Starke Augenblicke: Physiognomie der Mystik (Batterien)
Erkenntnistheorie EAN 9783882215625

Starke Augenblicke: Physiognomie der Mystik (Batterien)

Hersteller: Matthes & Seitz Verlag  ·  MPN: 1017645
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Produktbeschreibung

Starke Momente: Physiognomie der Mystik (Batterien) ABIS_BUCH

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Martin Kasperzyk 06.05.2024 amazon.de
Das Buch ist gelehrt, kenntnisreich und prall gefüllt mit Ideen und Reflexionen. Allerdings sieht man manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, so schnell wechseln diese einander ab. Gut vorstellbar, den Essay später immer wieder einmal zur Hand zu nehmen, um das ein oder andere nachzulesen oder Anregungen zu bekommen. Was das Buch nicht leistet ist eine systematische und eigene Philosophie des religiösen Erlebnisses, des mystischen Augenblickes.Was ist überhaupt das Thema des Buches? Der ungarische Autor will aufzeigen - sehr oft mit Bezug auf die griechische Mythologie -, was es mit den mystischen Augenblicken, mit diesen religiösen Erlebnissen, in denen man sich plötzlich konzentrierter als je zuvor erlebt, auf sich hat. Letztlich geht es aber um das Hereinbrechen Gottes, des Seins oder des Unendlichen ins endliche Leben des Menschen. Der Essay ist der Versuch, die Erfahrungen heraufzubeschwören, die dem Menschen in diesen Momenten des religiösen Erlebnisses zuteil wird.Dies ist keineswegs ein Thema, um vergangene Epochen besser zu verstehen. Der Autor hält daran fest, dass wir schon aufgrund unseres Wissens der Vergänglichkeit immer zur Metaphysik verdammt sind. Wir leben gegenwärtig also in einer Epoche des Verdrängens. Denn dass die große abendländische metaphysische Tradition, die Vorstellung, dass dem Seienden etwas begründend vorausgeht, vielleicht Gott, verloren gegangen ist, liegt offen zu tage. Der Graben zwischen dem Sein und dem Seiendem, zwischen Gott und Welt, ist nur heute zugeschüttet.In dem Kapitel über Gotteserlebnis und Gottesglaube arbeitet der Autor sehr schön ihren Gegensatz heraus. Er geht von einer Aussage Jesus an Johannes aus: "Schaue das Deine durch mich". Im Schauen nähert der Mensch sich seinem Selbst auf dem Umweg des Anderen, er lädt sich mit etwas auf, was streng genommen nicht zu seinem Ich gehört. Das Gotteserlebnis geht mit einem gesteigerten Sehen einher. Ein anderes Sehen. Was sehe ich, wenn ich Gotte sehe? Nichts und doch Alles. Ich sehe Gott nicht, und so sehe ich Gott, ich höre Gott nicht und so höre ich Gott. Das Gotteserlebnis ist ekstatisch, anarchisch, ein Zustand der Freiheit. Man fühlt sich einem Chaos ausgeliefert, etwas, was nicht greifbar ist. Der Gottesglaube dagegen hat ein Maß und kann institutionalisiert werden. Diese Gewissheit des Glaubens, der Instition Kirche und der Gemeinschaft entlastet das Individuum von dem Alleinsein im individuellen Gotteserlebnis.Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit dem Blitz als tragendes Medium des Gotteserlebnisses. Hier interpretiert der Autor die in der griechischen Mythologie vorkommende Ohnmacht Semeles als der sie liebende Gott Zeus sich ihr wie ein Blitz zeigt. Der blitzartige Moment ist ein Augenblick nicht steigerbarer Intensität in dem das Unfassbare Gestalt annimmt. Im Blitz urständet das Leben, wie Jakob Böhme schreibt. Er steht immer im Zusammenhang mit der Erschaffung des Daseins. Er spendet aber nicht nur Leben, sondern teilt auch den Tod aus.Platon schreibt im siebenten Brief, dass die letzte Erkenntnis sich nicht in Worte fassen lässt, sondern aus der gemeinsamen Bemühung um die Sache und aus dem gemeinsamen Leben entsteht diese Erkenntnis plötzlich - wie ein Feuer, das von einem übergesprungenen Funken entfacht wurde. Das Wissen um die letzten Dinge flackert blitzartig plötzlich auf, aber auch nur dem, der sich lebenslang um diese Dinge bemüht hat. Platon bezeichnet das Plötzliche auch als etwas Seltsames, nicht allein rational erklärbares und nennt es atopos, etwas, was nicht an seinem Ort ist.Im Blitz verdichtet sich die Zeit zu einem einzigen intensiven Augenblick. Dieser entblöst die Welt, deckt die Hinfälligkeit und Ziellosigkeit von allem auf. Der Augenblick ist aufrührend, subversiv, anarchisch, er bahnt dem Nachdenken über den Tod den Weg. Er widersetzt sich jeder Ideologie und jeder Institutionalisierung.Im blitzartigen Moment wird sofort klar, dass jeder dem Ungreifbaren ausgeliefert ist. Es hängt von uns ab, wie wir das Leben führen, aber es hängt nicht von uns ab, dass wir es überhaupt führen.In einem weiteren Kapitel philosophiert der Autor über die Grenze und das Grenzenlose. Jeder Augenblick ist einmalig und immer wieder ein Anfang, in ihm beginnt immer wieder von neuem die Schöpfung, deren sichtbarster Ausdruck das Werden und Vergehen ist. Das Grenzenlose bezeichnet kein Unendliches jenseits aller Grenzen, sondern jenen Strudel, der jeden einzelnen Augenblick zu etwas Einmaligem, Einzigartigen und Unvergleichlichen machen kann.Die Notwendigkeit verknüpft unser Sein, schreibt Platon im Theaitetos. Wir sind schon durch unsere bloße Existenz dem Maß und der Notwendigkeit ausgesetzt. Aber sind Grenzen und Bestimmbarkeit wirklich das Letzte, was über das Leben ausgesagt werden kann? Nistet sich das Nichts nicht wie ein Parasit auch ins begrenzte Leben ein?Das Grenzenlose ist nicht jenseits der Grenze, sondern in ihnen. Die Grenzüberschreitung wird dem Menschen vom Grenzenlosen ermöglicht. Nur weil es dieses Grenzenlose im begrenzten Leben gibt, kann er sich dem wenigstens nähern, dem alles Seiende sein Sein verdankt. Anders formuliert: das Nichts ist kein Sein, das das Dasein überragt, noch ist es der Mangel des Daseins, es ist vielmehr das ständige Über-Sich-Hinausfließen des Daseins.Die enorme Kraft, die dem religiösen Augenblick inne wohnt, ist ein weiteres Kapitel des Buches. In diesem Moment erlebt der Mensch sich als außerordentlich gesammelt, voll auf sich zurückgeworfen und gleichzeitig als hilfloses Opfer einer fremden Kraft. Diese Augenblicke brechen plötzlich herein, ohne Vorankündigung, und reißen aus dem gewohnten Lebensrythmus heraus. Im christlichen Verständnis kommt der Mensch darin Gott nahe. Die Blendung des Saulus vor Damaskus, der zu Paulus wurde, ist das bekannteste Beispiel. Alles Bisherige muss zunächst in Verwirrung und Unordnung geraten, bevor das göttliche Licht wirklich begriffen werden kann.In der Kraft des religiösen Augenblickes ist alles durchtränkt von dem, was jenseits des Daseins ist und was nicht einmal als "etwas" bezeichnet werden darf. Dieses erlebte Etwas ist nicht zeitlich zu verorten, weil es im Jetzt vorhanden ist als Ganzes, Eines, Zusammenhängendes. Das vermeintlich Überzeitliche ist aber nicht fern und göttlich, sondern der sich selbst ständig aufhebende Grundstoff des Daseins. Das Ewige ist nicht jenseits der Zeit, sondern ist innerhalb ihrer. Die Ewigkeit ist verliebt in die Hervorbringungen der Zeit. Zeit und Ewigkeit berühren einander.Nicht nur die Gegenwart eines Gottes, sondern auch das gesteigerte Erleben der Vergänglichkeit macht den Augenblick so bedrückend. Im Menschen erwacht das Gefühl, dass er, dadurch dass ihm das Leben geschenkt wurde, um etwas anderes geprellt wurde. Ein Gefühl, dessen schönster Beweis seine Vergänglichkeit ist.
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