Dieses Buch zu bewerten, fällt mir wirklich schwer, denn irgendwie fehlen mir die Worte, und ehrlich, das kommt nicht so oft vor.Dieses Buch entführt einen wirklich, es bringt einen dazu, sich auch, wenn man das Buch schließlich einmal aus der Hand legt, weiter mit verschiedensten Themen zu befassen, sich Informationen zu beschaffen, weiter zu denken. Mir war es ein Bedürfnis, mich mit Kenias Geschichte zu befassen, mit der von mir sehr negativ gesehenen Kolonialzeit, die im Buch angesprochenen Themen waren lange in meinem Kopf, immer wieder. Ich möchte hier keine Inhaltsangabe vornehmen, das haben Andere schon zur Genüge getan. Dieses Buch entführt in andere (Gefühls-)Welten, es zwingt, sich mit dem Menschsein an sich auseinanderzusetzen, gibt dabei auch andere Blickwinkel, bietet andere, neue oder erweiterte Sichtweisen und lässt buchstäblich und im übertragenen Sinn den Horizont weiter werden. Die Sprache der Autorin zu kommentieren, gelingt mir nicht; ich kann nur sagen: lasst euch verzaubern, lasst euch überwältigen! Ich habe mich beim Lesen ertappt, dass ich immer öfter kleinere Pausen eingelegt habe, je weiter sich das Buch dem Ende zuneigte. Das geschah nicht etwa, weil der Inhalt zu schwere Kost gewesen wäre -und er ist wahrlich auch keine leichte Kost- sondern weil ich noch möglichst oft wegtauchen wollte, weg aus meiner eigenen in die Welt des Buches, zu den Menschen dort, nach Kenia! Ja, es ist ein Abtauchbuch mit großem Tiefgang, auch mit Spannung, vor allem aber mit Emotionen, mit denen der Protagonisten und genauso mit den daraus erwachsenden eigenen Emotionen und Gefühlen; stellenweise lernt man Überraschendes über sich selbst, wenn man eintaucht in diese andere Welt: eine wundersame, verzauberte, manchmal archaische, zum Teil auch ganz aktuelle, moderne politische Welt. Bei mir hat das Buch viel Nachdenken bewirkt, auch viel Sehnsucht und Melancholie und Traurigkeit über das, was wir Menschen so an Torheiten fabrizieren. Unsere Selbstsucht wird immer verhindern, dass wir die Paradiese sehen, auch wenn sie vor unserer Nase liegen. Dieses Buch hat mich im Innersten berührt, es ist ein Traumbuch, ein Traum von einem Buch!
Rezension des Buches „Der Ort, an dem die Reise endet“ von Yvonne Adhiambo Owuor, erschienen 2014 als amerikanische Originalausgabe unter dem Titel „Dust“ bei Alfred A Knopf, New York, Copyright © 2014 by Yvonne Adhiambo Owuor, © 2016 für die deutsche Ausgabe: Du Mont Buchverlag, KölnDer Roman beginnt mit dem Tod des Studenten der Ingenieurswissenschaften an der University of Nairobi Moses Odidi Oganda; er wurde in den Straßen Nairobis im Süden des Landes von der Polizei erschossen. Seine um vier Jahre jüngere Schwester Ajany, die als Künstlerin in Brasilien arbeitete, war zurückgekommen, um mit ihrem Vater Nyipir den Leichnam abzuholen, damit er zusammen mit der Mutter zuhause auf ihrer Farm in Wuoth Ogik im Norden des Landes beerdigt werden konnte.Doch die Heimkehr zu ihrer verfallenen Farm im Norden des Landes tröstete sie nicht. Zu schmerzhaft waren die Erinnerungen an die Vergangenheit, an die Zerrissenheit der Familie, an die koloniale Gewaltherrschaft und die blutigen Auseinandersetzungen nach der Unabhängigkeit im Jahre 1963. Die Mutter Akai-ma Lokorijom floh in die Wüste, nachdem der Sarg mit ihrem toten Sohn auf die Farm gebracht wurde; sie konnte diesen Verlust nicht ertragen.Ajany dachte an vergangene Erlebnisse mit ihrer Familie und ihrem Bruder