Dr. Hagencord widmet sich in seinem zunächst unscheinbar - dünn anmutenden Büchlein einer äußerst tiefgreifenden und für das existenzielle Selbstverständnis des Menschen weitreichenden Thematik. Die Beziehung von Gott und Mensch, Mensch und Tier, Tier und Gott - die Interpretation und Wahrnehmung der Schöpfung insgesamt, wird hier in einem interdisziplinären Zugang wissenschaftlich fundiert und anspruchsvoll aufbereitet. Zur Diskussion steht eine konventionelle biblische Anthropologie, die im Lichte moderner verhaltensbiologischer Erkenntnisse aus dem Tierreich in ein neues Licht gerückt wird. Große Denker - Theologen, Philosophen, Naturwissenschaftler - sie alle kommen bei Dr. Hagencord zu Wort, leisten ihren Beitrag für eine ganzheitlichere Sicht auf die hoch komplexe und kaum erschöpfend ergründbare Fragestellung nach dem Sein allen Lebens, der Frage nach der Stellung des Menschen in der Schöpfung, die Frage nach Gott und auch den Tieren. Tierschutz und Religion - sie sind kein Gegensatzpaar, schließen sich nicht aus, so das Fazit des aufmerksamen Lesers am Ende des Büchleins - sie dürfen einander nicht ausschließen, legt man ein Gottesverständnis zugrunde, was sich aus unseren Erkenntnisfortschritten legitimiert und vor dem Hintergrund der (teils problematischen) Entwicklungen unserer Zeit dringend angeraten ist. Die Arbeiten von Dr. Hagencord und seinem Team am Institut für theologische Zoologie in Münster verhelfen nicht nur der Kirche zu mehr Fortschritt durch kritische Auseinandersetzung mit konventionellen Lehren und tradierten Glaubensmustern. Sie bringen auch den täglichen Umgang mit unseren Mitgeschöpfen in einen breiteren, existentielleren Kontext, der uns zum Nachdenken und Handeln ermahnen sollte. Insofern bin ich Herrn Dr. Hagencord und seinem Team dankbar für ihre wichtige Arbeit und spreche gerne meine Empfehlung für das vorliegende Büchlein aus.
Eingangs sei bemerkt, wie schwierig es ist, als "Gefühlsmensch" auf dieses Buch zu reagieren, vielleicht auch deswegen, weil die Erwartungshaltung eine andere war. "Gott und Tiere" wurde auf wissenschaftlicher Ebene verfasst, der Inhalt des Buches ist gespickt mit verschiedenen Fachbegriffen, Formulierungen und gelehrten Redewendungen, bei denen stellenweise das Verständnis für den Lesestoff versagt. Das liegt nicht am Verfasser dieses Buches, sondern am Leser (ich gemeint), der mit dieser Materie nicht so vertraut ist. Der Buchautor hat sich mit hohem Wissensstand auf verschiedenen ineinandergreifenden Gebieten mit dem Leitthema Gott und die Tiere befasst. Es werden Bezüge zur klassischen und philosophischen Literatur hergestellt, biblische Quellentexte und Zitate und insgesamt das Verhältnis Gott, Mensch und Tier untersucht und diesem Werk zugrunde gelegt.Immerhin ist bemerkenswert, dass anfänglich auf die zu verändernden Haltungsbedingungen der Tiere aufmerksam gemacht wird, die auch der Würde der Tiere gerecht werden; nach Ansicht des Autors muss ihre Würde Grundlage sein. Im Zuge fundierter Kenntnisse wird gewahr, wie menschliches Bewusstsein und Egoismus einen klaffenden Abstand zwischen Mensch und Tier schaffte, welches über viele Jahrhunderte für das schändliche Verhalten Tieren gegenüber verantwortlich zeichnen muss.Moral, Ethik, Soziologie, überhaupt der gesamte Verhaltenskodex von Mensch und Tier werden auf den Prüfstand gestellt. Gefühl und Emotion der Tiere werden auf ein bestimmtes Verhalten zurück geführt. Interessant ist auch, dass Gefühle, Reaktionen, auch Freude mit einer Erwartungshaltung in Verbindung gebracht werden. Welche Bedingungen zur Entstehung von Bewusstsein führen und wie Bewusstseinszustände an erlebende Wesen gebunden sind.Es wird den Tieren bestätigt, dass sie unter gewissen Voraussetzungen zu Denkleistungen fähig sind, über emotionale Intelligenz verfügen, eine Seele hingegen wird ihnen nicht unbedingt bescheinigt, es geht hier ja doch durchwegs um eine wissenschaftliche Abhandlung. Man erfährt hier weiters über biologische, soziologische Zusammenhänge, wie evolutionsgeschichtliche Mechanismen und Reaktionen entstehen. Eine Palette über die Leistungen von Tieren u.a. durch Beobachtungen ist aufschlussreich, auch gegenseitige Hilfestellungen unter Tieren sind bekannt.Im Endteil kommt der theologische Part zu Wort und die Psychologie, wobei die Sonderstellung des Menschen in Frage gestellt wird und die Nähe der Tiere zum Menschen unübersehbar ist. Der Gottbezug nach Cusanus richtet sich auf alle Geschöpfe, welche liebevoll angesehen werden, hingegen nach der Lehre des Kopernikus Gott mit jedem Lebewesen eins ist.Endlich spricht es auch mal jemand an, dass sich die christliche Theologie mit der Tierwelt nicht befasst, sie kommt dort nur sehr sporadisch vor. Eine Begegnung mit Franz von Assisi habe ich nicht gefunden.Dieses Buch spricht für sich, der Inhalt ist sehr komplex und gut strukturiert, basierend auf den fundierten Kenntnisse des Herrn Hagencord.Ein Irrtum zu glauben, alles wäre umso leichter, je mehr man weiß, nichts desto trotz muss man beim Lesen sehr gut aufpassen, um mithalten zu können. Dem unvorbereiteten Leser würde ich dieses anspruchsvolle Buch nicht empfehlen, alle anderen, die mit der Materie vertraut sind, können auf weitere Erfahrungswerte stoßen.
Dem Autor gelingt es leider nicht, seinem Buch eine inhaltliche und erzählerische Stringenz zu geben. Statt eines roten Fadens gibt es überwiegend wirre Aneinanderreihungen biblischer Allgemeinheiten, Zitate und Thesen, die als Argumentation und Erklärungsversuch für die eigentliche Thematik dienen sollen, ohne einen unmittelbaren und relevanten Bezug zu dieser erkennen zu lassen. So verkommt der versuchte Perspektivenwechsel auf die biblisch beschriebene Dreiecksbeziehung Gott-Tier-Mensch schnell zu einem ungewollten Puzzlespiel, das dem Leser das Zusammenlegen von Teilen unterschiedlicher Motive aufzwingt und ihn ohne weitere Erkenntnis zurücklässt.