Der amerikanische Bürgerkrieg hat die Geschichte der USA, die politischen Gegebenheiten und die Mentalität der Menschen in einer Weise umgeworfen, wie es wohl nur mit der Unabhängigkeitserklärung der Kolonien an sich vergleichbar ist. Aber auch für den Rest der Welt stellt dieses Ereignis eine entscheidende Zäsur in kultureller und politischer Hinsicht dar. Auch aus diesem Grund war ich als historisch interessierter "Laie" stets auf der Suche nach einer wirklich guten Übersicht über diesen Konflikt. Mit James M. McPhersons "Für die Freiheit sterben" bin ich mehr als fündig geworden.Auf gut 850 Seiten (Anhang nicht mit eingerechnet) legt McPherson den amerikanischen Bürgerkrieg in einer Vielzahl von Facetten dar und schafft dabei den schwierigen Spagat eine große Menge an Information prägnant zu vermitteln, ohne dabei in Belanglosigkeit oder Detailsucht zu verfallen. Dabei gibt McPherson sich größte Mühe, dem Leser ein wirklich "komplettes" Bild zu vermitteln: Politische (Außen- wie Innenpolitik!) und kulturelle Hintergründe werden ebenso vermittelt wie Charakterzüge der historischen Figuren, militärische Bewegungen, wirtschaftliche Rechnungen und geographische Umstände. Auch das Los der Zivilbevölkerung kommt nicht zu kurz. Mit Hilfe dieses kompletten Bildes kann der Leser nicht nur die Etappen dieses Konfliktes *nachvollziehen* sondern tatsächlich *verstehen*. Entsprechend verhält sich auch die Struktur des Buches:McPherson gibt dem Leser in seiner Einleitung ein detailliertes Bild der Vereinigten Staaten in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Erwägungen konstruieren eine solide Ausgangsposition um den Weg der Bundeststaaten in die Sezession zu skizzieren. Besonders die Beschreibung der politischen Ursachen der Sezession empfinde ich als schlüssig und einleuchtend. Im Hauptteil des Buches widmet sich McPherson dem Kriegsverlauf, den er zusammenhängend aber doch mit Schwerpunkten erläutert. Dabei geht er im Prinzip chronologisch vor, nimmt sich aber sinnvollerweise immer mal wieder zwischendurch die Zeit, kausale Zusammenhänge an einem Kriegsschauplatz (z.B. Kansas) in einem Ausblick mit den "aktuellen" Geschehnissen in Verbindung zu setzen. So gliedert sich die Erzählung in mehrere "Arme", die jedoch im Ganzen einer chronologischen Ordnung folgen. Der Leser wird gekonnt geführt und verliert nie den Überblick.An ausgewählten Zeitpunkt nimmt sich der Autor den Raum, auf besondere Aspekte des Konfliktes zu sprechen zu kommen - wie haben die Wahlen 1864 die militärischen Geschicke der Union und der Konföderierten beeinflusst? Wie konnten die beiden amerikanischen Staaten den Krieg ökonomisch schultern? Wurde der Krieg tatsächlich "auf dem Rücken der Armen" ausgetragen? Diesen und einer Vielzahl von anderen Fragen widmet sich McPherson mit der gebührenden Sorgfalt. Das Buch schließt dann mit einem Epilog, der die Folgen des Krieges für die USA und die Welt noch einmal zusammenfassend darstellt.Beeindruckend ist dabei für mich vor allem, dass der Autor so gut wie immer fair und sachlich bleibt. McPherson bemüht sich beide Seiten zu beleuchten und in den damaligen Kontext einzuordnen. So werden die Sklavenhalter aus den Südstaaten beispielsweise nicht als bösartige Schufte mit Spaß an Oppression dargestellt, sondern ihre Absichten (die sich im Wesentlichen auf einen aus heutiger Sicht pervertierten Freiheitsgedanken gründen) werden plausibel gemacht. Natürlich bezieht McPherson auch (löblicherweise) an der ein oder anderen Stelle moralische Position - dies aber stets aus der heutigen Sicht heraus, die der Leser auch leicht einzuordnen weiß. Auch bei der Darstellung der Personen bleibt McPherson differenziert: So wird Grants angebliche Trunksucht beispielsweise ebenso skeptisch thematisiert wie General Lees militärische Unfehlbarkeit oder McClellans Eignung als Kommandant der Potomac-Armee.Weiterhin gefällt mir der spannende und lockere Stil des Buches, der zwar durchaus seriös ist und mit zahlreichen Quellenangaben aufwarten kann, aber selbst bei knallharten politischen Detailfragen spannend zu lesen und auf angenehmer Distanz zum trockenen "Lehrbuchstil" bleibt. Aufgepeppt wird das Dargestellte immer wieder durch militärische Karten, Anekdoten aus Briefen, Bilder der wichtigsten Protagonisten und andere Details, die die Erzählung angenehm abrunden. McPherson hat dabei auch den Mut, "etablierte" Deutungen von Historikern in Frage zu stellen und argumentativ seine Interpretation schlüssig zu verteidigen. So gerät "Für die Freiheit sterben" nicht blos einfach zu einer knackigen Zusammenfassung von schon bekannten Fakten und Thesen (Was auch eine beachtliche Leistung wäre), sondern vermittelt einen ganz eigenen, wohl fundierten Blick auf den Konflikt.Sicherlich könnte man auch bei diesem Buch Kritikpunkte finden, wenn man verbissen genug sucht. So hätte dem Werk sicherlich ein sorgfältigeres Lektorat gut getan. Beispielsweise ist manchmal von Konföderierten die Rede, wo klar Unionisten gemeint sind und auch so mancher Druckfehler schleicht sich ein. Darüber hinaus sind die abgedruckten politischen und militärischen Karten mitunter schwer zu lesen (Grauschattierungen sind kaum erkennbar) oder werden kaum erläutert. Dennoch: Aufgrund der vielen positiven Eigenschaften fällt dies kaum ins Gewicht.Fazit:Ein so fairer, kompletter und sorgsam dokumentierter Überblick über den amerikanischen Bürgerkrieg dürfte in der Literatur seines Gleichen suchen und es fällt leicht zu verstehen, wieso McPherson gemeinhin als der Bürgerkriegsautor schlechthin verstanden wird. Positiv anzumerken ist in diesem Schlusswort auch, dass dieses Buch für "Hobbyhistoriker" und Menschen die sich einfach nur privat etwas über diese Thematik anlesen wollen, in meinen Augen hervorragend geeignet ist - ohne dabei aber all zu sehr an wissenschaftlichen Anspruch zu verlieren. Ich kann also guten Gewissens eine generelle Kaufempfehlung für dieses Buch aussprechen. Einzig wer sich von der hohen Seitenzahl oder dem Faktum, dass McPherson politischen/gesellschaftlichen Erwägungen mehr Beachtung schenkt, als detaillierten militärischen Winkelzügen abgestoßen fühlt, könnte mit "Für die Freiheit sterben" Probleme bekommen.Für den Rest: Zugreifen! 5/5 Sterne!
