Ein so informatives und gründliches Buch habe ich über den Buddhismus noch nicht gelesen. Jetzt weiß ich erst wirklich, was er ist. Meilenweit von den vielen Wellnessbüchern entfernt. Dass es im alten buddhistischen Tibet so grausam zugegangen ist, hätte ich nicht gedacht. Das Mahayanakapitel war mir ein bisschen zu philosophisch, aber bestimmt das beste Buch zum Thema.
In seinem Buch mit dem Titel ‚Buddhismus – Lehre und Kritik‘ unterzieht Alfred Binder eine der großen Weltreligionen einer kritischen Analyse. Seine kritische Herangehensweise ist ein wichtiges Instrument, um Denkgebäude jeglicher Art auf deren Stichhaltigkeit hin zu überprüfen. So entwirft Binder ein Bild des Buddhismus, welches auf jeden vernünftig denkenden Menschen abschreckend wirken muss. Da wimmelt es von Dämonen, Wiedergeburtslehren, magischen Ritualen und vielem mehr. Philosophische Positionen buddhistischer Denker werden von Binder durchweg als irrational dargestellt. Zu nennen seien hier Denker wie Nagarjuna oder Vasubandhu.Entsprächen Binders Interpretationen dieser Denker den Tatsachen, so müsste und könnte man als rational denkender Mensch buddhistische Philosophien tatsächlich nicht Ernst nehmen. Ein Beispielsatz einer solch irrationalen Vorstellung sei hier kurz zitiert: „Erzeugen wir durch begriffliches, dualistisches, konzeptionelles Denken tatsächlich eine Realität, welche die Konsistenz von Stahl und Beton hat?“ (S. 241) Diese Frage steht im Resümee über die Mahayana-Philosophie unter der Rubrik ‚Heillose Ontologie‘. Wer würde solch einen plumpen Idealismus Ernst nehmen?Allerdings stellt sich die Frage, ob diese ebenso plumpe Darstellung der Mahayana-Philosophie nicht zu kurz greift. Man denke beispielsweise an Jay L. Garfields Buch ‚Engaging Buddhism – Why it matters to philosophy‘, welches sich mit der Frage beschäftigt, wie buddhistische und westliche Philosophie sich gegenseitig befruchten können. Die Sichtweise Binders auf die Nur-Geist-Schule als idealistisch ist heillos verkürzt. So gibt es Bestrebungen, die Yogacara-Schule nicht als idealistisch, sondern als phänomenologisch zu deuten (siehe ‚Buddhist Phenomeology‘ von Dan Lusthaus).Ich möchte an dieser Stelle klar betonen, dass ich wie Binder der Meinung bin, dass die Sichtweise, unsere Gedanken erzeugen Realität, für einen wissenschaftlich aufgeklärten Menschen keinen Sinn machen kann. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass Binder andere mögliche Interpretationen nicht einfach unter den Tisch fallen gelassen hätte. An dieser Stelle Lusthaus zu erwähnen wäre für ein Werk, welches den Anspruch erhebt, die Lehre des Buddhismus kritisch darzustellen, meiner Ansicht nach unerlässlich gewesen.Als naturalistischer, wissenschaftlich aufgeklärter Mensch läge mir nichts ferner, als Sichtweisen wie die Wiedergeburt oder die Karmalehre zu verteidigen. Es gibt in meinen Augen keine Wiedergeburt, kein Leben nach dem Tod, kein Nirvana verstanden als Ort wo auch immer. Diese Aufzählung könnte ich fortführen. Hier betreibt Binder Aufklärung im besten Sinne. Dass jedoch beispielsweise im Chan (Zen) der Song-Dynastie solche metaphysischen Ideen keine Rolle gespielt haben, hätte an dieser Stelle zumindest erwähnt werden können. Ein gutes Buch zu dieser Thematik ist ‚Zen – vom Kopf auf die Füße gestellt‘ von Dietrich Roloff.Jener von Binder beschriebene Buddhismus ist auf jeden Fall kritikwürdig, ja sogar für einen rational denkenden Menschen nicht annehmbar. Allerdings bedarf eine gute Kritik einer ausgewogenen Darstellung des Objektes der Kritik. Dies ist Binder mit seiner einseitigen Darstellung der Lehre des Buddhismus nicht gelungen.
Der Autor geht mit großem Skeptizismus an der Buddhismus heran und bemüht sich, Widersprüche und Fehler aufzuzeigen. Das ist beim älteren Buddhismus und der Darstellung des Mahayana noch in Ordnung, weil er versucht, mit logischen Argumenten zu arbeiten. Der Autor nimmt nur für sich heraus, im Recht zu sein, wenn er zum Beispiel die Wiedergeburt ablehnt, weil es für sie keine zwingenden Beweise gibt. Das Gegenteil stimmt allerdings auch: Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis, dass es sie nicht gibt. Die kritische Haltung des Autors zu negativen Entwicklungen des heutigen Buddhismus sind leider nicht weit von der Wirklichkeit entfernt. Gänzlich unerfreulich ist allerdings das, was der Autor zum tibetischen Buddhismus oder Vajrayana zu sagen hat. Da zitiert er leider schlimmste Vorwürfen ohne Quellenangabe oder wählt als Quelle die Propanganda Chinas gegen den Dalai Lama. Da habe ich das Buch ins Altpapier geworfen.