Odidi, der sie stets beschützt hatte. Er war zur Stelle, wenn sie ihn brauchte, und sie brauchte ihn oft. Sie versucht, die Geheimnisse der Vergangenheit in Wuoth Ogik wieder einzufangen und auch von ihrem Vater zu erfahren, was war.Der englische Freund von Odidi, Isaiah Bolton, tauchte auf. Er wollte sich mit Odidi auf der Farm in Wuoth Ogik treffen, weil er seinem Vater Hugh Bolton suchte und die Wahrheit über ihn erfahren wollte. Ajany zeigte auf den Sarg mit ihrem toten Bruder, als Isaiah nach ihm fragte. Sofort verstand er.Im 9. Kapitel taucht der Autor ein in die Geheimnisse der Vergangenheit. Und schreibt über die alte 78jährige Mutter von Isaiah Bolton, die der Krebs zerfressen hatte. Im Jahre 1950 waren Hugh und Selene Bolton in den Hafen von Mombasa eingefahren. Sie fuhren mit der Schmalspurbahn nach Nairobi. In Cambridge hatten sie sich kennengelernt. Hugh war ein Soldat, sie war Anglo-Inderin. In Sie fuhren nach Naivashda und bauten sich dort ein Haus, einen fünf-Zimmer-Bungalow. Und bauten Reben an. Hugh begeisterte sich immer mehr für Kenia, sie wurde immer kritischer und wollte zunehmend nach England zurück. Die Beiden entfernen sich immer mehr voneinander. Ein erstes Kind kam; das Mädchen war eine Fehlgeburt. Nach drei Jahren fegte fünf Wochen lang ein heftiger Sturm über Naivashda hinweg und vernichtete all ihr Hab und Gut. “Wir fangen von vorne an!“ sagte er lachend. Sie wollte nach Hause und ging nach England zurück. Aber Hughs Abwesenheit tat ihr weh. Deswegen kehrte sie unter Tränen nach Kenia zurück.Sie verbrachten ihre Freizeit in Clubs. Mit viel Alkohol und wenig Gesprächen. Auf einer Party war er mit einer knabenhaften Frau verschwunden, was einige gesehen hatten. Der Kampf um die politische Unabhängigkeit des Landes begann. Es gab vermehrt politische Morde in Kenia. Militär wurde nach Kenia verlegt. Hugh arbeitete für den britischen Geheimdienst. Er wurde nach Athi River verlegt, um Säuberungsoperationen durchzuführen in dem abgelegenen Norther Frontier District.Gegen Ende des Jahres 1961 fuhr eines Mittags ein einheimischer Helfer in Hugh‘s schwarzem Wagen vor die Farm in Naivasha. Hugh stellte ihn als seinen neuen Mann vor, Aggrey Nyipir Oganda. Der blieb bei ihm. Hugh hatte seiner Frau angekündigt, dass er ein neues Haus im Norden von Kenia für sie gebaut habe.Es kam der Umzug in den Norden von Kenia. Von Anfang an gefiel es seiner Frau dort nicht; er war hellauf begeistert. „Nicht meins. Deins“, dachte sie, als sie erstmals das neue Haus sah. Selene weinte innerlich. Aber Kenia hatte ihr die Fähigkeit verliehen, in jeder Situation die passende Miene aufzusetzen.Später trägt sie wieder ein Kind unterm Bauch und lächelt das Lächeln einer Mutter.Isaiah ging nach Nairobi, um Ajany zu suchen, die auch dort hingegangen war, um die Vergangenheit zu finden. Sie war auf Spurensuche und ging Spuren nach. Dabei traf sie auf Jeremiah Musali, der mit ihrem Bruder Odidi Oganda eine Firma gegründet hatte. Odidi hatte einen nationalen Auftrag für die Instandhaltung der Wasserkraftwerke ergattert. Es ging um sehr viel Geld. Odidi erhielt als Chefingenieur die Anweisung, sich an einer Korruption großen Ausmaßes zu beteiligen. Er lehnte ab, weigerte sich, wurde überstimmt, kaltgestellt und dann ausgeschlossen. Die Firma wurde umbenannt. Es ging abwärts mit Odidi Oganda. Musali sagte der Schwester von Odidi, sie hätten keine Wahl gehabt. Und hätten deswegen das Geld genommen. Sie konnte