Laut J. M. McPherson war es seine Absicht zum Ausdruck zu bringen, dass Vieles vor, während und am Ende des Bürgerkrieges ganz anders hätte im Ablauf und im Ergebnis sein können. Der Autor vermittelt das auf eine zunehmend spannende, unterhaltsame Weise, ohne den Boden der historischen Wissenschaftlichkeit zu verlassen.Um die vorgenannte Offenheit des Geschehens darzustellen und zu belegen musste er auf die wesentlichen Aspekte des Kontextes eingehen, in dem der Krieg eingebettet war. Dabei stellt er einige zentrale Sachverhalte in den Vordergrund:1. Keiner wusste damals was ein moderner "totaler Krieg" bedeutet und wie man ihn führt. Die Vorstellung vom großen Krieg orientierte sich bestenfalls am Napoleon, d.h.: Militär gegen Militär auf einem Schlachtfeld; dazwischen viel Ruhe; Strategie und Taktik wie am Schachbrett; ritterliches Benehmen und Respekt vor dem sog. Zivilbereich. - Alles veraltet.2. Bei der Kriegserklärung waren beide Seiten nicht im Ansatz auf einen Krieg vorbereitet. Die Rekrutierung erfolgte sehr improvisiert. Die Rekruten hatten keine militärische Ausbildung oder Erfahrung. Es gab für sie fast keine Waffen, Unterkünfte, Offiziere. Es gab keine angemessene militärische Verwaltung.3. Es gab nur ein paar militärische Befehlshaber. Der größte Teil wurde mit Freiwilligen aus der Politik rekrutiert, die von Truppenführung, Strategie und Kampftaktik keine Ahnung hatten. Die wenigsten dieser "politischen" Befehlshaber konnten oder wollten ihrer Aufgabe gerecht werden.4. Es mangelte an kriegsgerechtem Material, wie: Waffen aller Art, persönlicher Ausrüstung (bes. Schuhe), einheitlichen Uniformen - wichtig für die Freund - Feind - Identifikation), Straßen, Brücken und Landkarten.5. Die politischen Ziele des Krieges wurden von beiden Seiten erstens innerhalb der eigenen Reihen recht kontrovers formuliert und laufend diskutiert und zweitens nahezu alle paar Monate stark verändert.6. Die sog. Sklavenbefreiung ist kein wesentliches Kriegsziel des "Nordens" gewesen. Anfangs hat die Regierung Linkolns sich offen gegen die Sklavenbefreiung als Ziel ausgesprochen. Erst ab der Hälfte des Krieges hat er aus taktischen Gründen im begrenzten Umfang dem zugestimmt, insofern er die Verfassung entsprechend ändern ließ. Doch "frei" bedeutete nicht automatisch "Gleichheit mit den Weißen", wie sich nach dem Krieg zeigte.McPherson legt die objektiven Fakten, kausalen Zusammenhänge, die vielen nicht vorhersehbaren Gegebenheiten, Fehlurteile, Zufälle, persönliche Eigenschaften von Führungskräften, naturbedingte Vor- und Nachteile, technische Entwicklungen und Pannen, politische Wechselspiele, wirtschaftliche und finanzielle Schwankungen u.v.m. in deren Zusammenhang transparent dar.Die anderen Rezensenten beschreiben bereits die vielen Aspekte dieses außergewöhnlichen Werkes genauer, weshalb ich mich auf die eingangs formulierte Hauptaussage des Autors bezogen habe, dass kein Prozess und Ergebnis im Kontext dieses Bürgerkrieges bis zum Ende vorhersehbar gewesen ist. Anderslautende Behauptungen resultieren entweder aus einer Perspektive, die nicht ausreichend umfassend ist oder aus der verbreiteten Neigung zur Mythisierung.Das Buch sollte meiner Meinung nach unbedingt in deutscher Übersetzung als E-book erscheinen. Vielleicht schafft Amazon das.Klare ***** +.