Der vorherige Rezensent fasst wichtige Unterscheidungen des Werkes zusammen, beklagt sich aber darüber, dass die Einführung in die Bildtheorie von Wolfram Pichler und Ralph Ubl nicht leicht zu lesen sei. Ich behaupte, sie ist der Komplexität eines Themas angemessen, mit dem sich Philosophen verschiedener Traditionen seit über 2000 Jahren befassen. Ausserdem ist sie ist von einem in diesem Bereich - wo üblicherweise nur die engeren Kollegen und Theoretiker eigener Prägung wohlwollend zitiert werden - seltenen Kenntnisreichtum. Andere Bücher, in denen sowohl wichtige "analytische" Bildtheoretiker wie Nelson Goodman, Dominic Lopes, Kendall Walton, Klaus Sachs-Hombach oder Flint Schier als auch "kontinental" geprägte Denker wie Jacques Lacan, Gottfried Boehm, Lambert Wiesing oder Horst Bredekamp mit hermeneutischem Wohlwollen zitiert und diskutiert werden, kenne ich sonst keine. Allein die Fussnoten ergeben eine Bibliographie, die man anderswo nicht finden wird, weil tatsächlich viele Wissenschaftler doch nur das wohlwollend zitieren, was bereits ihre eigenen Lehrer zitiert haben. Gibt es dort Bezüge zu Denkern anderer Tradition reicht meist schon eine oberflächliche Kenntnis der zitierten Arbeiten aus, um zu sehen, dass sie komplett missverstanden und reduziert wurden. Hier dagegen haben die Autoren es nicht nur geschafft, dies zu vermeiden, was Respekt abnötigt, sondern das kleine Bändchen zeugt auch von einer tiefen Kenntnis von Kunst, Kunstgeschichte und kunsthistorischen Arbeiten, die auf fast jeder Seite spürbar werden und sich in Beispielen und Referenzen niederschlägt. Anders als die höchst konstruierten Beispiele, die sich bei den meisten Bildtheoretikern - und ich gebe hier dem früheren Amazon Rezensenten recht - finden und tatsächlich mehr Kunstferne als Kunstkenntnis zeigen, ist bei Ubl und Pichler der direkte Werkbezug auch dann spürbar, wenn keine konkreten Werke genannt werden. Sätze mit denen theoretische Überlegungen pauschal mit Urteilen wie « durch die Entwicklung der modernen Kunst hat sich diese Unterscheidung als nicht mehr tragfähig erwiesen », bleiben im Werk (anders als in der o.g. Rezension) zum Glück aus. Da frühere Rezensenten wenig Zeit hatten (« Mag sein, dass Pichler und Ubl irgendwo in ihrem Buch auch den Umstand bedenken, dass Bildvehikel und Bildobjekt eins sein könnten, doch wer dies herausfinden will, braucht Zeit. »), will ich hier helfen und eine Textstelle zitieren, die leider erst (sic) auf Seite 41 kommt. Pichler, dem wir den ersten Teil des Buches verdanken, hält hier zwar die richtige und wichtige konzeptuelle Trennung zwischen Bildobjekt und Bildvehikel aufrecht, aber zeigt auch, dass sie in produktive Verhältnis treten können: "Das Erkennen eines Bildobjekts (Bildinhalt) kann unter Umständen also als ein Prozess erfahren werden, der zwischen dem Bildvehikel und Bildobjekt oszilliert. In ästhetischen Kontexten kann es vorkommen, dass gerade die Interaktion zwischen beiden Instanzen kultiviert und genossen wird." Dies und die fotografierte Seiten mögen einen Eindruck des Stils vermitteln.Wie andere systematische Arbeiten, eignet sich das Büchlein tatsächlich nicht als das Nachschlagewerk - das der Titel vielleicht suggerieren mag - sondern präsentiert eine neue, kenntnisreiche Bildtheorie, aber es honoriert interessierte und engagierte LeserInnen mit zahlreichen Einsichten und klugen Beobachtungen.