es kaum fassen: Sie hatte nichts vom Leiden ihres Bruders gewusst. Dies machte sie wie betäubt.Ajany spricht auch mit Justina. Sie war die letzte Frau, mit der Odidi zusammen war vor seinem Tod; sie erwartet ein Kind von ihm.Ajany, die Isaiah auch schon auf der Farm im Norden des Landes getroffen hatte, trifft mit ihm in Nairobi zusammen. Erst schlugen sie sich, dann liebten sie sich.Auch Isaiah ging lauf Spurensuche. Und geriet in Nairobi an den Polizisten Ali Dida Hada, der die Untersuchungen nach Hugh Bolton geleitet hatte, nachdem der vor vierzig Jahren verschwunden war. Der hatte über diese Suche seine Familie verloren. Ali Didi Hada hatte lange Jahre vorher als Polizist im Siboli Nationalpark eine Kontrolle gemacht und Nypir mit fünf angemieteten Tiertransportern vollgepackt mit gestohlenen Rindern erwischt. Dabei befanden sich Dattelkisten und Salzlager mit halbautomatischen Pistolen, Sturmgewehre, Maschinenpistolen, Kalaschnikows u. a. m. Nyipir machte Ali Dida Hada ein Angebot der Beteiligung. Dies konnte der nicht ausschlagen und aufgrund dessen wurde er ein gemachter Mann. Es entwickelte sich ein gute Partnerschaft zwischen den Beiden, in der einer den anderen zwar am liebsten getötet hätte, die aber dennoch tragfähig war für zweifelhafte Geschäfte mit Waffenhandel, von denen beide gut profitierten.In jungen Jahren war Nyipir Oganda, der Vater von Odidi, bei der Mission untergebracht und arbeitete für sie. Für seine Arbeit erhielt er Essen und Trinken und ansonsten Gottes Lohn. Durch Zufall lernt er Warut, den Totengräber, kennen; mit ihm begrub er Leichen, sie ließen Leichen verschwinden. Es waren viele Leichen, die sie entsorgten. Durch die Lage der Nation, von der sie keine Ahnung hatten, wurden von den Vernehmungseinheiten mehr Tote produziert, als ein Mann allein im Schutze der Nacht unter die Erde bringen konnte. Es waren auch Tote dabei mit abgeschlagenen Einzelteilen.Nypir baute sich in Leben mit dem Handel von Geheimdienstinformationen auf. Der Sudan, Somalia, Äthiopien, Eritrea und Uganda bezahlten ihn für sein Wissen. Er bildete bunt durcheinandergewürfelte Einsatztruppen aus, verkaufte geheime Fluchtwege über die nördliche Grenze und nutzte den Geldsegen, um sein erstes Waffenset zu kaufen, das er an der Grenze mit einem Aufschlag von 2.500 Prozent verkaufte, um sich weitere Waffen zu besorgen. Er sanierte sich mit Waffenhandel über Länder und Grenzen hinweg. Dazu stieg er auch in Viehdiebstahl ein. Der Rubel rollte.Später kam Nyipir zu dem an einem geheimen Ort gelegenen Althui-River-Stützpunkt und wurde dort eingesetzt. Dorthin kam ein neuer Officer mit Namen Hugh Bolton. Später wird erzählt, warum Hugh Bolton vor langen Jahren verschwand.Nyipir hatte sein Kenia am 5. Juli 1969 in Nairobi verloren. Dies war der Tag, als Tom Mboya bei einem Attentat getötet wurde. Dieser Tod spaltete das Land. Der Täter wurde gehängt, bevor nach den Hintermännern gefragt wurde. Nach Mboya starb in Kenia alles, was sterben konnte. Es begann ein schleichender Bürgerkrieg. Ein Mann der Regierung wusch Petrischalen mit vibrio cholerae im Stausee der Trinkwasserversorgung für Nairobi. Tage später war das Land mit Cholera verseucht. Nach Mboya waren die offiziellen Landessprachen Englisch, Swahili und Schweigen. Namen verschwanden ganz einfach. Jeder, der verschwundene Namen erwähnte, war ein Feind des Landes Kenia. Doch die Erinnerungen blieben.Nyipir wurde aus dem Polizeidienst entlassen. Drei