Mit dem vorliegenden Band setzt der Pendragon-Verlag seine Stephen-Crane-Edition fort. Diese Anthologie versammelt zwei Kurzromane sowie sieben Erzählungen – davon vier als deutsche Erstveröffentlichung. Wobei die hier titelgebende Erzählung selbst aus vier Geschichten besteht.Stephen Crane erweist sich gerade mit diesen Texten als kritisch-nüchterner Beobachter und Beschreiber des Lebens von sozial benachteiligten Menschen in der quirligen Glitzer-Weltstadt New York. Mit seinen sozialkritischen Milieuschilderungen, die keiner weiteren Kommentierung bedürfen, setzt Crane durchaus literarische Maßstäbe.Allein schon Titel wie „Die Bezahlung der Miete und andere Kleinigkeiten“ oder „Armut auf Probe“ sprechen für sich. Aber es geht nicht nur die alltägliche Existenznot von Künstlern in den 1890er Jahren. Obwohl sie nicht zuletzt auch das Leben und die Gefühlswelt des Autors widerspiegeln.Nein, auch die wirklich Armen (die „underdogs“) bekommen bei ihm hier individuelles „Gesicht“, also die Arbeiterklasse und Frauen aus der Arbeiterklasse (Kurzroman „Maggie, ein Mädchen von der Straße“). Anrührend ist da besonders die Geschichte „Der kleine braune Hund“ über einen kleinen Jungen aus schlimmen Elternhaus und einen Straßenhund-Welpen: Eine Tierliebe, die tragisch endet.Doch Stephen Crane schreibt keinesfalls rührselig-kitschig und von oben herab moralisierend. Nein, er ist stets ein klar sehender und nüchtern denkender Beobachter mit gelungenen naturalistischen Beschreibungen verschiedener Milieus: Sei es das der „Boheme“, sei es das der „working class“. Sein Anliegen ist es, die offensichtlichen sozialen Mißstände aus eigener Erfahrung an die Öffentlichkeit zu bringen; siehe „Armut auf Probe“. Da geht es um nächtliche Impressionen in einem Obdachlosen-Asyl. Was Crane hier in einem kaum zweitägigen Selbsterfahrungstrip beschreibt, das läßt einem das Blut in den Adern gefrieren. Am Morgen danach konstatiert der „junge Mann“ etwas, das leider noch heute für sein trotz allem geliebtes Vaterland USA gilt:„Die hoch aufragenden Gebäude waren für ihn Ausdruck einer Nation, die ihr Haupt zu den Wolken erhob und keinen Blick mehr dafür hatte, was sich in den Niederungen des Lebens abspielte. In ihrem Streben nach Höherem übersah sie die Elenden, sie im Staub ihr Dasein fristeten.“ (S. 229)Indirekt räumt Crane mit dem „american dream“ (vom Tellerwäscher zum Millionär) auf. Mit dieser Verheißung wurden ja Millionen europäischer Arbeiter und Tagelöhner in die USA gelockt. Doch es ging ihnen in der neuen Heimat (der kapitalistischen Demokratie) zumeist nicht besser als in der alten (der noch feudal-kapitalistischen). Und – diese Illusion hängen immer noch heute Millionen Menschen weltweit an.Wohl deshalb nimmt Alexander Häusser dezidiert darauf in seinem Nachwort Bezug:„...im Zeitraum 1865 bis 1900, veränderte sich das Gesicht der Vereinigten Staaten grundlegend. (…) das nach außen hin mit Innovation und wirtschaftlicher Blüte glänzte, gleichzeitig jedoch durch bitterste Armut und Korruption geprägt war. (…) einen nicht gekannten Kapitalismus entfesselt, der zu dramatischen gesellschaftlichen Verwerfungen führte. Unermeßlichem Reichtum von Wenigen stand die Verelendung von Heerscharen an auch eingewanderten Arbeitern und Arbeiterinnen gegenüber, die in Ghettos der wachsenden Großstädte lebten.“ (S. 274)Solche soziologischen Beschreibungen und Wertungen sind zwar gut und richtig. Doch sie sprechen eben nur den Verstand an, selten das Herz. Insofern ist es das besondere Verdienst eines Stephen Crane, daß er mit solcher Literatur sowohl Herz und Verstand ansprechen will. Denn es darf nicht bei der bloßen Beschreibung der menschenunwürdigen Zustände bleiben. Not und Elend sind bis heute nicht überwunden, sie äußern sich heute lediglich anders. Solche Zustände müssen verändert werden, damit der Mensch wirklich Mensch sein kann und darf.Gute sozalkritische Literatur vermag durchaus aufzurütteln, Menschen aus der Lethargie herauszureißen. Das ist vielleicht das Vermächtnis des viel zu früh verstobenen Stephen Crane, an den zu Recht der Bielefelder Pendragon-Verlag erinnert.