Seinen Namen kennt jedes Schulkind hierzulande. Zitate seiner Werke avancierten zu „Geflügelten Worten“ – obwohl die Wenigsten, schmücken sie sich mit diesen Wendungen, wollen sie Eindruck schinden, wohl genauer wissen, wer sie schrieb und in welchem Zusammenhang sie stehen. Mehr als 2.000 Straßen wurden in Deutschland nach dem Dichter benannt, über 20 Denkmäler sind ihm gewidmet und sogar 3 Schillertürme ragen in den Himmel seiner Heimat. In Dessau verglich man die Bedeutungen Bismarcks und Schillers, entschied sich dann nach gründlicher Überlegung, dem Politiker Bismarck seinen Turm abzusprechen und ihn neu zu benennen nach Schiller.In seinem Geburtsort Marbach wurde 1903 das Schiller-Nationalmuseum eröffnet, knapp 2.500 Mitglieder zählt die Marbacher Schillergesellschaft von 1895, hinzu kommen die Mitglieder der Tochtervereine wie in Weimar-Jena und anderenorts. Die seit 1558 bestehende Jenaer Universität „Salana“ trägt seit 1934 seinen Namen. Und weil er den eidgenössischen Nationalmythos „Wilhelm Tell“ auf die Bühne brachte, schippert seit 1906 ein Schaufelraddampfer namens „Schiller“ über den Vierwaldstätter See der Schweiz.Offenbar ist Schillers Name in aller Munde, nicht nur akustisch, sondern auch als Fisch oder in Gebäck-Form und wird im Schwäbischen gern als „Schiller-Wein“ oder Rotling genossen: gekeltert aus einem Gemisch weißer und roter Trauben, angeblich aber wegen seiner schillernden Farbe so genannt. Allein, um wen handelt es sich bei dem beliebten Namensgeber und warum ist er so bekannt? Und: Was hat dieser Klassiker uns heute noch zu sagen? Die oben genannten „Zahlen & Fakten“ (S. 8 – 11) listen Dagmar Gaßdorf und Bertold Heizmann auf in ihrem soeben nach der gemeinsamen Goethe-Biografie (vorgestellt im Newsletter 5/ 2020, S. 19 – 21) erschienenen Band „Schiller – Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten“. Was flapsig klingt, hat einen recht ernsthaften Anspruch. Beide sind dank zahlreicher Publikationen ausgewiesene Philologen und wollen das auf zahlreiche Denkmalssockel entrückte Klassiker-Freundespaar heutigen Lesern nahebringen und sie zur Lektüre ihrer Texte anregen.Da in der modernen Medienwelt ein gutsortierter Bücherschrank nicht mehr überall vorausgesetzt werden kann, Lese-Gewohnheiten sich änderten, getweetete Kürzest-Texte in Mode gekommen sind und auch bei Politikern nicht als Anzeichen von Analphabetismus gelten, sondern sogar als Staatskunst gewertet werden, haben die beiden Autoren diese Form gewählt, um kulturelle Werte zu vermitteln. Leicht lesbar sollen diese Informations-Häppchen Interesse an vertiefter Auseinandersetzung mit Schiller wecken, im besten Fall: süchtig machen. In ihren 52 zumeist recht kurzen und üppig illustrierten Kapiteln (1 bis 4 Seiten lang) mischen sie kurze und prägnante Sachinformationen wie die oben aufgeführten Fakten oder allgemeine Erläuterungen über „Schiller und seine Zeit“ (S. 6 – 7) mit biografischen Kapiteln „Eliteschule für Prügelknaben“ (S. 17 – 17) oder „Beym Beischlaf gebraust“ (S. 26 – 27) und „Kein Mann zum Heiraten“ (S. 48 – 49) oder „Brüder im Geiste“ – über das freundschaftliche Arbeitsbündnis mit Goethe (S. 44 – 47).Natürlich sind einzelne Abschnitte Teilen des Werks gewidmet wie „Die ‚Glocke‘: Was für ein Kitsch!“ (S. 52 – 53) oder „Shitstorm mit ‚Xenien‘“ (S. 59 – 61) – wobei die einzelnen Überschriften bereits belegen, dass Dagmar Gaßdorf und Bertold Heizmann ganz eindeutig Schiller durchaus mit Respekt und vor allem aber Sympathie begegnen, ihn sprachlich modisch verkaufen und mit Formulierungen präsentieren, die an ein unvoreingenommenes, jugendliches Publikum gerichtet sind, das vor Klassikern nicht gleich in Ehrfurcht erstarrt. Der Band soll informativ, leicht lesbar sein und verzichtet auf Fußnoten oder Anmerkungen sowie ein Literaturverzeichnis.Schiller erscheint hier als ein aktuell relevanter, moderner Autor, der sich gegen die Unterdrückung des klerikal-feudalen Regimes seines Herzogs von „Gottes Gnaden“ und dessen Schreibverbot zu wehren weiß, indem er aus Schwaben flieht. Als warnendes Beispiel hat er die willkürliche Festungshaft des Kollegen Christian Friedrich Daniel Schubart vor Augen und die menschenverachtenden Verhältnisse seiner „Eliteschule“ selbst erduldet: „Horror in lieblicher Landschaft: die ‚Hohe Karlsschule‘ hinter dem Neuen Schloss in Ludwigsburg.“ Dort „kann es passieren, dass der Herzog plötzlich des Nachts im Schlafsaal steht. Das mittägliche Kommando zum Essen fassen, immer sechs Schüler aus einer Schüssel, gibt er höchstpersönlich – auf Französisch: Dinez, messieurs!