Tage danach wurde er auf grausame Weise von den Häschern der Regierung gefoltert. Er überlebte.Zum Schluss begegnet Ali Didi Hada der Akai-ma Lokorijom. Die Vergangenheit wird gegenwärtig.Dann beginnt die Abkreisewelle. Alle verließen den Ort Wuoth Ogik. Sie strebten in verschiedene Richtungen. Das Haus brannte ab. Früher gab es einmal einen Ort Wuoth Ogik.Was die Korruption angeht, so unterscheidet sich Deutschland inzwischen nicht mehr viel von afrikanischen Staaten. Auch hier ist Lug und Trug an der Tagesordnung. Der Werte eines guten deutschen Kaufmanns, wie wir sie noch in Schule und Ausbildung gelehrt bekommen haben, gibt es nicht mehr; deutsche Wertarbeit ist passé; große ehemals deutsche Firmen befinden sich oftmals in ausländischer Hand. Sie werden beherrscht von Investoren, die sich einzig und allein um die größtmögliche Vermehrjung ihres Geldes kümmern. Alles andere interessiert sie nicht. Man braucht sich nur die Affären und den Schadstoff-Ausstoß bei VW, die Vorkommnisse beim adac und die zwischenzeitlich bekannt gewordenen weltweiten Verstrickungen deutscher Firmen in Bestechungsskandale ansehen; dann wird man sich über den Umfang von Korruption und Bestechlichkeit auch in Deutschland klar. All dies sind die Kollateralschäden einer immer gieriger werdenden Globalisierung und Gleichmacherei aller Staaten unter US-amerikanischer Führung. Nur mit politischen Morden haben wir es gottlob (noch) nicht zu tun. Insofern ist dies auch ein gutes Buch, weil es zum Vergleich anregt und nachdenklich macht über die weltweiten Probleme unserer Zeit.In sprachmächtigen Bildern schildert die Autorin die Familie und geht auf das Land Kenia ein. Das Buch ist schwer zu lesen und fordert bei der Lektüre äußerste Konzentration. Es ist keine Lektüre zum Zeitvertreib. Ein Anhang über die Geschichte und die gesellschaftlichen Strömungen in Kenia wäre hilfreich gewesen zum Verständnis des Buches.Insgesamt kann der Rezensent die überaus positiven internationalen Kritiken über dieses Buch nicht nachvollziehen. Was sollen Sätze wie „Alle Aufbrüche sind vielschichtig. Ihrer war begleitet von den Fingern des Schweigens auf den Lippen von mindestens neunzig Geistern.“(S. 72) oder “Er brauchte eine Pause von seiner Besessenheit von den Frontlinien und Übergangszonen schrecklicher Verluste.“(S. 113)? Das Buch erscheint sprunghaft und oftmals ungeordnet. Die Handlungsstränge springen durcheinander. Wegen der sprachmächtigen Bilder ist es jedoch lesenswert. Allerdings vermag ich bei der Bewertung des Buches nur vier Punkte zu vergeben. Das Buch ist nicht so gut, wie es von den Kritikern hochzujubeln versucht wird.Abschließende Bemerkung am Rande: Auch bei der Lektüre dieses Buches wird klar, wie unsinnig die Forderung der derzeitigen Flüchtlingsbejubler in Deutschland ist, man solle die Umstände in den Ländern verbessern, die von Armut und Krieg betroffen sind. Dies geschieht nach dem Motto: „An deutschem Wesen soll die Welt genesen“. Es wird deutlich, dass die Umstände nicht von außen geändert werden können, sondern dass sie eine lange Folge von gesellschaftlichen (Fehl)-Entwicklungen sind, deren Änderung nur mithilfe von engagierten Bevölkerungen der betroffenen Länder möglich wäre, die an der Verbesserung der gesellschaftlichen Umstände ihrer jeweiligen Länder interessiert sind und dafür kämpfen. Dazu bedarf es eines sehr langen Atems. Alles andere ist Dummschwätzerei im weit entfernten Wolkenkuckucksheim.