Als Zwölfjähriger hatte ich im Bücherregal meiner Eltern ein merkwürdiges Buch entdeckt, dessen Titel ich kaum aussprechen konnte:Simplicius Simplicissimus.Die Lektüre verstörte mich. Dort war von einem Krieg die Rede und er manifestierte sich vor allem in Greueltaten, die mir willkürlich vorkamen. Landsknechten wurden Ohren und Nasen abgeschnitten, man vergrub sie bei lebendigem Leib.Was war das für eine Zeit? Und wo hatte all das stattgefunden? Es war das erste Mal, dass ich vom Dreißigjährigen Krieg gehört hatte. Ein Drittel der Bevölkerung wurde in dieser Zeit ermordet oder verhungerte, vor allem dort, wo sich heute Deutschland befindet.Was Menschen anderen Menschen antun konnten, wurde mir durch diese Beschreibungen deutlicher als die sachlichen Informationen, die ich in der Schule über den zweiten Weltkrieg erhielt. Das sollte sich später noch ändern – doch durch dieses Buch begriff ich, dass es schon immer Grausamkeiten gegeben haben musste und sie Jahrzehnte anhalten konnten. Das hat mich erschüttert, als Zwölfjährigen.Sensibles Kerlchen, könnte man sagen.Und dann stelle man sich einen Jungen vor, der zu dieser Zeit gelebt hat, in einem Dorf, das lange von den Kriegswirren verschont geblieben war, bis eines Tages durchreisende Idioten, gekleidet in Samt und Seide, versehen mit verschrobener Bildung und der Überzeugung, es gäbe Hexen und Magie, den Tod in die Gemeinschaft brachten.Dieser Junge in Daniel Kehlmanns Buch ist Tyll Ulenspiegel. In seinem Vater brennt der Geist der Aufklärung. Der Müller, der mehr zufällig zu seinem Beruf gekommen ist, beschäftigt sich mit der Frage, wie die Welt wirklich ist. Es fehlt ihm an Vorwissen und er sucht nach Erklärungen für den Lauf der Gestirne, für die Ursache von Krankheiten, für die wirkliche Natur der Dinge. Mit jeder Frage, die er stellt, macht er sich zunehmend verdächtig in den Augen der Kirche und ihrer selbstgerechten Vertreter, die die alleinige Deutungshoheit beanspruchten – immer durchmischt mit einer gehörigen Portion Aberglauben. Das soll Tylls Vater zum Verhängnis werden und das Leben seines Sohnes für immer prägen.Der historische Till Eulenspiegel (wie er meist heute genannt wird) hat wahrscheinlich zwischen 1300-1350 gelebt, genau weiß das aber niemand.Warum also versetzt ihn Kehlmann in diese Periode, dreihundert Jahre später?Es könnte als Warnung vor der Dummheit gemeint sein.Der Dreißigjährige Krieg war eine Zeit der inneren und äußeren Auflösung. Europa zermalmte sich selbst, war von einer Art gesamtgeistiger Tollwut befallen. Aus Bauernsöhnen wurden Söldner. Anders konnten viele nicht überleben, als in den Krieg zu ziehen – was für ein Widersinn. Die Soldaten wechselten manchmal mehrfach am Tag die Fronten. Der Feind, das waren immer die anderen, und jedem Gerücht wurde geglaubt – auch an magische Amulette, die Kugeln fernhielten, und die Gewissheit der Hölle. Fake News, würde man heute sagen, kursierte in den Heerlagern und hielt die Leute dumm. Und die adeligen Herren verkündeten ständig neue Allianzwechsel und warum man demnächst durch vormals befreundetes Land ziehen und dort die Dörfer ausrauben musste. Niemand wusste mehr irgendetwas, und alle verloren das Vertrauen.Kehlmann lässt Tyll durch diese Zeit geistern, den Mächtigen den Spiegel vorhalten. Doch er ist kein lustiger Narr. Wenn er lacht, verzieht sich das Gesicht des erwachsenen Tylls zu einer zynischen Maske, hinter der sich ein misshandeltes Kind versteckt. Denn Tylls Vater wurde als Hexer hingerichtet – von Menschen, die sich als die Besitzer der reinen Wahrheit wähnten und in Wirklichkeit nichts wussten. Zum Beispiel Athanasius Kirchner, Universalgelehrter – im Grunde ein Vollidiot, der sich zielsicher mit falschen Fakten vollgesaugt hat und nur seine eigenen Gedanken für korrekt hält.Er verbreitete seinen Unsinn über Bücher, die er schreibt – hätte aber sicher gern Twitter dazu benutzt. Kirchner glaubt, dass Drachenblut alle Krankheiten heilen kann, und der Beweis für die Existenz dieser Fabelwesen ist, … dass man sie nicht sehen kann, sonst wären es ja keine echten Drachen. Der Gelehrte sorgt dafür, dass Tylls Vater als Hexer hingerichtet wird, worauf sich der Junge mit Nele, einem befreundeten Mädchen auf den Weg ins Ungewisse macht. Aus seinen zaghaften Versuchen, auf einem Seil zu gehen und zu jonglieren, wird ein Beruf, den er auf die harte Tour von einem brutalen Gaukler beigebracht bekommt. Aus den Kindern werden Schausteller. Die Gemeinschaft des Leids schweißt sie zusammen. Doch wird je ein Paar aus ihnen werden?Wenn sie in die Dörfer kommen, erstaunen sie das Publikum mit ihren Fähigkeiten – um es dann an der Nase herumzuführen, bis sämtliche Nachbarschaftsstreitigkeiten auf dem Marktplatz ausgetragen werden und sich Tyll oben auf