Was im Neufeld-Verlag erscheint finde ich meist recht gut. Wenn es dann noch aus der Edition Bienenberg kommt, umso besser.Der Bienenberg in Liestal, ehemaliges theologisches Seminar für Bachelor- und Masterstudiengänge in (friedenskirchlich-täuferischer) Theologie, macht sich heute u.a. einen Namen als Kompetenzzentrum für Konflikttransformation und will durch Bildung «eine Kultur des Friedens gestalten». Unter anderem bietet das Bildungszentrum einen CAS Studiengang als Konflikt-BeraterIn an, in Zusammenarbeit mit der theologischen Fakultät der Uni Fribourg.Der ehemalige Leiter des Bildungszentrums Bienenberg, Frieder Boller, hat nun also kürzlich ein Buch im Neufeld Verlag – Edition Bienenberg veröffentlicht. Es greift das Anliegen des Bildungszentrums auf, wenn er zu «Selbstführung in stürmischen Zeiten» schreibt.Inhalt & GesprächspartnerInnenWir Menschen sind Beziehungswesen und bewegen uns in unterschiedlichen sozialen Konstrukten. Dabei begegnen wir ständig gewissen Mechanismen sozialer Interaktion und sind «emotional vernetzt». Diese Mechanismen sind manchmal nur störend, manchmal verstörend oder auch zerstörend. Boller zeigt in seinem Buch verschiedene solcher Mechanismen auf, wie wir uns darin bewegen, uns selber kritisch reflektieren und daran wachsen können. Das Ziel: «Krisenfester und konfliktfähiger werden». Oder anders gesagt: Fähig werden zu gesunden Beziehungen zu uns selber und unseren Nächsten, denn:"Gerade in christlichen Kreisen besteht die Gefahr, Liebe durch Nettsein, Profillosigkeit oder Unverbindlichkeit zu ersetzen. Scheinheiliger Frieden." (:45)Boller befindet sich bei seinen Ausführungen im Gespräch mit F. Schulz von Thun, dem Rabbi und Familientherapeuten Edwin H. Friedman, mit dem Dozenten (TDS Aarau) und Autor Thomas Härry oder mit dem Neurobiologen Gerald Hüther. Auch Dozierende des Bildungszentrums Bienenberg kommen mit Marcus Weiand und Madeleine Bähler zur Sprache.Das Buch ist gut lesbar und anhand vieler anschaulicher Beispiele werden alltägliche Konfliktsituationen sowie mögliche Reaktionen geschildert. Jedes Kapitel wird eingangs in kurzen Thesen zusammengefasst und schliesst mit persönlichen, vertiefenden Fragen. Im Anhang wird eine Anleitung zur Arbeit mit dem Buch in Teams und Gruppen gegeben.Narrativ & CrossmedialFasziniert haben mich zwei Aspekte. Inhaltlich ist es die Art und Weise, wie Boller mit biblischen Erzählungen umgeht. Als Theologe und Pastor verbindet er Erkenntnisse aus Psychologie und Soziologie mit der Bibel. Da bin ich immer erst mal etwas skeptisch, weil erfahrungsgemäss die Tendenz zur «Versklauberei» besteht, also Einzelverse ohne Kontext passend zum eigenen Thema zitiert werden und damit mehr Eisegese als Exegese betrieben wird.Boller verfällt dieser Gefahr nicht. Er bezieht sich nicht auf Einzelverse, sondern auf ganze Stories, auf Handlungsstränge, befragt die Autorenintention, berücksichtigt den innerbiblischen Kontext und gelangt so zu bemerkenswerten Resultaten. Bei der zitierten Geschichte von Maria und Martha als Beispiele für eine «Unterfunktioniererin», resp. «Überfunktioniererin», nimmt er Bezug auf die vorangestellte Perikope zum barmherzigen Samariter. Maria als Hörerin zu den Füssen Jesu wird nun im Licht des aktiv handelnden Samariters betrachtet und nicht im Licht von Martha. Zu welchen Schlüssen der Autor dabei gelangt, soll noch nicht verraten sein. Jedenfalls gibt es noch mehr solche überraschenden Einsichten. Damit zeigt sich für mich persönlich eine «ästhetische Hermeneutik», welche es versteht, die uralten Texte der Bibel in der Gegenwart zum Leuchten zu bringen.Was mich ebenfalls fasziniert, ist die crossmediale Herangehensweise an das Thema. Das Buch stellt nur einen Teil des Gesamtauftritts dar. Dazu gibt es professionell gedrehte Videoclips (je ca. 13min, Link und Code im Buch), worin Boller jedes Kapitel einführt und Themen vertieft.Bollers «Selbstführung» ist wirklich ein «Praxisbuch mit Extras», sowohl auf medialer wie auch auf inhaltlicher Ebene. Über das ganze Buch werden die Weite und die Lebenserfahrung des Autors deutlich. So scheut er sich nicht, Meditationspraktiken, Atmen und Spiritualität im Allgemeinen als Hilfen für «emotionales Selbstmanagement» zu beschreiben. Damit erweitert Boller mit seiner christlichen Perspektive die vielfach vorhandene Literatur zur Achtsamkeit, Resilienz und Antifragilität in einer komplexen Welt.