Dörte Hansens „Mittagsstunde“ (erschienen 2018) ist ein Buch vom Verschwinden. Haargenau und doch in lakonischem Duktus beschreibt sie, wie sich das (fiktive) Heimatdorf des Prähistorikers Ingwer Feddersen in der norddeutschen Geest samt seinen Bewohnern in den 47 Jahren seines Lebens verändert hat, erzählt die Geschichte seiner Familie sowie von der Wandlung, dem Reifeprozess in ihm selbst.Die ebenso knappe und karge wie metaphorische und fließende Sprache (teils in Plattdeutsch) passt dabei zu dieser rauen Gegend und den von ihr geschliffenen unaufgeregten und geduldigen Menschen.Ich finde, dass dieses Buch sowohl thematisch als auch sprachlich eine Ähnlichkeit mit Robert Seethalers „Ein ganzes Leben“ aus dem Jahr 2014 aufweist, denn beide handeln vom einfachen, geordneten, übersichtlichen Leben vergangener Tage und sind in konzisem Ton verfasst. „Mittagsstunde“ fehlt zwar die - auf lediglich 150 Seiten - komprimierte Wucht, die Seethaler entfaltet, da es mit 320 Seiten viel ausführlicher ist. Dafür setzt es auf feine, atmosphärische Verschiebungen bezogen auf die Landschaft, das Dorfleben und die Menschen, deren Erinnerungen, Gefühle, auf Geräusche, Düfte, Stimmungen und lässt so in der Leser-/ Hörerschaft Assoziationen und Spiegelungen vor dem inneren Auge entstehen.Resümee: In melancholischem Grundton, mit viel Empathie, gespickt mit gut dosiertem, feinsinnigem Humor erfahren wir von kleinen und großen Katastrophen und tragischen Schicksalen aus dem beschaulichen Brinkebüll. Ich war gern dab(e)i.