Über die legitimen Nachfolger des Dichters Bashô herrscht Uneinigkeit. "Schüler" hatte er viele, obwohl es schwer ist, zwischen Anhängern und wirklich von ihm Unterwiesenen zu unterscheiden. Zur Shômon, der Bashô-Schule, gehören daher selbst Autoren, die kaum mit ihm Kontakt hatten. Vier Namen tauchen allerdings in allen Anthologien auf, die nach dem Vorbild der "Zehn Weisen aus dem Kreis des Konfuzius" in mehreren Versionen nach Bashôs Tod zirkulierten: Kikaku, Kyorai, Ransetsu und Jôsô.Kikaku und Ransetsu waren Bashôs Lieblingsschüler, die im Lauf der Zeit einen jeweils eigenen, persönlichen Stil entwickelten, während Kyorai stets den "reinen Stil" seines Lehrers verteidigte, bis weit über dessen Tod hinaus. Im heutigen Japan steht Kyorai aus diesem Grund immer ein wenig im Schatten der Diskussion (und Forschung), weil er eher als talentierter Kopist denn als eigenständiger Künstler wahrgenommen wird.Im Gegensatz zu Bashô haben seine Schüler im Westen bisher keine monografische Würdigung erfahren. Ihre Werke werden gerne in Teilen zitiert und fehlen nur in wenigen Haiku-Sammlungen, aber oft, wenn nicht meistens, wird der Komplexität dieser Verse nicht genügend Rechnung getragen. Feingeistige Übertragungen aus dem Japanischen springen ausnahmslos zu kurz, wenn sie auf eine Kommentierung verzichten, so elegant sie sich im Deutschen auch anhören mögen. Ein Haiku ist weit mehr als ein natur- und jahreszeitenbezogener Sinnspruch. Haiku sind durchdrungen von literarischen Querverweisen, die in ihrer Zeit zum japanischen Bildungskanon gehörten, sie enthalten subtile Anklänge an Riten und Gebräuche, die hier im Westen kaum jemand kennt und vor allem ist die japanische Sprache in erheblichem Ausmaß unbestimmt, was den Übersetzer vor die Wahl stellt, welchen Bedeutungsaspekt er vernachlässigen will. Grammatische Spitzfindigkeiten lassen sich oftmals gar nicht ins Deutsche übertragen. Ohne eine fachkundige Kommentierung entgeht dem Leser also der größte Teil dessen, was für Japaner den Reiz eines Haiku ausmacht.Ekkehard May ist mir zum ersten Mal als exzellenter Kommentator von Bashôs Haibun begegnet und in der gleichen Eindringtiefe hat er auch die Werke der drei Shômon-Schüler Kikaku, Ransetsu und Kyorai bearbeitet. Der Aufbau folgt dabei der auch in der japanischen Kommentarliteratur üblichen Struktur: Auf der rechten Seite steht zum einen die phonetische Umschrift des Originaltextes, gefolgt von der deutschen Übertragung. Auf der linken Seite befindet sich eine umfangreiche Erklärung, die alle wesentlichen Aspekte der Interpretation berücksichtigt. Im Anhang werden ggf. weitergehende Analysen angeboten, insbesondere zu Querverweisen auf chinesische und japanische Referenzen. Es bietet sich an, nach der Lektüre des Kommentars den Vers noch einmal zu lesen, weshalb die Struktur mit ihrer Rechts/Links-Aufteilung selbst im Deutschen sinnvoll ist, obwohl wir, anders als die Japaner, von links nach rechts schreiben. Die im (später erschienenen) Band zu Bashôs Haiku ebenfalls abgedruckte Originalfassung in Japanisch entfällt hier allerdings.Sehr schön herausgearbeitet werden die stilistischen Besonderheiten der drei Autoren. Kikaku deutet in seinen Versen meisterhaft zeitliche und räumliche Bewegung an, ohne sie explizit zu benennen. Kyorai verwendet gerne einen für ihn typischen Kunstgriff, indem er gerade das NICHT Gesagte meint und überhaupt eine sehr persönliche Handschrift besitzt, ganz anders als der Ruf, der ihm vorauseilt. Ransetsu ist dagegen ein wunderbares Beispiel dafür, wie viele Bedeutungsebenen in einem scheinbar schlichten Vers verborgen sein können. Ekkehard May erklärt die Hintergründe auch für den Laien und den des Japanischen nicht Kundigen sehr transparent und leicht nachvollziehbar, ohne dass man den Eindruck hat, irgendetwas Wesentliches zu versäumen. Auch für Leser, die sich nicht unbedingt für Lyrik interessieren, ist dieser Band ein höchst interessanter Zugang zur japanischen Kultur, die nun einmal sehr stark an die Schriftlichkeit gebunden ist. So eingängig und gleichzeitig unterhaltsam wird dieses Wissen nur selten vermittelt.