Ina freundet sich mit Gertrude an, die neu in ihrer Klasse ist. Doch Gertrudes Familie hat einen Ausreiseantrag gestellt, Inas Freundschaft mit einer Staatsfeindin ist nicht erwünscht. Doch Ina lässt sich diese Freundschaft nicht verbieten, auch wenn ihr das viel Ärger einbringt. Sie lernt eine Familie mit völlig anderer Lebensweise kennen und erfährt viel darüber, wie in ihrem Land, der DDR, mit Menschen umgegangen wird, die eine andere Meinung haben.Ina ist ein toller Charakter. Aufmüpfig, mutig, eine wunderbare Freundin, wie sie sich jeder wünschen würde. Für sie ist der Gedanke, dass ihre Freundschaft jederzeit enden kann, sobald Gertrudes Familie ausreisen darf, schrecklich. Sie will Gertrude behalten. Andererseits gönnt sie es der Familie aber auch, auszureisen. Dann kann Gertrude ihren geliebten Onkel wiedersehen, ihr Vater veröffentlichen, ihre Geschwister studieren, die Familie kann leben, wie es ihr gefällt. Das ist ein großer Konflikt für Ina."Bei einem Abschied ist alles anders. Es ist ein Ende. So sauer und enttäuscht ich bin, das Schlimmste ist doch, dass Gertrude geht. Und dass sie gar nichts dafür kann. Sicher, ihre Familie reist freiwillig aus, aber es handelt sich ja auch um eine Flucht, und jemand, der flüchtet, geht nicht wirklich freiwillig. Denn er kann da, wo er eigentlich sein sollte, nicht bleiben, weil er dort nicht leben kann, wie es am besten für ihn ist."Gertrude fällt auf. Auf den ersten Blick, weil sie Westklamotten trägt. Auf den zweiten Blick, weil sie eine ganz andere Sozialisation erfahren hat. Ihre Familie ist in der Kirche, sie gehört nicht zu den Pionieren, sie kennt wundervolle Gedichte, sie hat viele Geschwister, vor allem hat sie aber schon erleben müssen, wie es ist, schikaniert zu werden. Sie musste die Schule wechseln, aber auch die neue Lehrerin lässt sie spüren, dass sie nicht dazugehört. Gertrude hat gelernt, dass es besser ist, nicht aufzufallen. Deswegen ist sie ein stilles Mädchen, das aber in Inas Gesellschaft auflebt.Zum einen ist dies die Geschichte einer ganz besonderen Freundschaft. Zwei Mädchen gehen füreinander durch dick und dünn. Zum anderen ist es aber eine Geschichte über die DDR. Die jungen Leserinnen und Leser kennen die DDR nur noch vom Hörensagen. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie es war, in diesem Land zu leben. Die Sechstklässlerinnen Ina und Gertrud sind ganz normale Schülerinnen wie sie auch. Aber dennoch unterliegen beide vielen Einschränkungen. Ina geht zu den Pioniernachmittagen, obwohl sie sie langweilig findet. Als sie denkt, Gertrude zu helfen, wenn diese sich „ins Kollektiv eingliedert“, sammelt sie mit ihr Altpapier, bis ihre tolle Leistung auf der Wandzeitung eingetragen wird. Um Gertrude zu verteidigen, bringt sie all die Parolen und Sprüche vor, mit denen sie aufgewachsen ist. Durch die Reaktionen der Erwachsenen lernt sie viel Neues über ihr Land, was für sie bisher nicht wichtig war. Inas Erlebnisse und Berichte lassen ein Bild vom Leben in der DDR entstehen, das heutigen Kindern verständlich macht, wie es gewesen sein muss, dort aufzuwachsen und wie viel freier ihr Leben doch ist.Natürlich kommen einige Begriffe vor, die den Kindern nicht geläufig sind. Sie erklären sich selbst durch die Handlung oder werden ganz nebenbei von einem der Handelnden erklärt. Pioniernachmittage, Timur und sein Trupp, Wandzeitung, Konsum, aber auch Stasi oder Ausreiseantrag. Zusätzlich gibt es aber am Schluss noch ein Glossar, in dem solche Begriffe noch einmal nachgeschlagen werden können.Die Geschichte ist aus Inas Sicht geschrieben. Der Schreibstil ist flott, mit viel wörtlicher Rede, aber auch Erklärungen aus Inas kindlicher Perspektive. Das lässt sich sehr gut lesen. Die Erlebnisse der Mädchen sind sehr fesselnd erzählt. Das ist ein wunderbares Kinderbuch, das ein schwieriges Thema auf fesselnde Weise verständlich macht.Fazit: Die Geschichte einer Freundschaft in der DDR, in der fesselnd, authentisch und für Kinder gut verständlich gezeigt wird, was es bedeutete, in der DDR aufzuwachsen. Eine absolute Leseempfehlung für Kinder von 10 bis 12 Jahren.
Die erste Hälfte des Romans las sich gut und stellt den Alltag der DDR ebenfalls noch passend da.Leider findet die Geschichte dann nicht mehr zu einer lesenswerten Handlung. Zum einen ist da die Freundschaft, die teilweise so obsessiv beschrieben wird, dass ich mich schon fragte, ob hier nicht doch eher eine Art erste Liebe dargestellt wird. Zum anderen ist das Ende ein klebriger Kitsch, der einem die letzte Lust an dem Buch raubt.Des Weiteren finde ich es extrem ärgerlich, dass die Autorin geflissentlich über Anachronismen hinweggesehen hat. Da wäre einerseits, dass es sich holprig las, als von "Arbeiterinnen und Arbeitern" die Rede war und später von "Jede/r", also gendergerechte Formulierungen verwendet werden, die wohl aus der heutigen Sicht entspringen. Zum anderen die Peinlichkeit des ständigen Zitierens des Werks von Gertrude Stein, das da irgendwie reingearbeitet wurde (und das recht lästig), um im Glossar einzugestehen, dass dieses Werk erst 1994 überhaupt ins Deutsche übersetzt wurde. Aber auch hier galt wohl, dass es sich gut macht, wenn man Bezug auf eine homosexuelle Freidenkerin nehmen kann.Erst nachdem ich mich an diesen Sachen störte, informierte ich mich im Klappentext über die Autorin und erfuhr, dass sie Mitarbeiterin von MDR Kultur ist, also im ÖR arbeitet. Das dürfte dann wohl der Bonus gewesen sein, weshalb das Buch mit dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis 2019 ausgezeichnet wurde.Sicherlich macht es die damalige Situation bewusst und diese Aufklärung ist auch nötig. In der Umsetzung ist es aber eben nur halb gelungen.Dem Anspruch angemessen, jungen Menschen diese Zeit nahe zu bringen, gibt es ein erklärendes Nachwort und ein Glossar. Wenn nach dem eigentlichen Roman dann nicht einfach zugeschlagen wird, ist dieser Abschluss eine gute Sache.