seinem Seil amüsiert. Es scheint, als würde er die Dummheit der Menschen zum vollen Ausbruch bringen wollen, damit diese Krankheit endlich alle aussiebt, die davon betroffen sind.Und so begleitet er auch den dümmsten der Mächtigen, den glücklosen König von Böhmen, der durch die Annahme seiner Krone den Dreißigjährigem Krieg ausgelöst hat, und auch seine Frau, die ihn wohl dazu überredete, sich gegen den Kaiser zu stellen. Tyll ist bis zum bitteren Ende bei ihm, als wollte er sichergehen, dass dieser dumme Mensch sein entsprechendes Ende findet – und mit ihm die Ursache des Kriegs. Er beschimpft und verspottet ihn, wie es sich für einen Narren gehört, doch tief in ihm ist keine Bosheit dabei, sondern Mitleid. Schon sein eigener Vater war bei allem Wissensdurst ein Opfer der eigenen Unvernunft geworden. Tyll – und mit ihm Kehlmann – weiß, dass die Dummheit die schlimmste aller Krankheiten ist. Tyll Ulenspiegel ist geistig allen überlegen, verachtet jedoch alle Macht als Zeichen der Torheit. Und als ihm Jahre später der Mörder seines Vaters zitternd gegenübersitzt, wird ihm schlecht angesichts der Möglichkeit, ihn ungestraft töten zu können. Die Frage ist: Wird er es tun? Zum Erstaunen der Leserschaft sei gesagt: Der Drache, den der idiotische Gelehrte Athanasius Kirchner sucht, existiert wirklich. Nur ist es ein ganz anderes Wesen, als er vermutet.Als Symbol der Dummheit verwendet Daniel Kehlmann einen Archetypus: einen Esel. Der Leser sollte nur genau aufpassen, ob er nicht selbst auf einen Scherz hereinfällt. Kann das Grautier nun sprechen oder nicht? Wer leiht hier wem die Stimme?Meine Kritik: Kehlmann ist ein Meister der Sprache. Das Buch ist bildgewaltig, obwohl es kaum ein sprachliches Bild enthält. Man stapft mit Tyll durch Schnee und Dreck, riecht Dummheit, Blut und Verwesung.Es ist kein erheiterndes Buch, denn Tyll ist eine gequälte Seele. Es geht nicht nur um ihn allein. Die Frau des Königs von Böhmen, Elisabeth Stuart, Tochter des Königs von England, spielt eine Hauptrolle und ein dicker Herzog, der Tyll finden will, um ihn an den Hof des Kaisers zu bringen. Diese Teilung der Geschichte schien mit zu bruchstückhaft, ist aber symptomatisch für diese chaotische, historische Zeit. Die Beziehung zu Nele, seiner Begleiterin, hätte ich mir intensiver gewünscht – doch die beiden sind Geschwister der Not und Nele hilft Tyll, sein Trauma zu überleben. Ohne sie scheint der letzte Humor aus ihm zu weichen.Kehlmanns Tyll Ulenspiegel ist ein Mensch, keine Sagengestalt. Das hat mir gefallen. Leider ist die Geschichte kurz. Der Simplicissimus, den ich als Junge in den Händen hielt, erschien mir dagegen wie ein Fass ohne Boden, dass ich kaum zu Ende lesen konnte. Im TYLL dagegen hätte ich mehr lesen und vor allem Seelenfrieden für den Helden finden wollen. Einzig Nele, dieser ruppigen, guten Seele, wird das Glück zuteil. Ob und wie der große Narr je gestorben ist, erfährt man … vielleicht. Ganz sicher lebt ein Teil von ihm in einigen von uns weiter, die wissen, dass Dummheit die schlimmste aller Seuchen ist. Mein Fazit: Gut gemacht, Herr Kehlmann! Wohlan, so muss man schreiben – wenn man es denn vermag!
Daran trägt Denis Scheck die Schuld, der hats so genannt und ich lese und finde es nicht, das Meisterwerk.Nun ist Till oder Tyll also im 17. Jahrhundert gelandet. Immerhin hat er schon einmal 3 Jahrhunderte geschafft, dazu Karrierenbis zum Nationalhelden ( bei Charles de Coster). Diverse Anleihen fallen auf, de Coster schon erwähnt (Nele), dazu Simplicissimus und sogar Hans Christian Andersen, machen viele Schriftsteller seit der Antike, also nicht wild. Einen schönen Satz habe ich gefunden, momentan vergessen, was erfahren wir also? Zu Beginn der Neuzeit waren der Einfluß der Kirche und das Verhalten ihrer Vertreter verheerend, weil letztere noch tief im Mittelalter verwurzelt waren.Das war sogar der große Reformator. Hexenglaube und die Folgen waren verbreitet wie auch die Denunziation.Die Aufklärung kam später. Die letzte Hexenverbrennung in Deutschland war m.W. im 19.(!) Jahrhundert.Die unvorstellbaren Greuel des 3o-jährigen Krieges sind viel beschrieben und bekannt. Dieser Tyll ist Akrobat, Gaukler und Zyniker, lustig nicht. Vielleicht kann ein Mensch solche Zeiten nur als Gaukler und Zyniker überstehen, sofern er aus dem einfachen Volk stammt. Falls es nicht noch mehr Erkenntnisse gibt (bin noch nicht durch), ist die Suche nach dem Meisterwerk erfolglos beendet. Denis hat seit "Wassermusik" bei mir einen Stein im Brett.P.S.Inzwischen fast geschafft. Wieso heißt das Buch Tyll? Um den gehts kaum, sehr viel um die unwissenden und verlogenen Kirchenleute, die gar kein Problem haben, Unschuldige wegen nichts zu massakrieren. Untér uns, die Kirche ist noch heute in Vielem zurückgeblieben.