“ (S. 17)Warum er seine „Räuber“ unter das Motto „In tyrannos“ stellt, weiß er angesichts der Leibeigenschaft und des Verkaufs von Landeskindern als Soldaten sehr genau. Modern ist Schiller auch, wenn er sich Gedanken über die „Schaubühne als eine moralische Anstalt“ macht und reflektiert, was die Aufgaben der Kunst sind und wie sie wirken kann. Oder, wenn er über „Gedankenfreiheit“ räsoniert. Stolz war Schiller, Ehrenbürger des revolutionären Frankreich zu sein, verabscheute allerdings die Terrorherrschaft der Jakobiner, Danton hatte seine Einbürgerungs-Urkunde unterzeichnet. Aufgrund seiner politischen Standhaftigkeit hatten die Nazis ein gespaltenes Verhältnis zu ihm. Imponierte zunächst Wilhelm Tell als vermeintlich germanische Führerpersönlichkeit, so missfiel ihnen natürlich seine Haltung dem Tyrannen Gessler gegenüber. Deshalb wurde das Stück am 3. Juni 1941 auf Anweisung Hitlers zur Aufführung und für den Schulunterricht verboten.Zeit seines kurzen Lebens war Schiller in „Geldnot“ und deshalb trotz eigener Skrupel versucht, „Kohle mit Krimis“ (S. 70) zu machen, wie Dagmar Gaßdorf und Bertold Heizmann salopp formulieren. Offenbar bewertete er einen Romancier nicht als ebenbürtig, sondern eher als „Halbbruder des Dichters“ (S. 70). So blieben Texte wie „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“ oder „Der Geisterseher“ eher Ausnahmen in seinem Werk, die allerdings in ihrer psychologischen und sozialen Dimension über das Niveau reiner Unterhaltungsliteratur weit hinausgehen. Dennoch haderte Schiller wegen dieser Arbeiten mit sich: „Welcher Dämon hat mir den verfluchten Geisterseher eingegeben?“ fragte er 1788 brieflich seinen Freund Körner (S. 71), während der Roman als Fragment in mehreren Fortsetzungen zwischen 1787 und 1789 in der Zeitschrift Thalia erschien. Ob es wirklich Schiller war, der dabei „so ganz nebenbei die Tradition der später so beliebten Fortsetzungsromane“ begründete (S. 71), mag man bezweifeln, immerhin erschienen Wielands „Abderiten“ bereits 1774 –1780 in Fortsetzungen.Details dieser Art bleiben bei einer holzschnittartigen und pointierten Annäherung an einen Dichter leicht auf der Strecke, allerdings darf man bei einem Gesamtumfang von 104 Seiten auch keine enzyklopädisch umfassende und breite Darstellung erwarten. Ihr Reiz und Wert liegen stattdessen eher darin, dass Dagmar Gaßdorf und Bertold Heizmann hier in vielen Facetten überzeugend belegen, warum es sich lohnt, einen scheinbar in Ehren ergrauten Klassiker wieder einmal zur Hand zu nehmen. Mit ihrer flotten Präsentation blasen sie – um im Bild zu bleiben – den Staub vom Goldschnitt edler Prachtausgaben und dokumentieren, dass es spannend sein kann, nachzuvollziehen, wie produktiv und kritisch Schiller die Missverhältnisse seiner Zeit attackierte. Und, dass er offenbar lange nach seinem Tod auch von späteren Despoten noch als Bedrohung wahrgenommen wurde, beweist das Wilhelm Tell-Verbot von 1941 – besser lassen sich Wert und Aktualität des unerschrockenen Widerstands „gegen Tyrannen“ nicht belegen.Dagmar Gaßdorf & Bertold Heizmann:Schiller.Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten.Essen, Klartext Verlag 2021104 S.ISBN: 978-3-8375-2327-0Preis: 14,95 €
Friedrich Schiller - einer der beiden Dichterfürsten - wird in einem weiteren Büchlein aus dem Klartextverlag in der Reihe "... populäre Irrtümer und andere Wahrheiten" thematisiert.Dieses Buch liest sich vom Anfang bis zum Ende kurzweilig spannend und ist extrem informativ - in Wort und Bild ...Die Gliederung könnte besser nicht gewählt sein. Schiller und seine Zeit werden einleitend vorgestellt, weiter geht es mit Zahlen und Fakten und dann folgen die Kapitel, die allesamt geniale Titel haben, die schon darauf hinweisen, um was es im Kapitel geht. Es folgt das obligatorische Quiz am Ende, mit dem man sein im Buch erworbenes Wissen testen kann. Schillernde Zitate komplettieren dieses Büchlein zu Schiller.Das Thema Schiller wird in diesem Büchlein rundherum komplex und detailliert beschrieben. Hat man es gelesen, bleiben eigentlich keine Fragen mehr offen. Es geht um Schiller als Person, um seine Werke, seine Zeit, Anekdoten aus seinem Leben, um mögliche Nachkommen Schillers (der Nachname ist weit verbreitet in Deutschland ...) - es wurde auch ausschweifend recherchiert und - wie man es aus dieser Reihe kennt - rundherum informiert. Dieses Büchlein ist ein kleiner Schatz, kann man echt so sagen, hier hat man mal alles zwischen zwei Buchdeckeln, was interessant - und nicht nur die allgemeinen Schiller-Infos, die man sowieso überall lesen kann. Hier bekommt man auch Inhalt zu lesen, an den man garnicht im Zusammenhang mit Schiller dacht, der aber umso mehr interessant ist.Extrem gelungen - war sicher jede Menge Recherchearbeit - prima - ich bin begeistert !!!