Ein Roman zum Genießen von einem der bedeutendsten deutschen Schriftsteller. Wunderbare Sprache, lebensnahe Dialoge und alles mit einem Augenzwinkern. Fontane denunziert oder klagt seine Figuren nicht an, sondern schildert sie in ihrer Menschlichkeit, ihren Schwächen und Stärken. Zugleich liefert der Autor ein Bild der zeitgenössischen gesellschaftlichen Verhältnisse mit einer Sympathie für die sogenannten "kleinen Leute". Werde "Irrungen und Wirrungen" gleich ein zweites Mal lesen, weil es auch eine Summe von realistischen Lebensklugheiten und und Schilderungen von wunderbaren Charakteren bietet. D.G.
Irrungen und Wirrungen ist fast schon sprichwörtlich geworden in Bezug auf das chaotische Durcheinander der Liebe, des Beziehungsreigens und des Zerrissenseins zwischen zwei Herzensentscheidungen.Zurück geht diese Sprichwörtlichkeit auf den vorliegenden kleinen Roman Theodor Fontanes, der in den 1870er/1880er Jahren angesiedelt in Berlin spielt und sich um die letztlich unglückliche Liebesaffäre des Leutnants Botho von Rienäcker mit Lene Nimptsch, der Tochter einer Berliner Wäscherin, dreht. Sozial eine Mesalliance; dessen sind sich die Protagonisten auch nur zu sehr bewusst. Gerade Lene gibt sich keinerlei Illusionen über die Zukunftsfähigkeit dieser Verbindung hin, während Botho letztlich die innerliche Spannung zwischen Konvention und echten Gefühlen für sich nicht auflösen kann. Materiellen und standesbezogenen Konventionen schlussendlich gehorchend, heiratet Botho die adlige Käthe (weitläufige Verwandtschaft dazu) zu der er sich trotz ihrer äußerlichen Reize kaum wirklich hingezogen fühlt. Wo Lene Tiefe und echte Herzenswärme erkennen lässt, tritt bei Käthe das sinnlose Geplapper einer höheren Tochter, die nie erwachsen wurde. Botho verzehrt sich; zwar er versucht Käthe ein guter Mann zu sein, aber sein Herz gehört für immer Lene. Als Lene den Prediger Gideon heiratet, durchaus auch nur eine Verbindung der Vernunft, steht Botho die Hinfälligkeit seiner Gefühle klarer denn je vor Augen.Fontane schuf ein kleines Sittengemälde der frühen wilhelminischen Epoche, er beschreibt die Macht, die Standesdünkel, Herkunft, Konvention und Tradition über das Leben der zumeist adligen Offiziere und Gutsbesitzer ausüben, eine Macht, die in der bürgerlich-liberalen Epoche aber zunehmend anachronistisch erscheint. Botho ist nicht der Einzige, der sich in Herzensdingen zerrissen sieht. Fontane bedient sich gerne der Sprache, um komplexere Zusammenhänge vereinfacht zu symbolisieren; geradezu exemplarisch in der Gegenüberstellung der militärisch knappen, "preußischen" Sprechweise der Offiziersklubs und der "Gedienten" mit der reinen Sprache des Herzens und des Verstandes aus dem Volk.Ein kurzweiliges Lesevergnügen, das natürlich in Umfang und Tiefe nicht an ähnlich gelagerte Werke Jane Austens heranreicht; dafür geht Fontane zu oberflächlich mit der Gefühlswelt der Protagonisten um, zuviel ist der Phantasie der Leserin anheimgegeben.Dennoch gerne 4*.