ist.