"Ich war kein Held, sagte Nicky. Ich war nicht in Gefahr wie echte Helden. Ich habe nur gesehen, was getan werden muss." 669 Kinder hätten nicht überlebt, wenn Nicholas Winton nicht nach Prag gefahren wäre, um sie zu retten..."Nicky & Vera - Ein stiller Held des Holocaust und die Kinder, die er rettete" erzählt die berührende Geschichte von Nicholas Winton und Vera Gissing, einem der geretteten Mädchen, im Bilderbuchformat für Kinder ab 5 Jahren.Der Künstler Peter Sis, der selbst in Prag aufwuchs, hat damit ein ganz besonderes Buch geschaffen. Seine Illustrationen bestehen aus tausenden von Punkten und Strichen. Doch wie erzählt man Kindern vom Holocaust?Peter Sis erzählt zunächst von der Kindheit und aus dem Leben Wintons. Dabei ergänzen sich die kurzen Sätze und knappen Textteile mit den doppelseitigen Bildern und halten sich gut die Waage. Die Bilder, farblich eher zurückhaltend, sind auf das wesentliche reduziert, zeigen häufig Landkarten in der Draufsicht. Sie wirken zum Teil wie Wimmelbilder: obwohl sehr übersichtlich gestaltet, kann man beim mehrmaligen ansehen viele Details erkennen. Diese laden ein, entdeckt und benannt/erklärt zu werden.Dann erzählt Sis von Vera, dem zehnjährigen, jüdischen Mädchen aus der Nähe von Prag, das Katzen über alles liebt. Es ist eine glückliche Kindheit. Im Oktober 1938 marschiert die deutsche Armee in die Grenzregion der Tschechoslowakei ein. Die Menschen hatten Angst und flohen. Die Geschichten von Nicky und Vera verbinden sich zu einer. Veras Mutter hört von einem Engländer, der Kindern bei der Flucht aus Prag half, um den Deutschen zu entkommen. Nicholas Winton sagt einen Skiurlaub ab, fährt nach Prag und organisiert unter Zeitdruck alles nötige, selbst in Gefahr, entdeckt zu werden.Am Ende verließen acht Züge im Frühjahr und Sommer 1939 Prag. Der 9. Zug mit 250 Kindern fuhr niemals ab, denn die Grenzen wurden geschlossen. Es wird davon ausgegangen, dass lediglich zwei Kinder dieses Zuges den Krieg überlebt haben.Vera, die in einem der Winton-Züge nach London fährt, wird ihre Eltern nie wieder sehen. Jeden Tag schreibt sie Tagebuch. Nicholas Winton erzählt nach dem Krieg niemandem von den 669 Kindern. Nicht mal seiner Frau. Diese findet 50 Jahre später auf dem Dachboden die alten Unterlagen der Evakuierungen. Nicky wird in eine Fernsehsendung eingeladen. Ob er alte Freunde treffen wolle? Als der Moderator fragt, ob jemand im Publikum sei, der Winton sein Leben verdanke, stehen alle auf, auch Vera. Ein sehr emotionaler Moment.Der Gerstenberg Verlag hat dem stillen Helden Nicholas Winton mit dem Buch von Peter Sis ein Denkmal der besonderen Art gesetzt. Sowohl die Geschichte, ihre künstlerische Gestaltung und Umsetzung, als auch die Zielgruppe sind besonders. "Winton war ein Mann, der sah, dass etwas schief lief, und etwas tat, um es zu korrigieren, aber nie für sich in Anspruch nahm, ein Held zu sein." sagt Peter Sis. Peter Sis wiederum vermag die Geschichte von Nicky und Vera so anschaulich und lebendig durch seinen besonderen Zeichenstil, der durch eine poetische Ausdrucksstärke gekennzeichnet ist, zu erzählen. Besonders zu Herzen geht mir die Illustration der kleinen Vera, wie sie in London aus dem Zug steigt. Mit sich und in sich trägt sie ihre Geschichte, Kindheit, Heimat und Familie. Schaut bitte mal in der Galerie.Mich hat das Buch dazu angeregt, mich intensiver mit dieser Geschichte zu beschäftigen. Am Ende des Buches gibt es sehr interessante Hintergrundinformationen zu Peter Sis, Nicholas Winton und Vera Gissing. Über die Homepage des Verlages gelangt man zu einer Sendung über den Künstler und sein Buch. Sehr empfehlenswert. Darin kommt auch eine Holocaust-Überlebende zu Wort, die sagt, dass auch Kinder schon in der Lage sind, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Der Verlag sagt dazu folgendes: "Wie es ist, wenn man sein Zuhause verlassen muss, das können schon kleine Kinder verstehen. Und auch, dass da ein Mensch ist, der es als seine Aufgabe begreift, anderen zu helfen und nicht wegzusehen."Wie spricht man mit Kindern über den Holocaust?Das Buch jedenfalls ist für mich eine Möglichkeit, ein Weg, um mit Kindern darüber zu sprechen. In meinen Augen ist das Buch sehr lesens- und empfehlenswert.
Nicky war ein junger Mann, wie viele andere auch. Er hatte Hobbies, war ein bekannter Fechter und er sorgte sich über die Entwicklungen in Nazi-Deutschland Ende der 1930er-Jahre. Was dann passiert, kann nicht genau erklärt werden – aber es passiert. Nicky wird von einem Freund nach Prag gerufen, wohin er reist und beginnt, Flüchtlingszüge für jüdische Kinder aus der Tschechoslowakei nach London zu organisieren. Auf diesem Wege kommen 669 Kinder in 9 Zügen nach London. Ein zehnter Zug am 1. September 1939 kann nicht mehr fahren, fast alle Kinder in diesem Zug werden dem Nazi-Terror zum Opfer fallen.Nicholas Winton lebte nach dem Krieg in Frieden, seine Geschichte erzählte er nicht. Erst Jahre später konnte seine Frau anhand von Unterlagen rekonstruieren, was da 1938/39 geschehen war. Sie setze sich dafür ein, dass Nicholas die Ehre zuteil wurde, die seine mutige Aktion verdiente und seitdem ist seine Geschichte ein Sinnbild dafür, wie die Hilfe von Menschen für Menschen sein kann.Peter Sis erzählt die Geschichte wieder einmal neu. Er berichtet in knappen Texten die Lebensgeschichte von Nicholas Winton. Er berichtet von dem interessierten Jungen, der es gut hat, und er berichtet, wie er beginnt, die spektakuläre Rettung zu planen. Er berichtet vom stillen Leben danach, und wie die Geschichte dann doch noch in die Welt kam. Parallel wird die Geschichte von Vera Gissing erzählt, einem der Winton-Kinder. Sie wuchs in der Tschechoslowakei auf und wurde mit einem der Züge nach England gebracht, wo sie – anders als ihre Familie – den Krieg überlebte.Die kurzen Texte, eine Geschichte unendlicher Tragweite in wenige Sätze verdichtet, werden integriert in die flächenhaften Panoramabilder, die Peter Sis‘ Stil auszeichnen. Die fein konturierten Tuschezeichnungen mit zarter Wasserfarbenkolorierung zeigen in schematisch vereinfachten Formen die Handlungselemente, die wenig räumlich konkret miteinander in Schemenformen kombiniert werden. Die Bilder sind symbolisch aufgeladen und zeigen eine starke Tiefe, deuten an und verweisen auf andere Bilder. So entstehen hochkomplexe Bildwelten, die anspruchsvoll zu entschlüsseln sind.Sehr zu empfehlen!Weitere Rezensionen auf ajum.de