Ist das Literatur? Ja! Jugendliteratur? Nein! Hier handelt es sich um ein Sittengemälde der 1970er-Jahreund ihrer Jugend, einst, fünfzig Jahre her. Ein schwieriges Unterfangen, das eine nicht geringe Könnerschaft voraussetzt. Wolfram Hänel, Jahrgang 1956, schreibt als Chronist, Anwalt und, im besten Sinne des Wortes, als Moralist, berichtet von einer längst versunkenen Zeit, die einem heute womöglich merkwürdig oberflächlich, roh und wenig intellektuell erscheinen mag; er macht dies als Autor uneitel, unsentimental; er sieht genau hin, erinnert sich präzise, lässt nichts aus, gerät nicht in unnütze Schwärmereien, verfängt sich nicht in schriftstellerischen Fingerübungen, um zu beeindrucken, nein, er fühlt sich, ganz offenbar, dem authentischen Bericht verpflichtet, der Wahrheit, wenn man so will. Doch was ist Wahrheit, wenn man über Jugend und jugendliches Aufbegehren und jugendliches Sein schreibt? Die Wahrheit ist, so einfach ist es, sich an die Wahrheit der Wirklichkeit zu erinnern, daran, wie Menschen in seinem Umfeld gestrauchelt und zerbrochen sind, am Schulsystem, an der stumpfen, ängstlichen Spießigkeit der Nachkriegsgeneration, der Elterngeneration, dem sogenannen Wirtschaftswunder. Was Hänel hier mit atemraubender Leichtigkeit beschreibt, wie er es tut, ist nicht nur Literatur, es ist große Literatur.Der Roman" Der Junge, der mit Jimi Hendrix tanzte", ist das zweite Buch, das ich von Hänel gelesen habe. Das zweite von etwa 120 Büchern, die er verfasst hat, viele davon Kinderbücher. Bis auf den Titel, den ich unnötig reißerisch finde, auch keinen Bezug zu irgendeiner Stelle des Buches oder einer Figur, nicht einmal zu Rockenbauch, darin erkennen kann, ist der Roman mehr als gelungen. Zum Titel: er erinnert mich an die Titel von Johannes Mario Simmel, und damit wird Hänels Buch, liest man zunächst den Titel, und das tut man ja immer zuallererst, unweigerlich einer falschen Kategorie von Literatur zugeordnet. Und das ist schade; dieser Titel wird weder Hänel noch Hendrix gerecht und lässt das Buch für die, die sich nicht die Mühe machen, es zu lesen, billig erscheinen. Wie aber könnte ein passender Titel lauten? Janeism? Gitarre mit fünf Saiten? Schullandheimblues? Hannover-the lost tapes? Alles auch nicht originell, ich weiß. Ich denke, es ist schwer, für dieses Buch einen passenden Titel zu finden. Wie auch immer: es ist ein Buch voller kostbarer Erinnerungen und Details, die besser nicht hätten beschrieben werden können. Allein die Schilderungen der Schullandheimaufenthalte! Die Herbergsmutter! Das Extraessen für die Lehrer! Die versifften Betten, die Duschräume! Die Hausordnung! Wer hat je darüber geschrieben? Doch weiter: die Chronologie am Ende ist erhellend, bringt einiges an Zeitgeschichtlichem in Erinnerung, Hänels Nachwort zur Neuveröffentlichung des Buches, ursprünglich "Klassentreffen" bei Ullstein, ist eindringlich, ja dringlich, wieder geradezu verblüffend offen, und, so spürt man sogleich, vollkommen glaubwürdig; Hänels Ehrlichkeit ist nicht vorgeblich, sie ist sein Prinzip und seine Identität.Die 70er Jahre, stets im Schatten der 60er, und das ganz zu Unrecht, werden in diesem Buch trefflich beschrieben; man glaubt es kaum, woran Hänel einen da erinnert! Ich selbst kenne nur eine Erzählung, die des Malers Detlev Foth, " Der Himmel über dem Kellerrost", 2010 erschienen, die in vergleichbarer Weise auf eine Jugend in den 70er Jahren eingeht. Hänel bringt vieles auf den Punkt, erkennt die wirkliche Not, unter der sehr viele Jugendliche zu jener Zeit gelitten haben, tut es nicht als das typisch Pubertäre, gegen das kein Kraut, egal zu welcher Zeit, gewachsen ist, ab, verharmlost nicht. Er steht, wie ich meine, einem Jack Kerouac in nichts nach. Wir sprechen hier über Lebensentwürfe, über Selbstbehauptungen, über Träume, berechtigt oder nicht, über die unbedingte Bedeutung von Rockmusik, die Gründungen eigener Bands als Überlebensstrategie, über viele, viele Zigaretten, Dope und Alkohol, ersten meist unromantischen Sex, schmuddelig, flüchtig, unbefriedigend, über die Institution Schule, über Lehrer, die größtenteils völlig ungeeignet waren, minderwertig schon von ihrer Ausbildung her, unfassbar schlechte Pädagogen oftmals, Lehrer, die körperliche Züchtigung für ein legitimes Erziehungsmittel hielten, Zyniker, angefressen, frustriert und boshaft - Ausnahmen gab es kaum. Doch Hänel, die Gefahr ist groß, rächt sich nicht an ihnen; er beschreibt sie nur, erzählt, wie sie sich darstellten, wie sie sich einst und später, während des Klassentreffens eben, in Szene setzten: unbelehrbar, unsympathisch, frech und keck, selbst im Alter. Der vermeintliche Plot, die Rache des kleinen Bruders Rockenbauchs, der die Gäste des Klassentreffens inklusive der alten Lehrer aufmischt, indem er sie bedroht, gerät da zum Glück eher ins, ja ins Beiläufige; und so war es wohl auch beabsichtigt.Die damaligen Arschkriecher sind die Arschkriecher von heute: Schüler, die alles vergessen machen wollen: wunderbar beschrieben. Auch jene, die von ihrer jugendlichen Auflehnung nichts mehr wissen wollen: sie sind die eigentlichen Verlierer des Klassentreffens, nicht nur das, sie sind Verlierer schlechthin. Von Rockenbauch, der sich in rasender und also ohnmächtiger Wut auf den Lehrkörper, den Vater, die drohende Verschickung nach Krefeld - es könnte auch Beijing sein - samt der damit zusammenhängenden Aussicht auf eine Laufbahn bei der Post, vom Vater verordnet, selbst in die Luft jagt, indem er vorher noch einen Lehrer als Geisel nimmt, Rockenbauch, das Musiktalent, Rockenbauch, der sich rauschhaft wehrt und sich verweigert, Rockenbauch, der sich stellvertretend für alle, die nicht gehört werden sollen, opfert, über ihn mag niemand sprechen, er wird totgeschwiegen. Perfekt! Willkommen in der Realität, lediglich drei Jahrzehnte später, schon längst gewohnt, doch noch immer erschreckend, brutal von neuer Art.Am Ende, im besagten Nachwort zur Neuveröffentlichung, noch ein kleiner Geniestreich: Kerschkamp, der treue Freund und Kumpel von Kurt Appaz dem Erzähler, den gab es nie: eine Erfindung. Kurt Appaz, ein Pseudonym, unter dem Hänels Roman 2007 erstmalig erschien, Kurt Appaz hat es gegeben. Die anderen, Klaus-Dieter, Ratte, Buchmann, ebenso; leider auch Zint, dem tatsächlich mal die Hand zittert, als es ernst wird.